Seit Stunden saßen Alva und Vika in der Stukü und erzählten sich Geschichten aus ihrer beider Leben, sprachen über Jungs oder darüber, wem sie in letzter Zeit begegnet sind oder schon lange nicht gesehen hatten. Die Liste der Themen war lang – und ging langsam zur Neige. Worüber konnten sie nun noch sprechen? Vika hatte die letzten beiden Tage und Nächte tapfer mit ausgeharrt und alles gegeben, damit Alva nicht einschläft. Denn davor hatte Alva am meisten Angst. Einzuschlafen und zu träumen. Die Angst war ihr letzter Ankerpunkt, als ihre Wut darüber, ungefragt benutzt zu werden, schon lange verraucht war. Diese Angst war irreal und tief in ihrem Herzen wusste Alva das auch. Aber sie hielt sie wach und so ein kleines bisschen Selbstachtung wollte sie sich ja auch noch bewahren. „Nie wieder!“, hatte sie der Stimme entgegen gebrüllt. Sollte sie da so schnell schon aufgeben?

Mit dunklen Ringen unter den Augen saßen die beiden jungen Frauen auf dem Sofa, sahen in ihre Kaffeebecher, aus denen längst kein Dampf mehr aufstieg und hingen ihren eigenen Gedanken nach, die mittlerweile zäh wie Sirup waren. „Lass uns gehen!“, sagte Vika bestimmt. Langsam hob Alva fragend den Blick. „Wir schlafen hier sonst beide ein. Die frische Luft wird uns gut tun und wer weiß schon, was uns für Ideen und Gedanken kommen, wenn wir unsere Köpfe mal ein wenig auslüften?“ Etwas widerwillig erhob sich Alva langsam vom Sofa, nickte dann aber und sagte zu Vika: „Du hast recht. Hier auf dem Sofa ist es zu bequem, zu warm, zu leicht, einzuschlafen! Ich kann schon kaum noch klar denken und ich habe das Gefühl, alles um mich dreht sich. Ich mache uns erst mal noch neuen Kaffee. Mach du dich in der Zwischenzeit frisch. Wenn ich duschen war und wir noch einen Schluck Kaffee getrunken haben, machen wir uns auf den Weg. Die frische Luft wird uns gut tun.“

Erschöpft lächelte sie Vika hinterher, die sich schon in Richtung Dusche in Bewegung gesetzt hatte. „Ich komme mir vor wie ein Roboter. Alle Abläufe funktionieren nur deshalb noch, weil ich nicht mehr darüber nachdenken muss.“, rief sie etwas lauter, damit Vika sie noch verstehen konnte. „Geht mir genauso“, rief diese zurück. „Es wird Zeit für einen Frischluftkick, der uns wieder ins Hier und Jetzt holt.“

Als die Kaffeemaschine schnorchelte, warf Alva einen Blick aus dem Fenster. Der Morgen dämmerte bereits herauf. Die Straßenlaternen waren aber noch immer an. Diese Zeit des Tages mochte Alva immer ganz besonders gern. Sie war noch so friedlich und ruhig, weit weg von der Hektik des Tages, die sich unweigerlich noch einstellen würde. Aber genau die brauchte Alva jetzt, um wach zu bleiben. Ein warmes Gefühl breitete sich in ihr aus, als sie an Vika dachte, die unter der Dusche stand. Vika hatte sie die ganze Zeit unterstützt. Sie hatte ihr keine klugen Ratschläge gegeben oder versucht, ihr diesen Plan auszureden. Sie hatte nicht gesagt „dass schaffst du nicht“. Sie hatte einfach zu ihr gestanden und alles getan, damit Alva nicht einschlief. Dafür war sie ihr sehr dankbar.

Nachdem auch Alva frisch geduscht eine heiß dampfende Tasse Kaffee in ihren Händen hielt, waren die Blicke der beiden Frauen schon wieder etwas wacher. „Heute ist ein guter Tag, die Welt aus den Angeln zu heben und wir sind dabei!“ sagte Vika mit ernstem Blick. „Lass sie uns aus den Angeln heben!“, antwortete Alva genauso ernst. Beide wussten, dass die kommenden Stunden nicht einfach werden würden.

Als sie Haustür öffneten, wehte ihnen eine frische Brise ins Gesicht. Gierig sogen beide das erfrischende Gefühl in sich auf und hielten ihre Gesichter in den neuen Morgen. Die Sonne war mittlerweile aufgegangen. Dennoch war es noch ruhig auf den Straßen. Der Trubel würde früh genug kommen, wusste Alva. „Auf zu Laurent!“, schlug Vika vor. „Mal sehen, ob es heute wieder eine Portion Zimt auf der heißen Schokolade für uns gibt!“

Der Weg zum Einkaufszentrum dauerte gerade so lange, dass Alva und Vika wieder munter wurden. Gut gelaunt bahnten sie sich ihren Weg durch die nun doch schon vielen Menschen in der Stadt. Der Endspurt für Weihnachten machte sich langsam bemerkbar und so war auch das Einkaufszentrum voll wie selten zuvor. Der Weg zu Laurent dauerte tatsächlich etwas länger als noch vor einigen Tagen. Dicht an dicht standen die Leute auf den Rolltreppen und Wegen entlang der Geschäfte. Das leise Gedudel der Weihnachtsmusik aus unsichtbaren Lautsprechern und die festliche Beleuchtung brachte auch in den beiden Frauen wieder etwas zum Schwingen. „Weihnachten!“, flüsterte Alva leise. Vika, mit ebenso verklärtem Blick, nahm ihre Freundin in die Arme und für einen Augenblick hielten sie sich einfach nur.

Als beide Frauen wenig später mit einer heißen Schokolade am Tisch saßen und ihre Blicke über das Einkaufszentrum schweifen ließen, wollte die Stimmung um sie herum so gar nicht zu ihrer eigenen passen. Laurent hatte nur ein kurzes Hallo herüber gewunken, bevor er ihnen beiden unaufgefordert eine heiße Schokolade – mit Zimt – an den Tisch brachte. „Schon am frühen Morgen bricht der Laden aus allen Nähten. Keine Ahnung, wie ich das bis heute Abend durchhalten soll.“, stöhnte Laurent. „Aber ihr beide seht auch nicht gerade frisch aus. Alles in Ordnung bei euch, Mädels?“ „Alles klar“, antwortete Vika. „Nur ein bisschen müde.“ Wissend nickte Laurent. In den letzten Wochen hatte er wenig Schlaf bekommen. „Na dann, Mädels! Lasst euch die Schokolade schmecken. Ich muss leider schon wieder weiter.“ Die Hand zum Abschied erhoben drehte sich Laurent wieder in Richtung Tresen. „Hübsches Tattoo übrigens, Alva!“, rief er, sich an den Tischen vorbei schlängelnd, noch über seine Schulter.

„Tattoo?“, fragte Alva verwirrt und sah zu Vika. Die schaute zunächst ebenfalls erstaunt, begann dann jedoch verstehend zu nicken. „Der Stern“, sagte sie und hob langsam ihren Zeigefinger in Alva‘s Richtung. Die verstand noch immer nicht und blickte ihre Freundin fragen an. „In der Morgendämmerung scheint ein Stern aufgegangen zu sein!“