Außerdem tat es gut, nach den Strapazen und seelischen Erschütterungen einfach abschalten zu können. Doch nun, da er wach war, stürmten alle Erinnerungen auf ihn ein und zwangen ihn, sich mit den Problemen zu befassen, die ihrer harrten. Immerhin war eines davon schon gelöst gewesen, ohne dass er sich groß darüber Gedanken gemacht hatte, was ihn ehrlich gesagt ziemlich rot werden ließ. Mit dem Beschaffen der Weihnachtsgeschenke hatte er sich überhaupt nicht beschäftigt, da es ihm primär darum gegangen war, den Weihnachtsmann und die Liebe zurück in die Welt zu bringen. Und, nun ja, es war für ihn eine Verständlichkeit, dass abertausende Geschenke in der Scheune lediglich darauf warteten, verteilt zu werden. Es waren immer genug da. Niemals hatte sich jemand Sorgen machen müssen, es würden am Weihnachtsabend nicht genug zur Verfügung stehen. Deshalb war es für Angus von vornherein her klar gewesen, dass es sich hier genau so verhalten müsse. Und die Weihnachtselfen belehrten ihn auch Himmel sei Dank nicht eines besseren. Der dicke, mit einem Ausdehnungszauber versehene, sich in seine Bestandteile auflösende Weihnachtssack nahm, als sie gestern Nachmittag in die Katakomben zurück gekehrt waren, die Hälfte des Aufenthaltsraums ein, weshalb es sehr kuschelig bei der Begrüßung wurde. So war ein Problem gelöst. Und da waren es nur noch zwei. "Wunderbar.", dachte Angus ironisch, "So unverhofft die erste Lösung kam, so lange werden die nächsten beiden warten. Einfach klasse."

Mutlos liebäugelte Angus mit den Gedanken, sich noch einmal auf''s Ohr zu hauen, um den Alltag noch ein wenig zu entfliehen. Doch kaum hatte er sich wieder ein Stück zurück in das Kissen sinken lassen, schwang die Tür mit Schwung auf und Finnig platzte in sein Zimmer - mittlerweile fühlte es sich wirklich so an - herein. Harsch begann er ihm mitzuteilen, dass Luisa und ihre Gefährten auf ihn warteten, weshalb er sich doch bitte aus seinem Bett bequemen und etwas überziehen solle - denn diesen Anblick möchte wahrlich niemand zu Gesicht bekommen (Angus trug nur ein wollenes Unterhemd und Unterhose) - sowie seinen Hintern in den Gemeinschaftsraum bewegen. Von Finnigs Feindseligkeit getroffen, sinnierte er, was ihn gegen sich eingenommen hatte, verstanden die beiden jungen Männer sich doch gestern Abend recht gut. Beinahe war das Gefühl der freundschaftlichen Verbundenheit aufgekommen, als sie einander gegenüber saßen und Angus von ihrer fruchtlosen Reise erzählte. Doch nun war nichts mehr von dieser Kameradschaft übrig. Irgendetwas musste sich im Laufe der letzten Stunden geändert haben. Das bedeutete auch, dass die Gefühlswallungen nicht auf seiner Herkunft gründeten. Doch ehe er seine Gedankengänge weiter spinnen konnte, drehte Finnnig auf dem Absatz um, ließ die Tür sperrangelweit offen und verschwand mit samtenen Schritten. Wie eine Katze.

Noch ehe Angus richtig begreifen konnte, was er tat, war er schon in seiner Schlappen (ein Geschenk der Elfen) geschlüpft und dem wütenden Finnig hinterher gerannt. Seine Schritte hallten im Vergleich ohrenbetäubend laut durch die Gänge. Aber das machte ihm nichts, schließlich wollte er bemerkt werden. Schnell hatte er ihn erreicht, bekam seinen rauen Hemdsärmel zu fassen und wirbelte ihn herum. Nun standen die jungen Männer sich von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Finnig mit einer misstrauischen Miene, die feinen Augenbrauen nach oben gezogen, Angus mit einem ernsten sowie bedauernden Ausdruck auf dem Gesicht. Obwohl Luisa die geballte Schönheit vermacht bekommen hatte, konnte man doch ihre Züge in Finnig wieder erkennen, oder seine in ihr, wie auch immer man es nimmt. Sie besaßen die selbe Wölbung der Nase, die volle Unterlippe, die ausdrucksstarken, feurigen braunen Augen, die hervorstehenden Schlüsselbeine und filigranen Hände eines Pianisten. Beide von harter Arbeit gezeichnet. Deshalb tat es weh, diese Wellen der Abneigung gegen sich branden zu spüren. "Warum hasst du mich so?", fragte Angus schlicht, gespannt auf die Antwort. Doch Finnig antwortete zunächst nicht, starrte gebannt in Angus Gesicht, forschte nach irgendetwas, dass nur er ermessen konnte. Und als er es gefunden hatte, oder auch nicht, so genau konnte Angus das nicht sagen, begann er mit seiner Antwort. Angus hätte mit einigem gerechtet, doch auf diese Sichtweise, diesen Gedanken wäre er nicht gekommen.

"Weißt du, welch ein Hieb es war, meine Schwester vor mir zu sehen, in der Zentrale des Widerstands, wo alle Geächtete sind, wo nicht einer die Chance auf eine Rückkehr besitzt? Dabei habe ich sie in Sicherheit gewähnt!", er rauft sich die Haare und läuft auf und ab, "Nicht glücklich mit ihrer Arbeit, aber immerhin gut versorgt und außerhalb der Gefahrenreichweite! Ein Leben wie meines habe ich ihr nie gewünscht, doch nun ist auch sie eine Verbannte! Weil sie dir geholfen hat!", anklagend zeigte er mit seinem Finger auf Angus. Dieser erwiderte empört, dass ihr schon viel früher etwas geschehen wäre, hätte er sie an jenem schicksalhaften Tag nicht vor dem Prinzen gerettet. "Du hast doch keine Ahnung von den hiesigen Monarchen!", brüllte Finnig, "Sie hätte sich geweigert, ein paar Schläge bekommen und dann ihre Zeit im Verlies abgesessen. Am Ende ihrer Haft hätte sie jedoch in ihre Stelle zurückkehren können! Der Prinz wäre schon längst anderen Röcken hinterher stolziert! Sie wäre sicher! Und jetzt ist sie hier, verbannt! Wer sagt denn, dass man sie nicht gefangen nimmt und foltert, um unseren Aufenthaltsort zu erfahren, unsere Pläne, geht sie mal ein paar Sekunden an die frische Luft?!" Verbissen schaute Finnig vor sich hin, wütend auf Angus, weil er seine Schwester in Gefahr gebracht hat, wütend auf sich, weil er nicht auf sie aufpassen konnte und darauf, dass er diesen Gefühlsausbruch nicht kontrolliert hatte.  Angus war zutiefst betroffen, fühlte er sich doch wirklich ein wenig schuldig. Aber er bedauerte es nicht, sie gerettet zu haben. "Vielleicht habe ich ihr aber genau dadurch eine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben voller Liebe gegeben.", erwiderte Angus ruhig und mit erhobenem Haupt.

Da ertönte eine würdevolle, klare und gut vernehmliche Stimme im Hintergrund: "Es ist wirklich außerordentlich liebevoll von dir, mein Bruder, dass du dich so um mein Wohlbefinden sorgst und nur das Beste für mich willst. Das ehrt dich in höchsten Maßen. Und ich hätte nicht anders gehandelt. Ich liebe dich wie mein eigen Herz. Aber..." ,und als sie das sagt, glimmen ihre Augen feurig, ihre Stimme jedoch war noch immer besonnen und ruhig "...ich weiß mir selbst zu helfen. Seit dem Tod unserer Eltern haben wir uns durch die kalte Welt schlagen müssen, hatten nur uns zwei und unsere innige Zuneigung. Sie hat gereicht, mehr als das. Sie hat uns am Leben gehalten. Es gibt nichts Wertvolleres als die Liebe, weshalb dein Kampf auch der meinige ist. Und es ist auch mein Ziel, die Liebe zurück in die Welt zu bringen, weshalb ich an deiner Seite stehen werde, Finnig. Und an der der Elfen." Liebevoll blickt sie ihren Bruder an, aber auch nachdrücklich, keine Widerworte duldend. Und so wendete sie sich rigoros an Angus, der sie voller Zuneigung betrachtet. Auch ihr Gesicht wurde für einen Moment weicher, doch dann erinnerte sie sich, weshalb sie hier war und ihre Miene verdüsterte sich. "Angus, sie haben deinen Bruder." Völlig entgeistert schaute dieser sie an. "Das kann gar nicht sein. Die sind doch in meiner Welt." Bedauernd schüttelte sie den Kopf. "Nein. Lennart wurde per Anordnung des Königs festgesetzt." Und so bestand kein Zweifel mehr daran, dass sein ältester Bruder ihm wirklich gefolgt war. Ein Feuer loderte in ihm, zehrte ihn auf und würde erst dann aufhören zu wüten, wenn sein Bruder in Freiheit wäre. Angus blickte Luisa fest in die Augen. "Ich muss ihn befreien." Ein entschlossener Zug bildete sich um ihren einen Mundwinkel herum, den anderen umspielte ein halbes Lächeln. "Ich weiß. Heute Abend geht es los." Mit innigem Verständnis starrten sie einander an. Und noch ehe Finnig etwas gegen ihren Plan Einwände erheben konnte, ertönte es aus dem Hintergrund: "Man, langsam ist es wirklich langweilig in unserem Versteck geworden. Es geht doch nichts über ein wenig Nervenkitzel hier und dem ein oder anderen Einbruch da." Kilian prustete über Joels Worte los, die anderen stimmten mit ein. Dieser gespielt entrüstet: "Aber das ist doch wahr!"

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