In den zeitigen Morgenstunden musste er sich bereits aus dem Bett bewegen, machte es ihm doch nichts aus, da es Zuhause nicht anders gelaufen wäre. So begab er sich hinunter zum Frühstück, wo schon der wortkarge, finster dreinblickende Gerber wartete. Nachdem Angus´ freundlich-heitere Versuche, ein Gespräch ins Laufen zu bringen, scheiterten, machte auch er sich stumm über seine Mahlzeit, war doch das Handwerk eines Gerbers ein sehr anstrengender Beruf, bei dem man all seine Kräfte brauchte. So verließen sie kurz darauf die Wohnung in Richtung der äußeren Stadtbezirke, wo die meisten Gilden ihren Sitz hatten. Auch dort erstrahlten die Fachwerkshäuser in einer kalten, makellosen Pracht. Angus war im Allgemeinen erst dadurch aufgefallen, dass sie sich mittlerweile im Arbeiterviertel befanden, weil immer mehr Leute sich auf der Straße tummelten, deren Kleidung außerdem von Mal zu Mal schlichter und funktioneller wurde, je weiter sie kamen. Außerdem lag ein Ausdruck von Abgestumpftheit und Resignation auf ihren Gesichtern. Schlimmer noch: als hätten sie über ihre Resignation resiniert. Und so sah er sich mit den Anzeichen einer diktatorischen, seine Bevölkerung negierenden Herrschaft und dem schon lange anhaltenden Leid der Bevölkerung konfrontiert.  Weiterhin kam ihm die Eingebung, dass die Gegend nicht der Bürger willen dermaßen in Stand gehalten worden war, sondern weil es für die Königlichen und Adligen eine Schande wäre, sähe ein Teil ihres Herrschaftsgebiets nicht vorzeigbar aus. Wahrscheinlich wollten diese auch vermeiden, resümierte Angus, dass das Volk sich wehre, oder gar noch auf sie aufmerksam gemacht worden wäre und andere Länder in ihre Geschäfte eingriffen. Im wurde beinahe schlecht bei dem Gedanken, sein Großvater könne wirklichen mit diesen Herrschern, diesem Geschlecht der Aurelian, verwandt gewesen sein. Und er betete, es würde nicht zutreffen. Diese Gespenster verfolgten ihn die gesamte erste Schicht seiner Arbeitszeit über, welche zur Mittagspause enden würde, von der Weiche bishin zur Beize. Das Verarbeiten von Tierhäuten erwies sich als ebenso beschwerlich und gefährlich, wie es das zu Hause war. Doch stauten sich die Dämpfe und Chemikalien unter der Decke an, da es verboten war, wie er zu hören bekommen hatte, diese tagsüber aus dem Schornstein und den Fenstern entweichen zu lassen, weil es einen unschönen Anblick bieten würde. So mussten die Angestellten nicht nur mit den Häuten kämpfen, sondern auch mit den erstickenden Dämpfen, was letztendlich dazu führte, dass alle zwei bis drei Stunden mindestens einer der erschöpften Gestalten umkippte, vielen anderen drohten die Ohnmacht. Dieser Umstand alleine würde einem schon zu schaffen machen, doch das Wissen darum, wie anders es in der Weihnachtswerkstatt verlief, machte Angus traurig und wütend zugleich. Hier sang niemand ein Lied, niemand unterhielt sich mit seinen Kollegen über seine Familie, seine Aktivitäten, kürzlich erlebte oder gesehene Geschehnisse sowie Neuigkeiten und, kurz gesagt, ihr Leben. Es war strikt verboten, zu reden oder eine Pause einzulegen, sei es auch um etwas zu essen oder zu trinken. Wenn sie etwas zum Beißen hatten. Ein paar Mal hatte er das heimliche Werkeln eines Arbeiters gesehen, wobei er versuchte, etwas von dem Fleisch, welches bei dem mechanischen Entfernen der unteren Bindehautgewebegeschicht abfiel, abzuzweigen. Ironisch dachte er, dass es bald so weit sei und sie ihren Stuhlgang bitte auch noch in der Pause erledigen sollen, sie nur noch von Arbeit und Anstrengung leben sollten. So war er schon unfassbar wütend, als er in die Pause ging. Noch mehr, als er kleine Kinder sah, nicht viel älter als 10 Jahre, die mehrere Säcke voller Kohlen auf einem kleinen Schlitten hinter sich her zogen, schwer darauf bedacht, dass keine herunter fiel. Mit zusammengebissenen Zähnen zerrten sie am Strick, setzten Fuß auf Fuß und entschwanden seinem Blickfeld, nichts als die Abdrücke von Kufen hinter sich lassend, was recht bemerkenswert war, bedachte man, dass sowieso schon viele Leute unterwegs waren, die ebenfalls Spuren hinter sich ließen. Angus dachte, seine Laune könne nach dieser Prozession nicht noch schlechter werden, doch er täuschte sich. Es ging damit weiter, dass der Bäcker, welchen er aufsuchte, keine Plätzchen, Lebkuchen, Stollen und desgleichen führe, ebenso wenig wie jeglicher andere Laden. Auf die Frage, was es denn sonst so zu Weihnachten an Backwaren zu kaufen gäbe, antwortete der gestresst wirkende Bäcker: "Womit kommst´n du mir an, Bursche? Weihnachten, dass ich nich´ lache. Bin froh, wenn ich die unersättlich´n Mäuler der Großschwätzer stopf´n kann. Sonst komm´n se´noch selbst vorbei! Brauch nicht solche wie dich, die mir die Arbeit noch schwerer mach´n müssen. Tut mir leid, Kleener." Und mit diesen Worten hat der Bäcker sich umgewendet und ist durch die Tür, welche in die hintere Backstube führt, wieder an seine Arbeit zurückgekehrt. Schließlich hatte Angus sich ein Stück Brot gekauft und damit auf die Mauer eines der angrenzenden Grundstücke gesetzt. Langsam hatte er seine verspannten Knochen gelockert und ein paar große Bisse genommen, als er hörte, wie ein Körper zu Boden stürzte und ein dumpfer Widerhall ertönte. Er blickte auf und sah eine junge Frau stürzen, die störrisch ihrem Widersacher dabei in die Augen sah und voller inbrünstiger Verachtung sagte, sie würde nie wieder ein Fuß in dessen Gemäuer setzen. Sie kündige und würde für kein Geld der Welt für einem derartigen Großkotz ar..." Da erschall der erste Schlag, peitschend schallte er durch die Gassen. Der wohl uniformierte, gut aussehende Adlige, mit einem vom Hass verzehrten Gesicht, schrie empört auf und überschüttete sie mit einem Schwall von Beleidigungen. "Und erst recht nicht einem Lackaffen wie Sie, Herr Prinz." Der Prinz, wie es schien, holte erneut aus, doch da war Angus bereits aufgesprungen und hatte sich zwischen die beiden Gestalten geworfen und den Schlag abgefangen, welcher für das aufbegehrende Mädchen gedacht gewesen war. Noch ehe Angus fragen konnte, ob mit ihr alles in Ordnung sei, erwischte ihn ein weiterer Schlag, diesmal an der Schläfe. Noch ehe er irgendetwas anderes tun konnte, wurde alles schwarz.  Als er für einen kleinen Augenblick aus seinem Dämmerzustand erwachte, fand er sich auf einer Pritsche wieder, die in einer 2 m2 großen Zelle zu hängen schien. Durch die Gitter hoch über seinem Kopf fiel der Lichtschein des Mondes. Sie hatte so glühende Augen, dachte er, voller Leben. Und jetzt würde ich nicht einmal erfahren, ob sie es geschafft hat. Dann sank er zurück ins Reich der Dunkelheit.

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