Er konnte es nicht glauben, gefasst worden zu sein. Wie hatte er nur so unvorsichtig vorgehen können? Wer stand jetzt noch für die Straßenkinder und Waisen ein, welche geschenkelos ihr Weihnachtsfest verbringen mussten? Etliche Male hatte er sie zu Weihnachten besucht und versucht, ihnen irgendwie das Fest zu versüßen. Ein einzelner Elf konnte weiß Gott nicht für jedes dieser Kinder ein Geschenk herstellen. Und er wusste, wovon er sprach, schließlich hatte er es am Anfang seiner Verbannung oft genug versucht. Deshalb hatte er auch früher den Sack des Weihnachtsmannes entwendet, um die weniger Begünstigten zu beschenken. Sie hatten ein so hartes Leben, welches von Entbehrung gezeichnet war. Aber auch das wurde vereitelt und so musste er anderweitig sein Glück versuchen. Viele Petitionen hatte er gestartet, Basare veranstaltet  und Besuche abgestattet, mit mäßigem Erfolg, doch war das Strahlen der paar Kinder, welchen er kurzzeitig hatte helfen können, die harte Arbeit wert. Natürlich musste er auch sagen, dass nicht alle für seine Hilfe dankbar waren, manche machten sich, nachdem sie ihr Präsent erhalten hatten, schleunigst auf den Weg in ihr Versteck, damit niemand ihnen ihre neueste Errungenschaft streitig machen konnte. Auch zwischendurch hielt er seine Schützlinge im Auge, meist auf dem Rücken einer seiner Wolfs- Freunde sitzend, blickte er aus dem Himmel auf sie hinab. Seufzend streckte Eowyn seine Arme durch, lockerte seine Beine und setzte sich auf. Langsam spürte er seine Kräfte wieder erwachen. Das Eisenpulver setzte ihm doch arg zu. Doch langsam ließ die Wirkung nach. Behutsam setzte er einen Fuß nach dem anderen auf den Boden. Die Kälte strömte sehr schnell durch die dünne Sohle seiner Schuhe. Sie bestanden lediglich aus einer dünnen Stoffschicht. Nachdem er ein paar Schritte gegangen war, hörten seine Füße auf zu kribbeln und er konnte wieder bedenkenlos hin und her laufen. Die Zelle maß in der Länge ungefähr zwei Meter und in der breite zweieinhalb. Nicht sonderlich groß, aber immerhin sauber. Hin und her, hin und her, vor und zurück.

Mittlerweile war es drei Uhr in der Früh. Die meisten Tiere schliefen noch in himmlischer Ruh, außer... Von draußen vernahm Eowyn ein Scharren. Jemand kratzte an der Hauswand. Ein leises Winseln war zu hören, danach ein unterdrücktes Knurren. Pure Freunde überkam ihn, seine Freunde waren gekommen, sie würden ihn nicht im Stich lassen. Natürlich nicht. Sie waren schon seit so langer Zeit Genossen, dass etwas anderes nicht auszudenken gewesen wäre. Wären sie in an seiner Stelle gewesen, hätte er ebenso gehandelt. Sein Herz strömte über vor Liebe und Zuneigung. Als er alles verloren geglaubt hatte, vor mehr als hundert Jahren, und vor Kälte bibbernd in einer der Höhlen lag, sich darüber im klaren, bald den Tod zu finden, jeglicher Hoffnung beraubt, da kamen sie, legten sich an seine Seite, wärmten ihn und gaben ihm ein Zuhause, Freundschaft. Eine halbe Stunde verging. Langsam wurde es Zeit zu verschwinden, um nicht von jemandem unliebsam überrascht zu werden. Er zollte den Weihnachtselfen insofern Respekt, ihn überrumpelt und gefangen genommen zu haben. Dazu bedarf es normalerweise einiger Anstrengung, vor allem wenn man bedachte, welch hohes Alter er mittlerweile maß. Nicht mehr lange und er feierte seinen 121'ten Geburtstag. Doch nun musste Eowyn sich beeilen, bald würde wieder Bewegung in den Mauern herrschen, die Elfen würden erwachen und nach ihm sehen.  Mühelos streifte er seine eigentliche Gestalt ab. Ein Zittern erfasste ihn und Sekunden später war er wieder so dunkel wie die Nacht, körperlos und mächtig. Lässig schwebte er durch die Kupfergitter seiner Zelle, glitt den Gang entlang zum Ausgang. Niemand begegnete ihm auf seinem Weg nach draußen. Zufrieden begrüßte er seine großen pelzigen Freunde. Ihre Augen spiegelten das Licht des Mondes wieder und glänzten feucht. Jauchzend macht Nanouk, die Alpha- Wölfin, einen Satz und fegte Eowyn zu Boden. lachend versuchte er sie abzuhalten, doch da hatte sie ihm schon mit ihrer feuchten Zunge die Wange abgeschleckt. Er hatte sie sehr vermisst. Er schwang sich, wie unzählige Male zuvor, auf ihren Rücken und so stieß sie sich mit kräftigen Hinterläufen vom Boden ab und verschwand in der Dämmerung. Das Rudel folgte ihr auf dem Fuß.

Ein Tumult brach los, als Eowyns Verschwinden bemerkt wurde. Siridean machte seiner Unmut Haare raufend Luft. Das konnte doch nicht wahr sein! Und ein weiteres Mal hieß es, den Aufstieg zum Mondberg zu bewältigen. Seine Muskeln fingen schon an, beim  Aufstehen zu protestieren. Er seufzte tief. Also auf ein weiteres Mal. Somit verging Sirideans und Tjaras Tag, in dem sie sich wiederholt durch den dichten, unwegsamen Wald schlugen.i

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