Die Straßenlaternen waren ausgeschaltet, um Strom zu sparen, und wurden erst angeschaltet, wenn sich die ersten Rangoberen auf begaben, so dass die Lichter meist nicht vor 08:00 Uhr ihr kühles Licht über das Pflaster ergossen. Diesem Umstand war es zu verdanken, dass die hell gekleideten Körper sich schnell vom einen Fleck zum anderen begeben konnten. Binnen kürzester Zeit fanden sie sich kurz vor einer Mauer wieder, die im Gegensatz zum Rest der Stadt hell erleuchtet war: die Grenze zum Anwesen des Hauses der Aurelian. Dieser folgten sie eine viertel Stunde lang. Während sich die zwei großen, breiten Begleiter Luisas Gedanken über die Rettung machen, jeden Schritt noch einmal durchgingen, Wachpläne der Posten im Geiste überprüften und jede zweite Minute auf die Uhr schauten, sehr darauf bedacht, den Wachwechsel nicht zu verpassen, musste die kleine, zierliche Person, welche in der Mitte ging, an die vielen Jahre im Gemäuer denken, welches zu ihrer Linken gen Himmel ragte. Ein großer, kalter Kollos, den zuvor nur wenige hatten überwinden können. Und dennoch machte sie sich keine Sorgen, der Einbruch könne misslingen. Niemand kannte die geheimen Gänge und Schleichweg, Nischen und Fluchttüren so gut wie sie.  So formte sich aus dem Wirbel von Farben und Schemen eine Szene in ihrem Kopf, die ein kleines Mädchen zeigte, das auf die Frage der fülligen, in schwarz gekleideten, Schürze tragenden Frau mit faltigem Gesicht und einfühlsamen Augen antwortete: "Nein, Madam. Die sind schon lange tot." Mit den Tränen ringend und belegter Stimme sprach es weiter. "Seit klein auf waren Finnig und ich bei Miss Dorothy, wie alle anderen elternlosen Kinder. Bis er adoptiert wurde. Von einer großen Dame mit Seidenhandschuhen und ganz viel Geschmeide (das Wort, so erinnerte sie sich, hatte damals  einen großem Eindruck auf sie gemacht). Und dann starb... .", zum Ende des Satzes hin verstummte sie ganz und drehte sich, von ihrem Gefühlsausbruch ganz überrumpelt, von dem alten Großmütterchen weg. "Gnade Debora und Ivo, sie ist eine von der harten Sorte. Gut für dich, Mädchen. Sonst würdest du hier nicht lange überleben. Hör mir zu.", sagte die Alte und drehte sie um, "Dass du mir nur gut zuhörst. Es wird schwer werden, hart, sehr hart. Aber besser als draußen. Wenn du dich nur unauffällig verhälst und keinen Ärger bereitest, könntest du eines Tages frei sein." Mit diesen Worten drückte die schrumplige Hand die sehnige, Hagere. Vertrauensvoll schauten die rehbraunen, großen Augen hinauf und der hinschwindenden Frau schoss die Bitte, es war ihre letzte, durch Kopf, Luisa würde zu keiner Schönheit heranwachsen. In der Nacht darauf verstarb sie. Ihr Wunsch wurde ihr nicht gewährt. Dem Prinzen sollte dieser Umstand auch nicht entgehen.  Mittlerweile waren sie an dem Gitter angelangt, durch welches man sich, wurden die beiden linken Stangen lang genug gedreht,  mit angehaltenem Atem hindurch zwängen konnte. So schlüpften sie schnell hinein, verschwimmende, unscharfe Umrisse, die sie waren, und rannten, nah an den Erdboden geduckt, Diagonal zu einem abgelegenen Gebäudekomplex, nicht viel größer als ein paar Quadratmeter Oberirdisch, dessen Katakomben und Kerker sich jedoch in einem weit verzweigten Netz unter der Stadt ausbreiteten. Wie ihre Vorfahren das geschafft hatten, war ihr ein Rätsel, doch dankte sie ihnen nun, da es darauf ankam, inbrünstig, aber noch mehr siegte ihre Freude daran, dass sie manch freien Abend dort unten verbracht hatte und die Gänge nahezu auswendig kannte. Zumindest insofern, als dass sie sich in einem Umkreis von einem Kilometer zurecht fand. Gerade hatten sie die Tür erreicht, als eine Stimme ertönte: "Halt! Was machen sie da? Keine Bewegung!" Scheinwerfer wurden auf sie gerichtet. "Verdammt", zischte Joel, "eine Minute zu früh! Du hast doch den Schlüssel, oder? Sag mir bitte nicht, dass du ihn nicht hast." Beinahe gemächlich zog Luisa ihre Handschuhe aus, drückte sie Kilian in die Hände, drehte sich um und setzte ihr charmantestes Lächeln auf. "Was treibst du da? Verflucht noch eins!", knurrte Joel. Doch Luisa breitete unbeirrt ihre Hände aus und redete in sanftem, einnehmenden Ton: "Aber meine Herren, es besteht absolut keinen Grund zur Beunruhigung. Wir sind nur zur Routine-Untersuchung hier." Trotz ihres vor Selbstvertrauen strotzendem Auftreten glaubte man ihr kein Wort, doch Kilian, der sofort begriffen hatte, was Luisa da tat, hatte sich heimlich zur Tür geschoben und mit dem Schlüssel, den sie ihm, versteckt in den Handschuhen, überreicht hatte, das  Schloss aufspringen ließ. Genau diese paar Sekunden der Ablenkung hatten es ihnen ermöglicht, sich durch die Tür zu retten, sie hinter sich zu verbarrikadieren, die Treppen hinunter zu poltern und zu Angus´Zelle zu gelangen. "Immer noch genau die selben, von sich selbst überzeugten Hohlköpfe.", sagte Joel, als er den neben der Tür hängenden Schlüssel vom Haken glaubte und ins Schloss steckte. Lärm drang an ihre Ohren. Der Ansturm gegen die Eingangstür hatte mittlerweile begonnen. Höchste Eile war nun geboten. Gespannt, für wen sie die ganze Aktion auf sich genommen hatten, stürzten Joel und Kilian in die kleine Zelle hinein, woraufhin diese völlig überfüllt war. Überrascht blickte der aus dem Schlaf geschreckte Angus seine Retter an. "Joel Sullivan und Kilian Mackintosh. Geächtete und Retter. Zu ihren Diensten.", machte Kilian ihre Aufwartung. Perplex und zugleich erfreut erwiderte er: "Angus Aurelian, höchst erfreut." Und nun war es an den beiden, überrascht zu sein, war dieser Name doch Landauf und Landab bekannt. "Jungs.", erschalte Luisas gereizte Stimme, die von dem Ganzen nichts mitbekommen hatte, "für Geplänkel ist auch später noch Zeit. Oder auch nicht...", fügte sie trocken hinzu, als oben das Bersten von Holz zu hören war. "Ich fürchte, wir werden nicht lang genug leben." Als eine Masse stürzten die drei massigen Männer heraus und rannten Luisa hinterher, die sich bückte und eine Bodenluke öffneten, welche sie sonst übersehen hätten. Gekonnt schwang sie sich in die Öffnung und kletterte behände die Sprossen hinab."Wer nachher noch lebt, bekommt einen deftigen Eintopf." Und obwohl die Situation so prekär war, hätte Angus am Liebsten über diesen absurden Kommentar gelacht. Ein lauter Knall ertönte, das Holzbrett, nun in mehrere Einzelteile zerlegt, fiel zu Boden. Die Jagd war nun eröffnet.

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