Lange saßen die beiden Frauen nicht im Laureten‘s. Dazu war die Nacht zu lang gewesen und die Müdigkeit zu groß. Beizeiten hatten sich Alva und Vika wieder losgeeist von der gemütlichen Atmosphäre des Cafe‘s und hatten die Geschäfte erkundet. Alva, die immer müder und grimmiger wurde, hatte die Menschen im Einkaufszentrum nur traurig betrachtet. Einer wie der Andere liefen sie aneinander vorbei, ohne Notiz voneinander zu nehmen. Konnte die Weihnachtszeit wirklich so sein? Ging es nicht vielmehr um die Liebe zu den Menschen? Alva war völlig verstört. „Was ist nur los mit den Menschen?“, fragte sie aufgebracht Vika. „Wie kann es denn sein, dass sie einander nicht sehen, nicht wahrnehmen? Ich verstehe das nicht. Es ist Weihnachten!“

„Ist es das?“, fragte Vika zurück. „Wie meinst du das?“, fragte Alva. „Hast du in letzter Zeit mal einen Blick in den Kalender geworfen? Wir haben Dezember. Ja, es ist Weihnachten!“, sagte Alva bestimmt. „Kannst du dir vorstellen, dass das Gleichgewicht der Dinge, die Bestimmung, aus den Fugen geraten geraten ist?“, sinnierte Vika. „Warum? Wie kommst du auf diese Frage?“, hakte Alva misstrauisch nach. „Na, überleg doch mal. Weihnachten ist für alle offenbar nur noch Stress. Keiner sieht die Freuden oder Nöte seiner Nachbarn. Alle sind nur noch mit sich beschäftigt. Denkst du, dass soll so sein?“

„Natürlich nicht!“, sagte Alva voller Empörung. „Es ist Weihnachten! Wann, wenn nicht dann, hat man ein offenes Ohr und Herz für seine Nächsten?“ Die beiden Frauen sahen sich an und Vika wurde nach dem erhitzten Gespräch langsam warm ums Herz. „Alva, du bist wirklich Besonders!“ „Was? Wie kommst du jetzt darauf?“, fragte sie, völlig überrumpelt von ihrer Freundin. „Sieh dich um. Sag mir, wie die Leute auf dich reagieren, wenn sie dich ansehen!“ Völlig verblüfft sah Alva ihre Freundin an. „Hattest du zu wenig Schlaf?“, lachte sie. „Nein. Im Ernst. Bitte schau dich um, sieh die Menschen an und sag mir, wie sie auf dich reagieren!“

Immer noch verwundert über den Wunsch ihrer Freundin sah sich Alva um, schaute die Leute sie herum, die hastig von einem Geschäft zum Nächsten liefen, genau an, und erhaschte den einen oder anderen Blick. Tatsächlich! Irgendwas war merkwürdig. Die Menschen liefen langsamer, manche blieben sogar stehen und lächelten Alva an. Konnte das sein? Langsam ging Alva durch die Massen an Leuten, die sich durch das Einkaufszentrum drängten. Jeder, der einen Blick auf sie warf, lächelte sie an. Vika, die ihr gefolgt war und alles ruhig beobachtete, legte ihr nach einer ganzen Weile die Hand auf die Schulter. „Verstehst du nun?“, fragte sie. „Nein!“, antwortete Alva wahrheitsgemäß. „Ich verstehe gar nicht. Ich sehe nur“, überlegte sie und fügte hinzu „dass die Leute alle irgendwie innehalten und Wärme aus ihrem Blick spricht. Aber wie kann das sein und warum ich?“

„Auch als wir neulich hier waren, war es schon so. Damals allerdings nicht so stark ausgeprägt. Heute jedoch steht völlig außer Frage, dass die Leute im weihnachtlichen Geiste auf dich reagieren. Ich kann es ganz deutlich fühlen. Schon vor ein paar Tagen wurde mir bewusst, dass Weihnachten dieses Jahr viel intensiver ist. Ich glaube, dass liegt an dir!“ „An mir?“, fragte Alva überrascht. „Wie kann das an mir liegen?“ Heftig schüttelte sie ihren Kopf. „Ich habe das selbe Gefühl wie du. Weihnachten ist dieses Jahr für mich intensiver, als die Jahre zuvor. Aber ich glaube nicht, dass es aus mir heraus kommt. Es ist einfach so.“

„Du strahlst, meine Liebe,“, sagte Vika mit einem Lächeln und zog ihre Freundin in ihre Arme. „Von dir geht ein inneres Leuchten aus, dass ich nur mit Weihnachten beschreiben kann!“, flüsterte sie in Alva‘s Haar. Erschrocken riss diese sich los. „Warum? Wie? Ich verstehe nicht!“ „Ich verstehe es auch nicht“, sagte Vika. „Aber es ist gewiss. Als wärst du die personifizierte Weihnacht.“ Mit großen Augen sah Alva ihre Freundin an und tastete mit der Hand nach der Wand hinter sich, die ihr sicheren Halt geben sollt. „Das ist völlig verrückt und du weißt das!“, flüsterte sie am Ende ihrer Kräfte. „Aber ich glaube, du hast recht.“

Bei diesen Worten fiel ihr selber die Kinnlade runter. Hatte sie das eben wirklich selber gesagt? Überrascht sah sie Vika an. Diese nickte nur wissend und schenkte ihr einen warmen Blick. „Verrückt!“, lachte Alva. „Was ist, wenn du genau deshalb träumen musst?“, fragte Vika vorsichtig und sah Alva entschuldigend an. „Dieser Gedanke kam mir eben auch“, überlegte Alva. „Vielleicht kann dich gar niemand gegen deinen Willen benutzen? Möglicherweise kannst du selber entscheiden, was du willst und welchen Weg du gehst. Kann es sein, dass du noch nicht die richtige Fragen gestellt hast?“, fragte Vika weiter. Überrascht sah Alva auf. „Und die wäre?“ „Nun ja…“ sagte Vika achselzuckend, „Was ist dein Ziel?“ Alva war völlig überrumpelt. Tatsächlich! Danach hatte sie nie gefragt! Nicht die Stimme, nicht die Ratte...mit allen hatte sie gesprochen und als sie sich benutzt fühlte, wollte sie nie wissen, wofür sie eigentlich ihre Energie oder was auch immer geben sollte. Wie konnte sie nur so blind sein?

Entschlossen nahm sie Vika‘s Hand und wendete sich in Richtung Ausgang um. Bevor sie loslief, warf sie noch einen Blick zurück auf ihre Freundin. Aber alles, was sie in deren Blick sehen konnte, war Zustimmung. „Ich bin müde! Ich will schlafen!“, sagte sie und fügte in Gedanken hinzu „...und ich will träumen!“