Den Weg nach Hause hatten Alva und Vika wie in Trance zurückgelegt. Würde sie jemand fragen, was sie auf ihrem Rückweg gesehen haben, könnten sie nicht darauf antworten. Auch zu Hause hatten sie keine Zeit damit verschwendet, ihre Mäntel aufzuhängen oder Sachen zusammenzulegen. Alles, was sie ausgezogen hatten, blieb da liegen, wo sie es verloren hatten. Selbst die Heizung im Schlafzimmer hatte Alva nicht hochgedreht. Eilig waren beide Frauen zu Bett gegangen, zu müde von den letzten Tagen. Dort fassten sie sich noch einmal an den Händen und fielen augenblicklich in einen triefen Schlaf.

Wieder erwachte Alva im tief verschneiten Wald, die weite Ebene mit den Bergen im Hintergrund in ihrem Rücken. Es war kalt und ein leises Frösteln zog ihren Rücken hinauf. Immer noch fühlte es sich so an, als hielte sie Vika‘s Hand. Doch als zu ihrer Hand schaute, erblickte sie darin tatsächlich eine andere Hand. Neben ihr, genau so überrascht wie sie selbst, stand Vika. „Wie ist das möglich? Bist du wirklich hier?“ „Ich verstehe es selber nicht.“, sagte Vika und sah sich verwundert um. „Vor mir ein tief verschneiter Wald“, begann Vika aufzuzählen, was sie sah,“darüber ein wolkenloser Himmel, hinter mir eine Ebene mit vereinzelten Bäumen und Büschen und am Horizont Berge.“ Bei jedem neuen aufgezählten Landschaftsmerkmal hatte Alva stumm genickt. „Wir sind im selben Traum gelandet? Wie kann das sein? Du bist die Weihnacht, nicht ich. Was habe ich hier zu suchen?“ Alva‘s geflüstertes „Ich weiß es nicht!“ ging fast unter, als sich eine viel stärkere Stimme zu Wort meldete.

„Du bist Alva‘s Quelle der Kraft, ihr gutes Gewissen und ihr guter Rat. Du stehst ihr bei, wenn sie Beistand benötigt und bist ihr Ankerpunkt in der Not. Dein Platz ist genau da, wo Alva ist und du bist hier genau so herzlich willkommen wie Alva selbst. Ich freue mich, dich zu sehen, Vika und bin sehr froh, dass Alva dich mitgenommen hat.“ Überrascht starrte Vika in den Himmel, aus dem die Stimme zu kommen schien und auch Alva war erstaunt. Auf die Idee, Vika versuchen mitzunehmen, ist sie eigentlich nie gekommen. Dabei klingt es so logisch, was die Stimme sagte. Aber selbst, wenn sie auf die Idee gekommen wäre, hätte sie immer noch nicht gewusst, wie sie es hätte anstellen sollen und auch jetzt war ihr nicht klar, wie es ihr geglückt ist. „Ihr habt euch an den Händen gehalten und hattet beim Einschlafen das gleiche Ziel vor Augen.“, antwortete die Stimme auf die unausgesprochene Frage. Alva und Vika sahen sich einmal mehr überrascht an. „Und nun, Alva, stell mir die Frage, die dich am meisten bewegt.“

„Wofür willst du meine Energie einsetzen?“, fragte Alva ohne zu zögern. „Ich möchte, dass es nach all den Jahren und Jahrzehnten wieder Weihnachten wird in den Herzen der Menschen und der Kinder.“ „Wir haben erst heute darüber gesprochen, dass Weihnachten nicht mehr das ist, was es einst war. Das keiner mehr seine Nächsten wahrnimmt und die Herzen verschlossen bleiben. Aber wie kann ich dir dabei helfen, dass zu ändern?“, hakte Alva nach. „Das,“, hob die Stimme an, „ist eine Reise, die nur du antreten kannst. Auf ihr werden sich die Dinge offenbaren, die dafür zu tun sind. Wie auf jeder Reise wird es viele Wege geben, die du gehen kannst und davon abhängig werden Ereignisse eintreten und Aufgaben auf dich warten, die ich dir vorher nicht nennen kann. Auch ich kann nicht in die Zukunft blicken. Ich weiß nur, dass du von den Sternen ausgewählt wurdest und sie etwas in dir gesehen haben, dass dich einzigartig macht. Ich glaube an ihre Wahl und ich glaube an dich.“ Lange blieb es still, bevor die Stimme abermals zu vernehmen war. „Du bist nicht allein, Alva. Vika, deine beste Freundin und bedingungslose Unterstützerin hast du selber mitgebracht und auch ich werde dir helfen, wo immer ich kann. Du wirst einen Begleiter an deiner Seite haben, der sich in dieser Welt sehr gut auskennt und dich nach seinem besten Vermögen beraten wird. Beraten – wohlgemerkt, nicht lenken! Die Wahl, welchen Weg du gehst, wird immer bei dir liegen und es ist auch allein deine Entscheidung, ob du die Reise überhaupt antrittst.“

Die Anspannung war schon vor einiger Zeit von Alva abgefallen. Allzu deutlich wurde ihr im Verlauf der Unterhaltung bewusst, dass sie nicht gegen ihren Willen benutzt werden sollte, sondern um Hilfe gebeten wurde. Der Traum mag sie zu sich rufen, ja. Dem konnte sie sich offenbar nicht widersetzen. Aber wie sie diesen Traum lebte, war ihre Entscheidung und darüber war sie sehr froh. Das Glück, Vika an ihrer Seite zu haben, machte ihr die Entscheidung natürlich auch leichter. Nun endlich fühlte sie sich hier so sicher, wie es irgend ging und sie sollte ja auch noch weitere Unterstützung bekommen. „...nach seinem besten Vermögen“, überlegte sie. Was für eine seltsame Formulierung.

Mit einem warmen Blick bedachte sie Vika, die weiterhin an ihrer Seite stand und der Unterhaltung gelauscht hatte. „Heute ist ein guter Tag, die Welt aus den Angeln zu heben und wir sind dabei.“, sagte Vika voller Vertrauen in sie beide und Alva antwortete mit derselben Zuversicht: „Lass uns die Welt aus den Angeln heben!“