Witternd hielt die kleine Ratte ihre Nase in die Luft. War sie etwa da? Träumte das Sternschnuppenkind? „Ja“, dachte sie sich. „Das riecht eindeutig nach einem Traum.“ Vorsichtig schlich sie sich aus ihrer Deckung und begab sich auf die Suche. Nicht lange, und sie wurde fündig. Bislang, so sagte ihr ihr Gefühl, war sie unentdeckt geblieben. Das war auch besser für ein so kleines Tier wie die Ratte, die sich ihre Wege gerne unter dem Schnee sucht.

Da stand sie, die Träumerin. Das Sternschnuppenkind. Und sie sprach mit der Stimme. „Natürlich“, dachte sie bei sich, „wie kann es auch anders sein? Die Stimme findet die Träumer immer zuerst.“ Kaum ein Jahr, in dem es anders lief – und kaum ein Jahr, in dem sie dem Sternschuppenkind nicht trotzdem den Weg wies, der in ihrer Vorstellung der Richtige war. Die Frage, ob ihr Weg der Richtige war oder der der Stimme, stellte sich der Ratte eigentlich nie. Was konnte es da auch zu deuten zu geben?

Im Verborgenen belauschte sie das Gespräch zwischen dem Sternenkind und der Stimme. Alva schien zwar irritiert und vielleicht auch etwas ängstlich, aber ganz froh, dass ihr jemand Unterstützung anbot. „Ha!“, empörte sich der kleine Rattenpelz. „Als ob das eine Unterstützung wäre!“ Empört kräuselte sie ihr kleines, spitzes Näschen und blickte finster in den Himmel über dem Wald. Bald würde die Stimme verschwunden sein. Dann konnte sie aus ihrem Versteck kommen. Aber würde sie das wollen? Wie würde die Träumerin auf sie reagieren? Im Augenblick schien sie noch erleichtert.

Auch Alva wartete, ob sich die Stimme noch einmal vernehmen ließ. Aber es blieb still und nach einer Weile sah sie sich vorsichtig um. Kein Laut durchbrach die Stille des Waldes und der Landschaft, in der sie sich befand. „Ich träume doch eindeutig! Oder doch nicht?“ Etwas unbehaglich sah sie sich weiter um. Die verschneite Ebene hinter ihr mit den Bergen in der Ferne machten ihr ein wenig Angst. Über den Gipfeln der Berge türmten sich haushohe, dunkelgraue Wolken, die nichts als Unheil versprachen. „Hoffentlich bricht jetzt nicht auch noch ein Schneesturm über mich herein“, dachte Alva bei sich. Aber da lag noch mehr über den Bergen. „Krank und kalt!“, hallte es durch ihre Gedanken, als sie ein Geräusch zu ihren Füßen vernahm.

Erstaunt schaute sie nach unten und stieß einen spitzen Schrei aus! Genau vor ihr hatte eine Ratte ihren Kopf aus dem Schnee gesteckt. „Was für ein widerliches Geschöpf!“, schoss es ihr angstvoll durch den Kopf. Ihr eigener Schrei hallte ihr noch immer in den Ohren und sie machte entsetzt zwei Schritte rückwärts, als ihr aufging, dass die Ratte sich nicht rührte. Konnte es sein, dass sie gar keine Angst vor einem so großen Wesen wie ihr hatte? Für die Ratte musste der Anblick eines Menschen eigentlich furchteinflößend sein. Aber nein, dass kleine Nagetier zuckte nicht einmal mit der Wimper! Neugierig ging Alva wieder einen Schritt auf das Tier zu. Den Oberkörper nach vorne gebeugt und den Kopf leicht schräg, schaute sie das kleine Wesen an, dass mit schwarzen Knopfaugen zu ihr heraufschaute.

„Merkwürdig!“, murmelte Alva. „Ist sie vielleicht schon erfroren?“. Vorsichtig ging sie noch einen Schritt näher an das Tier heran und beschaute es von allen Seiten. „Nein. Du bist nicht erfroren. Du schaust mich an.“, sagte sie mehr zu sich selbst, als zu dem kleinen Rattenpelzchen, als ihr Gegenüber plötzlich nieste und dann verlegen hüstelte. „Gesundheit!“, wünschte Alva, nun schon etwas mutiger. „Danke!“, antwortete die Ratte und beobachtete, wie Alva mit einem lauten Schrei rückwärts in dem Schnee auf ihren Hosenboden fiel und sie voller Entsetzen anstarrte.

"Tut mir leid“, sagte die Ratte. „Aber hierfür gibt es keinen besseren Weg. Bleibe ich stumm, kann ich mich dir nicht mitteilen und spreche ich, erschrickst du fast zu Tode.“ Bedauernd legte sie den Kopf leicht schief und sah Alva an. „Aber denk dran: das ist ein Traum und in Träumen ist alles möglich!“ Also doch!“, schoss es Alva durch den Kopf. „Was anderes hätte es auch sein sollen? Kein normaler Mensch hört Stimmen im Wald!“, war sie sich sicher. „Aber warum willst du dich mir denn mitteilen? Gibt es etwas, was du mir sagen möchtest?“, fragte Alva. Die Ratte machte eine unbestimmte Bewegung mit ihrem kleinen Köpfchen und antwortete schließlich doch. „Ich möchte dir gerne die Möglichkeiten geben, Fragen zu stellen, wenn du dir nicht sicher bist oder dich etwas beunruhigt.“ „Okay, danke! Ich weiß dein Angebot durchaus zu schätzen und die Stimme, die vorhin noch zu mir sprach, scheint vorerst verstummt zu sein.“ Nachdenklich griff sich Alva an ihr Kinn. Würde sie wieder aufwachen? Sollte sie es wagen, die Ratte danach zu befragen? „Klar! Warum eigentlich nicht?“, schoss es ihr durch den Kopf. Aufzuwachen war im Augenblick ihre höchste Priorität und so konnte gleich das tun, was sie vorhin bei der Stimme nicht getan hatte: Die Aufrichtigkeit hinter der Aussage, ihr beistehen zu wollen, zu prüfen! „Wann werde ich wieder erwachen?“, fragte Alva nicht ganz ohne Herausforderung. „Morgen früh, wie immer.“, antwortete die Ratte mit einem Schulterzucken. Erleichtert ließ sich Alva wieder in den Schnee plumpsen. Der Ratte zufolge würde sie also wieder aus diesem unglaublichen und unheimlich realistischen Traum erwachen! Für sich hatte sie schon befürchtet, in dieser Welt gefangen zu sein. Der Stein, der ihr vom Herzen fiel, hätte Welten unter sich begraben können und langsam stahl sich ein Strahlen auf ihr Gesicht, dass alles um sie zu erhellen schien.

„Du bist überrascht? Ja, dieser Traum ist tief und glaube mir: er ist real! Aber du wirst erwachen! Jeden neuen Morgen!“ „Was meinst du mit „jeden neuen Morgen“?“, hakte Alva, nun wieder beunruhigt, nach. „Wir sehen uns morgen Nacht!“ verabschiedete sich die Ratte, hob ihr kleines Pfötchen zum Abschied und verschwand in dem Loch, aus dem sie eben noch ihr Köpfchen gereckt hatte.