Ausgiebig rieb sich Alva an diesem Morgen die Augen, bevor sie sich etwas ungläubig und unendlich erleichtert in ihrem kleinen Schlafzimmer umschaute. Das Herz wollte ihr in der Brust fast zerspringen – so froh war sie, dass sie wieder aufgewacht und alles nur ein Traum war. „Riechen, fühlen. Ist das denn alles normal für einen Traum?“, fragte sich Alva. „Ich habe sogar gefroren und die Kälte des Schnee‘s durch meine Stiefel gespürt.“, murmelte sie verwundert und schüttelte dabei leicht ihren Kopf. „Seltsam! Das ist alles sehr, sehr seltsam!“

Schwungvoll hob sie ihre Beine aus dem Bett, griff nach dem Bademantel auf dem Stuhl nehmen und noch ehe sie ihn vollends angezogen hatte, stand sie schon in ihrer Stukü. Mit einem Griff nach rechts schaltete sie die Kaffeemaschine ein und für die gute Laune am Morgen einen Augenblick später links auch noch das Radio, bevor sie sich auf ihr Sofa plumpsen lies.

Von hier aus konnte sie den gesamten Raum überblicken und sie kam sich immer so vor, als wäre sie eine Königin und dies ihr Reich. Glücklich lächelnd überschaute sie kurz ihr Reich und machte sich dann erst einmal fertig für den Tag. Der Blick in den Spiegel verriet ihr, dass die kleine Verletzung unter ihrem rechten Auge langsam verheilte. Die bunte Farbenwelt auf ihrer Wange verblasste langsam. Aber wie es schien, wurde ein kleiner Bereich jeden Tag ein wenig roter. „Schon wieder so eine Merkwürdigkeit an mir!“ Lachend zwinkerte sie ihrem Spiegelbild zu und ging zurück in die Stukü. Die Kaffeemaschine war fertig und gerade, als sie eine weitere Tasse füllte, klopfte es an ihre Wohnungstür.

„Bin sofort da!“, rief Alva und kippte sich fast noch den heißen Kaffee über die Hand. Freudig eilte sie zu Tür, riss sie auf und rief überschwänglich „Heute ist ein guter Tag, die Welt aus den Angeln zu heben und wir sind dabei!“ „Hey! Das ist mein Spruch!“, schmollte Vika zu ihr herüber. Aber dann zwinkerte sie Alva zu und schloss sie in ihre Arme. „Lass uns die Welt aus den Angeln heben!“ „Hey! Das ist mein Spruch!“, lachte Alva und drückte ihre Freundin noch einmal an sich. „Komm, der Kaffee wartet!“

„Wie war deine letzte Nacht? Hattest du wieder so intensive Träume?“, fragte Vika. „Letzte Nach schien es mir besonders intensiv und real. Ich bin wieder der Stimme begegnet und habe eine Ratte getroffen, die mit mir gesprochen hat. Ich konnte die Kälte auf meiner Haut fühlen.“ Alva zuckte mit den Schultern und wusste nicht recht, wie sie es Vika erklären sollte. „Langsam frage ich mich wirklich, ob das Träume sind oder das alles erlebe.“ Tröstend legte Vika ihren Arm um Alva. „Das scheint sich alles ganz schön mitzunehmen, stimmts?“ Alva nickte leicht, sah dann ihrer Freundin aber wieder lächelnd in die Augen. „So viele Menschen wünschen sich intensive Träume“, lächelte sie und hob mit einer wagen Bewegung ihre beiden Hände. „Ich habe sie! Was soll ich mich da beschweren. Zum Glück sind es keine Albträume.“ Vika lachte schon wieder. Wirklich schlecht scheint es ihrer Freundin nicht zu gehen. „Ein bisschen beunruhigt vielleicht“, überlegte sie für sich. „So! Marsch, Marsch! Wir wollten in die Stadt! Mach dich fertig und lass uns gehen!“

Alva, schon wieder ganz die alte, warf ihr einen schelmischen Blick zu, griff in ihren Schrank mit den Mänteln und Mützen und zog sich an. Ganz zum Schluss zog sie noch eine Weihnachtselfenmütze mit einem kleinen Glöckchen an der nach vorne gebogenen Spitze aus dem Schrank und setzte sie sich auf den Kopf. Bewunderung heischend schaute sie Vika herausfordernd mit ihrem strahlenden Lächeln an und hob und senke dabei ihre Augenbrauen im Takt. Nach einer kurzen Sekunde der Verblüffung platzte das Lachen aus Vika. „So forsch kenne ich dich gar nicht. Scheint, als wäre ich kein guter Umgang für dich!“ und lässt bei diesen Worten die Glöckchen an ihren Schuhen bimmeln.

Fröhlich und ein wenig aufgekratzt verlassen beide Mädchen die Wohnung.

Kaum eine halbe Stunde später stehen die beiden vor dem großen Einkaufszentrum im Zentrum der Stadt. Die Straßen und Häuser sind schon seit Wochen festlich geschmückt und erstrahlen in einem warmen Glanz. Alva wird bei ihrem Anblick ganz warm ums Herz. „Weihnachten!“, sagt sie mehr zu sich selbst als zu Vika. Doch die nimmt die Worte sogleich auf. „Ja, so schön habe ich es letztes Jahr nicht empfunden. Irgendwie ist das Gefühl zu mir zurück gekehrt.“ Überrascht dreht sich Alva nun zu Vika. „Ja, es ist merkwürdig. Auch ich empfinde Weihnachten dieses Jahr irgendwie intensiver.“, stellt sie leicht verwundert fest. „Irgendwie festlicher und mit mehr Wärme.“ Bestätigend nickt ihr Vika zu, ein leichte verklärtes Lächeln im Gesicht.

Gemeinsam betreten sie das Warenhaus. Auch drinnen ist alles wunderschön geschmückt und leise erklingt Weihnachtsmusik. „Kommt es mir nur so vor oder sind wirklich nur wir beide vom Weihnachtsfieber gepackt?“ Überrascht stellen die Mädchen fest, dass die Menschen blicklos für die sie umgebende Schönheit von Geschäft zu Geschäft hetzen und um sich herum kaum etwas wahrnehmen. Alles nur lange, trostlose Gesichter. „Na das kann ja heiter werden!“, sinnierte Vika. „Ach komm, davon lassen wir uns doch die Laune nicht verderben! Erstmal ein wenig shoping und dann noch eine heiße Schokolade oben bei Laurent!“, freute sich Alva und schob ihren Arm in Vika‘s, während sie das erste Geschäft betraten.

Mäntel, Mützen, Handschuhe, Taschen….alles, was das Herz begehrte. Alva wollte Ausschau nach einem neuen Rucksack halten und eilte zielstrebig auf die Regale zu. Vika stöberte derweil zwischen den Mützen und Schals umher. Wenig später trat Alva, in der rechten Hand einen Rucksack triumphierend in die Höhe haltend zu Vika, die mittlerweile bei den Mänteln angelangt war. „Schau nur! Ist der nicht toll?“ „Sieht ein bisschen aus wie von Hänsel und Gretel“, neckte Vika sie! „Aber irgendwie passt er zu dir. Toll, dass du ihn gefunden hast.“ Glücklich nickte Alva ihr zu, als zufällig ihr Blick auf einen Mantel hinter Vika fiel.

Grün mit weißem Pelz an den Rändern und Ärmeln verbrämt. Nicht so lang… „Wahnsinn!“, entfuhr es Alva. Beide Mädchen begutachteten nun gemeinsam den Mantel, der sich schön dick und weich anfühlte. „Wahnsinn!“ entfuhr es nun auch Vika nach einem Blick auf das Preisschild. Neugierig schob sich Alva dichter heran, um ebenfalls einen Blick darauf zu werfen. Bedauern zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab, wo eben noch Begeisterung war. „Schade. Der passt diesen Monat wohl nicht mehr in mein Budget!“, stellte sie mit Bedauern fest. Tröstend sagte Vika: „Na komm, ich lade dich auf eine heiße Schokolade zu Laurent ein und du hast ja noch deinen tollen, neuen Rucksack!“ Schon wieder fröhlicher hakte sich Alva bei ihr ein und gemeinsam gingen sie zur Kassen. Einen letzten bedauernden Blick auf den Mantel beim Verlassen des Geschäfts konnte sie sich trotzdem nicht verkneifen.

Laurent, wie immer etwas gestresst, wenn er hinter dem Tresen steht, winkte den beiden zu, als sie sich an einen freien Tisch setzen. „Wie immer?“, fragte er und die Mädchen nicken. Kurze Zeit später kam er mit einem Tablett zu ihnen an den Tisch. „Heute mit einer Priese Zimt für die Damen!“, kündigte er mit einem freundlichen Lächeln an, als er die Tassen vor Alva und Vika auf den Tisch stellte. „Schön, euch zu sehen! Hier ist schon den ganzen Tag echt viel los und irgendwie scheinen alle Leute schlechte Laune zu haben. Weihnachten verkommt mehr und mehr zu einem einzigen Stress-Fest.“ Verwundert sehen ihn die Mädchen an und heben die Brauen. „Aber wenn ich euch sehe, wird mir gleich ganz weihnachtlich zumute“, beeilt er sich daraufhin hinterher zu schieben und hat fast das Gefühl, dass es tatsächlich so ist. „Entspann dich! Du hast hier den besten Blick im ganzen Warenhaus. All die Lichter, die Musik, die glücklichen Menschen…“ „Die glücklichen Menschen?“, hakte er nach und lacht dabei bitter. „Nein. Ich glaube, bei den meisten hat sich Weihnachten dieses Jahr noch nicht eingestellt.“ „Aber sei‘s drum“, denkt er für sich, „ich glaube, sie hat recht. Bei mir scheint Weihnachten gerade anzukommen und ich werde es genießen!“. Kurz hebt er noch die Hand und geht zurück zum Tresen. Voller Vorfreude greifen die Mädchen nach ihren Tassen, als über Lautsprecher Weihnachtsgrüße der Geschäftsleitung des Warenhauses ertönen. Erschrocken und irritiert zuckt Alva zusammen. „Schon wieder eine Stimme.“