Lennart war den ganzen Tag gelaufen - immer den Rücken im Wind. Und tatsächlich - gegen Abend machte er die Mauern der weißen Stadt am Horizont aus. Er beschleunigte seine Schritte und stand zwei Stunden später, mittlerweise war es dunkel geworden, vor den Toren und bat um Einlass. Die Wachen, die sich durch Lennart gestört fühlten, machten nur unwillig die Klappe im großen weißen Tor auf und fragten unwirsch: "Wer bist du und was ist dein Begehr?" Lennart hatte nicht erwartet, mit offenen Armen empfangen zu werden. Jedoch hatte er mit so viel Unwillen nicht gerechnet und antwortete trotzig: "Ich bin ein weit gereister Wandersmann und suche eine Unterkunft für die Nacht!" Mit einem lauten Knall schloss sich die Luke und das Tor wurde einen Spalt weit geöffnet. Ein Wachposten brummte ihn an, dass er reinkommen und sich dann schnell vom Acker machen soll, was Lennart nur zu gern tat. Mit diesen üblen Gesellen wollte er nichts zu tun haben.

So lief er durch die Stadt, bestaunte die weißen hohen Häuser und die Menschen, die zu dieser Zeit noch auf den Straßen unterwegs waren. Er wunderte sich darüber, dass ein jeder mit verschlossenem Gesicht nach unten auf den Gehweg starrte und keine Notiz von seinen Mitmenschen nahm. Das ist zu Hause ganz anders, stellte er resigniert fest. Den Menschen hier muss Schlimmes widerfahren sein, wenn sie so griesgrämig sind. Aber damit konnte Lennart sich nicht weiter befassen. Er hatte ein viel dringlicheres Problem: Er brauchte eine Bleibe für die Nacht. Im Winter bei Eiseskälte wollte er nicht auf der Straße übernachten. Also schaute er sich weiter um, ob er einen Gasthof oder dergleichen finden kann und blieb abrupt vor einem Bäcker stehen. Von innen war noch alles beleuchtet und augenscheinlich war das Geschäft noch geöffent. Er sah den Bäcker hinter seiner Verkaufstheke stehen und Kunden bedienen. Bis wann haben hier denn die Geschäfte auf, wunderte sich Lennart. Da er jedoch den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte und hungrig war, betrat er den Laden, kurz bevor eine Patrolie hinter ihm die Straße überquerte.

Drinnen war es schön warm und duftete angenehm nach frischen Brot und Brötchen. Lennart lief das Wasser im Munde zusammen und er wartete ungeduldig, dass er endlich an der Reihe war. Als er endlich vor dem Bäcker stand und seine Bestellung aufgeben konnte, fing sein Magen schon laut an zu knurren. Der Bäcker lachte und gab ihn ein extra Brötchen, von dem er annahm, dass er es an diesem Tag nicht mehr verkaufen würde. Mittlerweile war es wirklich spät und auch er wollte nach Hause gehen. Lennart biss herzhaft in sein Brötchen und bestellte mit vollen Backen einen halben Stollen und Lebkuchen. Der Bäcker sah ihn mit einem erstaunten Blick an, den Kopf leicht schief gelegt und sagte ihm, dass es sowas in der Bäckerei nicht gab. Da erst bemerkte Lennart, dass der Duft, der durch die Bäckerei zog, eher von herzhaftem als von süßem Gebäck stammte und keinerlei Kuchen in den Auslagen lag. Verwunderte schaute er sich um. Wie konnte es sein, dass um die Weihnachtszeit keine Stollen und Lebkuchen angeboten wurden? Das fragte er den Bäcker dann auch und wieder sah der ihn mit geneigtem Haupt sehr eigentümlich an. Naja, sei es drum. Lennart bestellte eben Brot und bezahlte. Der Bäcker nahm das Geld entgegen und schaute schon wieder so merkwürdig. Nun wurde es Lennart aber zu bunt. "Was schaust du mich immer so an, als ob du dich von mir veralbert fühlst? Ich bin doch nur ein ganz normaler Kunde." Der Bäcker, der sich nicht ganz sicher war, ob er nun veralbert wurde oder nicht, anwortete ihm: "Vor einigen Tagen war ein junger Bursche hier, der ebenfalls Stollen und Lebkuchen kaufen wollte. Als ich ihm erklärte, dass wir hier sowas nicht haben, hat er ebenfalls ein Brot gekauft und mit Geld bezahlt, dass wir hier nicht kennen, jedoch genau wie deine Münzen aussieht. Hier habe ich es noch." Und mit diesen Worten kramte er in der Schublade und hielt er ihm einige Münzen unter die Nase, die Lennart unschwer als Geld aus seiner Welt erkennen konnte. "Das muss mein Bruder Angus gewesen sein!", rief er erfreut. "Ich bin auf der Suche nach ihm. Weißt du vielleicht, wo ich ihn finden kann?"

Das Gesicht des Bäckers wurde traurig und er erzählte Lennart, dass Angus ein Mädchen vor Schlägen und Verfolgung durch einen Adligen gerettet hatte und dafür von diesem in seine Schuldengrube gesperrt worden war. In der Zwischenzeit sei er wohl im Kerker des Schlosses gelandet. Mit immer größer werdendem Unbehagen hatte Lennart dem Bäcker zugehört und ihn zu guter letzt gefragt, ob es hier üblich ist, Gefangene aus dem Kerker freikaufen zu können. Der Bäcker sah ihn erstaunt an und sagte: "Du bist nicht von hier. Das hab ich wohl verstanden. Aber in welchem Teil dieses Landes kann man denn Gefangene freikaufen? Nie würde der König dem zustimmen!" In seinen Worten schwang so viel Hass und Verachtung mit, dass Lennart die Augen aufriss. Hatte seine Großmutter doch recht gehabt. Der König war hier nicht beliebt. Jedoch dachte er sich, dass er den Namen Aurelian nicht so in den Dreck ziehen lassen konnte und antwortete ihm sanft. "Sieh, nicht alle Aurelians sind schlecht. Bei euch scheint es kein guter Herrscher zu sein. Aber da, wo ich herkomme, ist der Name Aurelian eine Auszeichnung! Auch ich bin ein Aurelian! Lennart Aurelian, Enkel von Cedrik Aurelian!" Für einen kurzen Augenblick glaubte er, dem Bäcker würden gleich die Augen aus dem Kopf fallen, als er auch schon von hinten gepackt und auf den Boden geworfen wurde. Die Patrolie, die vorhin hinter seinem Rücken die Straße überquert hatte, hatte er nicht hereinkommen gehört.

 

 

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