Der schwarz befiederte, in der Sonne glänzende Kopf lag seit geraumer Zeit neugierig zur Seite geneigt. Weshalb dem so war, hätte ein Außenstehender vermutlich nicht zu ergründen vermocht, da der Vogel in den gleißend blauen Himmel starrte, in welchem sich nicht einmal eine Wolke regte. Das hielt ihn aber nicht davon ab, stundenlang in dieser Pose zu verharren. Die Intensität, die der kleine Kerl ausstrahlte, hatte etwas schreiend Komisches und doch ließ sie es einem kalt den Nacken runterlaufen. Ein Naturfotograf hätte zumindest seinen Spaß mit ihm gehabt.

Doch es schien ihn niemand zu bemerken. Schließlich war es eine abgelegenere Gegend, in der nur eine junge Frau alleine lebte. Und diese schien zu aufgewühlt vom ganzen Kaffee zu sein, den sie bereits seit sieben Uhr morgens im halben Stundentakt hinunterstürzte. Als ihre Freundin dann auch noch vorbeischaute, war es um ihre Aufmerksamkeit komplett geschehen. Aber das spielte dem Raben nur in die Karten. Das und sein feines Hörvermögen, durch welches er immer wieder Gesprächsfetzen mühelos aufnehmen konnte. Mit jedem neuen Wort, das er verstand, wurde er euphorischer. Adrenalin strömte durch seine Flügel, ließ sein Herz schneller schlagen und ihn beinahe abheben. Doch er stand weiterhin still, um ja kein Detail zu verpassen. Sie wollte sich gegen ihn wehren! Sie würde ihn nicht bei seinen Machenschaften unterstützen! Das waren blendende Neuigkeiten. Doch..

Ein neues Problem ergab sich daraus dennoch. In all seinen Jahren hatte Alem noch kein Sternschnuppenkind erlebt, welches sich so früh von der Fuchtel ihres Gegners losgesagt hat. Normalerweise brauchten sie länger, um sich aus dessen Griff zu befreien. Sei es, weil seine hypnotische Wirkung sich bei ihnen stärker manifestiert hatte oder weil sie länger brauchten, um hinter die Fassade seiner Worte zu blicken. Doch wenn sie es schafften, diese Fesseln zu befreien, war ihre Sternschnuppe beinahe vollständig erblüht.

Stella lucet.

Dadurch konnten sie bisher immer im perfekten Moment eingreifen und das Sternschnuppenkind retten.

Alem war damals normal ins Bett gegangen, denn er wusste, dass er sich nicht ewig dem Griff der Stimme entziehen konnte. Und je länger er ohne Schlaf blieb, desto anfälliger würde er für den einlullenden Singsang werden. Als versuchte er seine Gedanken von allen Eindrücken und Emotionen zu befreien, damit er ja nicht zu tief in der Traumwelt versinkt. Vergebens. Die unerbittliche Stimme fand ihn auf ein Neues, versuchte ihn zu umgarnen, doch bevor sie Erfolg hatte, öffnete sich am Rande seines Blickwinkels eine Tür, die grün-rötlich schimmerte. Instinktiv sprintete er auf diese los, ohne seinen Beweggrund zu hinterfragen. Sie schien ihm nur sicher, vertraut. Frei von jeglichen Zwängen, frei von der Stimme, welche ihm gerade ihm Nacken saß. Fast meinte er, eine Hand auf seiner Schulter zu spüren. Doch dann war er schon durch die große goldene Tür hindurch, die hinter ihm schwungvoll zuschwang. Immer noch außer Atem, gerade noch mit den Armen auf die Knie gestützt, richtete er sich langsam auf und er erblickte eine in Rot gekleidete Person.

Dieses Schicksal würde Alva hoffentlich auch bevorstehen, sofern ihr Gegner nichts von ihrem Meinungsumschwung mitbekam. Langsam machte sich die Unruhe in ihm breit. Jetzt blickte Alem doch durch das Fenster hindurch direkt zu ihr und sah eine aufgebracht gestikulierende junge Frau vor ihrer Freundin stehen. Auf der einen Seite amüsierte ihn ihr fuchsteufelswilder Ausdruck, doch er beunruhigte ihn in gleichem Maße. Wenn jemand seine Gefühle auf der Zunge trug, dann war es sie. Und in dem Fall würde ihr das nicht zum Vorteil gereichen. Dementsprechend mussten sie auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. Wenn er doch nur wüsste, wie er helfen kann. Ohne weitere Instruktionen würde er keine Feder rühren - dafür war ihre Mission zu wichtigen. Und noch als er das dachte, ertönte ein leises "plopp" hinter ihm, was nur eins bedeuten konnte... Jemand hatte sich hinter ihm materialisiert.