Er würde also warten müssen, bis jemand kam, um nach ihm zu schauen. Er hockte sich in eine Ecke seines kleinen Verlieses und kauerte sich so fest wie möglich zusammen, damit er nicht so viel Wärme verlor. Vor sich sah er immer noch die lebendigen, feurigen Augen der jungen Frau, die er heute Mittag vor dem zweiten Schlag bewahrt hatte. Er konnte nur hoffen, dass sie es geschafft hatte, von dem Mann fort zu kommen. Was für ein arroganter Lackaffe! Aber auch, wenn er wirklich nur ein verweichlichtes kleines Prinzchen war, hatte er einen harten rechten Haken. Der Schädel brummte immer mehr. Geradde, als sich Angus an den Kopf fasste, um sich die Stelle zu reiben, an der ihn der Schlag getroffen hatte, schon sich ein Gesicht über die Gitter oben und die Stimme einer jungen Frau rief leise zu ihm nach unten: "Fremder! Geht es dir gut?" Angus sah nach oben und blickte in das Gesicht der Frau, die er mittags gerettet hatte. Mit traurigem Blick schaute sie zu ihm herab. "Ja, es geht mir gut! Ist nur ein bisschen kalt hier unten. Wo bin ich und wie bin ich hierher gekommen?" "Du bist im Schuldnerloch des Prinzen gelandet. Normalerweise kommen hier nur Leute hinein, die ihre Schulden bei dem Prinzen nicht bezahlen können. Aber kurz, nachdem er dich KO geschlagen hat, hat er dich hier hinein werfen lassen. Ich habe es aus sicherer Entfernung beobachtet und bis zur Nacht gewartet, um mit dir zu reden." "Was" fragte Angus, "wird mit mir geschehen? Ich nehme nicht an, dass er mich so einfach wieder gehen lässt." Da wurde der Blick der jungen Frau noch ein wenig trauriger und mit heiserer Stimme sagte sie ihm, dass er morgen vermutlich in den Kerker der Stadt gebracht wird. Er habe sich einem der Prinzen der königlichen Familie widersetzt und dafür würde er hart bestraft werden. "Ich habe jedoch Freunde, mit denen ich bereits gesprochen habe. Wir werden dich aus dem Kerker wieder heraus holen. Bitte verzweifle nicht. Wir setzen alles daran, damit du wieder auf freien Fuß kommst. Nie hat sich ein Fremder so für mich eingesetzt. Ich möchte dir dafür danken!" Für einen kurzen Augenblick sahen sich Angus und die junge Frau tief in die Augen. Doch der Moment verflog. Sie rief noch "ich muss jetzt wieder gehen. Bitte denk dran, dass wir dich befreien! Und ach ja.... mein Name ist Luisa." "Ich bin Angus", rief er ihr hinterher. Jedoch wusste er nicht, ob sie es noch gehört hatte. Sie war schon fort. Luisa also. Nun hatte er zu den lebendigen Augen auch einen Namen und eine Stimme - und die Hoffnung darauf, bald wieder frei zu sein. Mit dieser Hoffnung im Herzen schlief er für kurze Zeit wieder ein.

Es dauerte jedoch nicht lange und er wurde mit rüden Worten aus dem oberflächlichen Schlaf gerissen. Das Gitter wurde geöffnet und eine Leiter herein geschoben, an der er aufsteigen sollte. Oben angekommen, wurden ihm die Hände auf den Rücken gebunden und er in Richtung Tor gestoßen. Draußen war es noch dunkel. Es musste also früh am Morgen sein. Leise rieselten Schneesterne vom Himmel. Doch Angus konnte ihre Schönheit heute nicht bewundern. Vorbei an großen und kleinen Häusern - alle weiß -  wurde er durch die Stadt getrieben, bis er schließlich vor dem Palast stand. Dort hatten sich schon einige Menschen vor dem Tor versammelt, die ihrer Beschäftigung im Palast nachgehen wollten. Als Angus für einen Augenblick den Kopf hob, sah er in zwei Augen, die er kannte. Da war sie - Luisa. Sie hatte ihn also nicht vergessen. Leider hatte sie auch Recht gehabt mit ihrer Annahme, dass er in den Kerker geworfen wird. Zumindest war das seine Vermutung.

Nachdem sie das Tor passiert hatten, wurde er in ein großes Gebäude etwas abseits vom eigentlichen Palast geführt. Dort wurde er von zwei übellaunigen Gesellen empfangen, die gar nicht erfreut waren, dass sie wegen ihm bei ihrem Frühstück gestört wurden. Sie stießen ihn hierhin und stießen ihn dorthin. Schließlich löste eine der Wachen einen großen Schlüsselbund von seinem Gürtel und schubste Angus in einen langen dunklen Gang. Vorbei an schweren Eichentüren mit einer Luke im oberen Bereich gelangten Angus und die Wache schließlich zu einer noch offen Tür, durch die er nun gestoßen wurde. Mit einem lauten Knall fiel die Tür zu und Angus war allein. Durch das unverglaste kleine Fenster an der gegenüberliegenden Wand fiel das erste Tageslicht. Kurz rüttelte er an den Gitterstäben, die sich jedoch keinen Millimeter bewegten und setzte sich dann auf die Pritsche, die im Raum stand. Mehr gab es an Einrichtung nicht. Aber wenigstens lag auf der Pritsche eine - wenn auch dünne - Decke. So konnte er sich wenigsten ein bisschen vor der Kälte schützen. Nun konnte er nur noch hoffen, dass Luisa und ihre Freunde Wort hielten und ihn hier wirklich heraus holten. Müsste er für lange hier bleiben, würde er vor Trauer und Sehnsucht nach seiner Familie zu Hause sterben.

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