Sein Herz setzte einen Moment aus und schlug dann in doppelter Geschwindigkeit weiter. Er krächzte einmal laut vor Überraschung und flog dann von der Gefahrenstelle weg. Das war die natürlichste Reaktion, die er sich in dem Moment erdenken konnte. Danach blieb er stumm sitzen und fixierte die Bäume genau. Er wartete nur darauf, dass die Person sich kenntlich machen würde, indem sie die großen Zweige der Tannen um sie herum beiseite schob oder indem sie noch irgendeinen Ton von sich gab, der auf ihre Bewegung hindeutete. Doch es geschah nichts weiter, weshalb Alem unbehaglich von einen Fuß auf den anderen wechselte.

Er überlegte kurz, wie er sich der Stelle am besten nähern konnte, ohne ein zu großes Aufsehen zu erregen. Erneut ärgerte er sich, dass er nicht einfach die Gestalt einer Fliege oder Mücke annehmen konnte, da jene in diesen Gefilden nicht überlebten. Also konzentrierte er sich nochmals darauf, den Körper einer Maus einzunehmen. Er schloss seine Augen und streckte seine tastenden Fühler hinaus, welche versuchten, die Energie des lebendigen Leibes unter der Schneedecke zu erahnen. Und er wurde sogar fündig, was ihn ungemein überraschte. Die letzten Tage hatte er nicht den Hauch einer Spur gehabt, obwohl er die kleinen Nager immer um sich herum hören konnte. Verwunderung durchzuckte ihn, doch statt sich diesem Gefühl hinzugeben, lenkte er seine Gedanken zur Maus hin. Er durchdrang jede Faser ihres Seins, er fühlte den eisigen Schnee unter den kleinen Tatzen, er spürte die kalte Luft an der feuchten Nase und er sah mit großen Augen den Weihnachtsmann an, welcher in einem schwarzen Mantel mit dunkelgrünen Hosen vor ihm stand. Sein Blick war nicht minder geschockt.

Er seufzte einmal tief, packte die Ratte, welche ganz reglos und stumm in seiner Hand verharrte, und entmaterialisierte sich wieder. Es fühlte sich so an, als würde jemand an den Gliedmaßen der Ratte ziehen und ihr Inneres würde einmal von innen nach außen gekehrt werden. Ein so scheußliches Gefühl hatte er bisher nur einmal erlebt - als eine Eule ihn gefangen und zerfleischt hatte. Doch ansonsten kam nichts an dieses Erlebnis heran... Bis jetzt...

Als sie endlich in der Weihnachtsstadt ankamen, setzte der Weihnachtsmann Alem behutsam auf dem eichenen Tisch ab, auf welchem dieser erst einmal die ersten paar Schritte taumelte, bis sich seine Tasthaare an die Umgebung gewöhnt hatten. Der alte Mann ließ sich derweil in seinen samtenen Sessel gleiten und vergrub sein Gesicht in den Händen. Angestrengt massierte er seine Schläfen. Irgend etwas schien ihn ganz schön aus der Fassung gebracht zu haben und er konnte sich nicht so schnell davon erholen wie Alem, der sich mittlerweile fragte, weshalb der Weihnachtsmann ihn als Maus mit zurückgenommen hat, obwohl sein Körper doch ein paar Räume weiter seelenruhig verweilte. Er würde die Frage auch liebend gerne stellen, doch seine Stimmbänder waren nicht dazu in der Lage, menschliche Worte nachzuahmen. Und einfach in seinen Körper zurückkehren wollte er auch nicht - was würde sonst die Maus in der Zwischenzeit treiben? Briefpapier anknabbern? Löcher durch die Türen bauen? Nein danke. Deshalb gab Alem stattdessen ein langes Quieken von sich.

Langsam kehrte der Weihnachtsmann aus seiner Trance zurück und richtete sich auf. Ein leichtes, bedrücktes Schmunzeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. "All die Jahre an Lebenserfahrung und doch lernt man nie aus." Nun lachte er auch ein wenig über seine kryptische Zeile, welche Alem jedoch nicht einen Meter weiter brachte. Dieser knirschte nur mit den Zähnen. Davon ließ sich der Weihnachtsmann allerdings nicht die Ruhe nehmen. Dieser lehnte sich nun etwas zurück, faltete seine Hände zusammen und blickte aus dem Fenster. "Jedes Jahr", so fing er an, "Jedes Jahr werden meine Kräfte schwächer, denn immer mehr Kinder glauben nicht mehr an mich. Die Leute sind erfindungsreich, sie kaufen die Geschenke für ihre Kinder und Liebsten nun einfach selbst, weil ich sie nicht mehr bringen kann. Immer mehr Kinder durchschauen den Trick ihrer Eltern in frühen Jahren, weshalb die Macht der Weihnachtsstadt stetig sinkt. Alva könnte diesen Teufelskreis durchbrechen. Sie könnte diejenige sein, die eine richtige Bescherung nach all den Jahrzehnten wieder möglich macht. Deshalb ist sie von unersetzlichem Wert für uns. Deshalb", der Weihnachtsmann seufzte, "habe ich mich persönlich zu ihrem Haus begeben, um ihre Träume zu überwachen. Meine Macht reicht schon seit geraumer Zeit nicht mehr über die Grenzen der Stadt hinaus. Doch just in dem Moment, an dem ich dort erschien, fixierten mich zwei kleine schwarze Augen scharf, ehe sich der Blick kurz verklärte und dann deine warmen, geschockten Blicke mich anvisierten. Kannst du dir vorstellen, was das bedeutet?"
In Alems Kopf ratterten die Getriebe. Ihm fehlte nicht mehr viel, bis er selber zur Erkenntnis kam. Ihm fehlte nur noch ein kleines Rädchen, um den Grund zu offenbaren. "Woran liegt es wohl, dass du die letzten zwei Wochen von keiner einzigen Ratte Besitz ergreifen konntest? Zufall?" Langsam dämmerte Alem, worauf der weiße alte Kopf hinauswollte! Eine Erkenntnis, die auch schon lange in ihm geschlummert hatte - es gab noch mehr Sternschnuppenkinder! Ihr Gegner ließ diese nicht umkommen, wie einst gedacht, sondern er setzte sie stattdessen gezielt für seine eigenen Pläne ein. Durch diesen Gedanken fielen auch die restlichen losen Puzzleteile ins Bild: Endlich ergab es Sinn, dass sie jedes Mal schwächer wurden, wenn sie eins der Kinder verloren. Es ergab Sinn, dass sie so schwer gegen deren Macht ankamen, schließlich besaßen sie die selbe. Es erklärte, weshalb ihr Gegner immer so schnell vor Ort war und es keine Überbleibsel von den Kindern mehr zu finden gab. Und diese Erkenntnis erklärte vor allem, weshalb Alem auf einmal wieder von einer Ratte Besitz ergreifen konnte: Das feindliche Sternschnuppenkind hatte den Weihnachtsmann erblickt und ihrem Gegner sofort Meldung erteilt... Nun war höchste Eile geboten.