Den Rest der Nacht hatte Alva auf dem Sofa in der Stukü verbracht. Ihr Kaffeekonsum lag für diesen Morgen schon deutlich über der üblichen Anzahl. Dennoch fühlte sie sich in ihrer grimmigen Entschlossenheit noch immer gut und war sich sicher, dem Schicksal ein Schnippchen schlagen zu können. Tief in ihrem Inneren war ihr klar, dass sie nicht ewig ohne Schlaf auskommen würde. Aber sie hoffte, dass das Thema bis dahin ausgesessen war oder sich vielleicht eine andere Lösung gefunden hatte. Was auch immer in der Zeit ihrer schlaflosen Nächte passieren würde und welche Wege die Stimme zur Lösung ihres Problems einschlagen würde – Alva war nicht mehr Teil der Lösung!

Für den Vormittag erwartete sie wieder ihre beste Freundin Vika – die junge Frau, die sie am besten kannte. Alva war sich sicher, von ihr Unterstützung zu erhalten und in ihrem Vorhaben, dem „Auserwählten Träumer“-Ding aus dem Wege zu gehen, bestärkt zu werden.

Das Radio dudelte schon seit Stunden Weihnachtsmusik, die Kaffeemaschine röchelte fast schon auf dem letzten Loch...was konnte sie tun, um ihren Gedanken aus dem Wege zu gehen und dem Tag Sinn zu verleihen? Zumindest solange, bis Vika eintraf!

Zögerlich erhob sie sich und schaute sich fragend um. „Ach egal, ich gehe mich erst mal duschen. Danach sieht die Welt schon ganz anders aus!“, wusste sie aus Erfahrung und so ließ sie ihren Bademantel schon auf dem Weg in die Dusche von ihren Schultern gleiten.

Das heiße Wasser auf ihrer Haut ließ sie vor Wonne erschaudern und Zuversicht machte sich in ihr breit. „Ich schaffe das!“, sagte sie laut zu sich selbst. „Diese Stimme wird mich nicht für ihre Zwecke einspannen und mich leiten und lenken wie eine Marionette. Ich bin mehr! Ich habe einen eigenen Willen und will gefälligst gefragt werden, bevor ich vor irgendeinen Karren gespannt werde!“ Mit neuem Kampfgeist trat sie aus der Dusche, ein siegessicheres Lächeln im Gesicht. So leicht konnte keiner Alva für seine Zwecke einspannen. „Ich kann dann nicht mehr schlafen? Na und?“, dachte sie. „Ich schaffe das!“

Kaum hatte sie ihre Hosen wieder übergestreift, klopfte es auch schon an ihrer Wohnungstür. „Vika!“, rief Alva voller Tatendrang. Noch bevor Vika überhaupt reagieren konnte, riss Alva die Tür auf und umarmte ihre Freundin stürmisch. „Heute ist ein guter Tag, die Welt aus den Angeln zu heben und wir sind dabei!“, fragte Vika eher überrascht, als das sie eine Aussage traf. „Na, na!“, antwortete Alva “so skeptisch? Wir rocken das!“ „Okay?“ Skepsis lag in ihrer Frage und ihrem Gesicht. „Was ist los?“

„Verdammt!“, dachte Alva noch, bevor der wunderbare Traum von „ich lasse mich nicht einspannen“ zusammenbrachen. „Du kennst mich einfach zu gut. Aber ich ziehe das durch und ich brauche deine Unterstützung!“ „Meine Unterstützung? Immer! Aber wobei?“, fragte sie nun deutlich besorgter. „Komm erst mal rein und lass uns einen Kaffee trinken.“, antwortete Alva niedergeschlagen. Natürlich war sie froh, ihre Freundin bedingungslos hinter sich zu wissen. Dennoch verriet ihr das Gefühl in ihrem Magen, dass sie Vika etwas abverlangen wollte, dass anders war, als es sein sollte und ein bisschen schämte sie sich dafür.

Nachdem beide Frauen einen Kaffee in Händen hielten und Platz genommen hatten, war es an Alva, das Gespräch zu beginnen. Geduldig wartete Vika, bis Alva sich soweit gefasst hatte, dass sie beginnen konnte. „Ich habe wieder geträumt!“, begann diese. Vika wartete und als keine Reaktion kam, sprach Alva weiter: „Ich will nicht mehr träumen! Letzte Nacht bin ich im Traum wieder dieser Stimme begegnet, von der ich nicht weiß, wer sie ist und welche Ziele sie verfolgt. Sie will mich nur einspannen… sie braucht meine Energie. Kannst du dir das vorstellen?“ Auf die direkte Frage antwortete Vika nun doch: „Wofür braucht sie deine Energie? In welcher Form benötigt sie die Energie und warum deine?“

Und so begann Alva von ihrem Traumerlebnis zu erzählen. Nichts ließ sie aus und nach einem langen Schweigen, in dem jede der beiden Frauen ihren Gedanken nachhing, schaute sie Vika mit scheuem Blick an. „Ganz viel Kaffee und ganz viel zu tun ist das, was mir einfällt, um den Schlaf zu verhindern, der mich unmittelbar in den Traum leitet“, und bei diesen Worten blähten sich ihre Nasenflügel voller Verachtung auf. „Ich kann mich nicht benutzen lassen!“, rief Alva und gab damit ihrer innersten Überzeugung Ausdruck. „Hast du die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass es sich um ein höheres Ziel handelt?“ Als Alva gerade aufbrausen wollte, fiel ihr wieder ein, dass sie eine Freundin vor sich hatte. Jemanden, der hinter ihr stand, sie verstehen und ihr helfen wollte. „Nein.“, gab sie kleinlaut zu. „Es spielt auch keine Rolle für mich. Ich möchte gefragt und nicht benutzt werden.“ Lange schwiegen beiden junge Frauen. „Ich bin auf deiner Seite und werde dich unterstützen, wo immer du Hilfe brauchst. Das weist du.“, sagte Vika und damit war der Pakt erneut geschlossen.