Der blaue Fleck in ihrem Gesicht verblasste immer mehr und machte nun etwas anderem Platz. Alva hatte schon seit Tagen den Eindruck, als würde sich ein rotes Mal unter ihrem Auge bilden. Ein Feuermal? Aber wo sollte das auf einmal herkommen? Langsam verfestigte sich in ihr die Annahme, dass sie von der Sternschnuppe getroffen wurde und wurde mit jedem neuen Tag, an dem sich das Mal weiter ausbildete, zur Gewissheit. Sah es nicht mittlerweile auch schon fast wie ein Stern aus? Alva schob ihr Gesicht noch etwas näher an den Spiegel, um das Mal besser sehen zu können und zog es mit den Fingern ihrer rechten Hand dabei ein wenig glatt. Ja, eindeutig. Die Zacken waren nicht ganz spitz, sondern an den Enden eher noch etwas verwaschen. Aber tief in ihrem Inneren wusste sie, dass es gestern noch verwaschener gewesen ist und sich über Nacht weiter verändert hatte.

„Na gut, es weihnachtet eben auch in meinem Gesicht!“, sagte sich Ava und zwinkerte ihrem Spiegelbild zu. „So ein ganz persönlicher Weihnachtsstern hat doch auch was!“ Beschwingt schnappte sie sich noch ihr Buch von der Kommode und ging zu Bett. „Jetzt noch ein bisschen lesen und dann tief und fest schlafen.“, freute sie sich auf ihr warmes Schlafzimmer. Das mulmige Gefühl in ihrem Magen versuchte sie mit Fröhlichkeit zu überspielen. Ein bisschen fürchtete sie sich schon vor der kommenden Nacht und den Träumen, die sie vielleicht wieder mit sich bringen würde. Am Nachmittag hatte sie noch mit Vika darüber gesprochen, dass es ihr fast so vorkam, dass sie träumen musste. Warum, konnte sie allerdings nicht beantworten.

Nachdem sie sich in ihr Kissen gekuschelt und die Bettdecke bis zur Nasenspitze hochgezogen hatte, fiel ihr wieder ein, dass sie eigentlich noch hatte lesen wollen. Aber wie sie noch überlegte, ob sie nach ihrem Buch greifen oder die Wärme und Gemütlichkeit ihres Betts genießen sollte, schlossen sich ihre Augen wie von selbst und sie sank in einen tiefen Schlaf...und Traum.

Verwundert schaute sie auf ihre behandschuhten Hände. „Wie…?“ Weiter kam sie nicht. „Natürlich, ich träume!“, stellte sie wenig überrascht fest. „So ist es, Sternschnuppenkind! Einmal mehr bist du zu mir gekommen. Ich freue mich, dich wieder zu sehen.“ „Ich wünschte, dass könnte ich auch von dir behaupten.“, antwortete Alva ein wenig schnippisch. Hatte sie sich zuvor noch etwas gefürchtet, sah sie ihre These nun mehr und mehr bestätigt, dass der Traum von außen an sie herangetragen wurde und nicht aus ihr heraus kam. „Wie kann es sein“, fragte sie „dass ich Nacht für Nacht hier in diesem Traum lande und deine Stimme höre? Das ist doch nicht normal.“ Fast hätte sie mit ihrem Fuß aufgestampft. „Die Sternschnuppe hat dich erwählt und zu einer Träumerin gemacht. Du trägst sie um deinen Hals.“ „Wie bitte?“ Langsam wurde es Alva zu bunt. „Was hat der Stein damit zu tun, dass ich Nacht für Nacht hier lande? Und was, bitte schön, soll das Gerede von der Träumerin?“ Voller Zorn ballten sich Hände ganz von allein zu Fäusten. „Ich weiß, es ist nicht einfach, dass zu akzeptieren. Fest steht, dass du ganz besonders sein musst, denn du wurdest von der Sternschnuppe – oder dem Stein, wie du sie nennst – ausgewählt, Weihnachten den Menschen wieder nahe zu bringen. Jahr um Jahr sind die Sterne nun schon auf der Suche nach dem letzten Sternschnuppenkind. Demjenigen Sternschnuppenkind, dass mit seiner Energie die Energien seiner Vorgänger so ergänzen kann, dass die Tragödie des Weihnachtsmanns ein Ende findet.“

„Tragödie des Weihnachtsmanns? Hörst du dir eigentlich selber zu?“ Natürlich glaubte Alva tief in ihrem Herzen an den Weihnachtsmann – etwa so, wie man an das Gute im Mensch glaubte. Ihn aber als Tatsache hingestellt zu sehen und als Grund für ihre zwanghaften Träume ins Feld geführt zu bekommen, war dann zu viel für sie. Voller Zorn rief sie in den Himmel, aus dem die Stimme zu ihr gedrungen war: „So ein Unsinn! Löse deine Tragödie selber! Ich werde nicht wieder hierher zurückkehren. Selbst wenn ich dafür nie wieder schlafen kann!“

Völlig aufgewühlt und mit schweißnasser Stirn wachte Alva mitten in der Nacht in ihrem Bett auf. Noch immer hielt sie die Hände zu Fäusten geballt. Als sie sie langsam öffnete, sah sie, dass ihre Hände zitterten. „Was für ein Albtraum!“ sagte Alva leise und fuhr sich mit zitternden Händen über das Gesicht. „Dorthin gehe ich nie wieder zurück. Ab jetzt gibt es keine Nacht mehr für mich!“ sagte sie mit einem entschlossenen Unterton in der Stimme und schwang zur Bekräftigung ihrer Aussage sogleich die Beine aus dem Bett. „Damit ist nun Schluss!“