Ausgiebig reckte und streckte sich Alva, als sie an diesem Morgen in ihrem kuschlig-warmen Bett erwachte. Gestern hatte sie daran gedacht, die Heizung für die Nacht ein wenig höher zu drehen und so hatte sie nicht sofort eine Gänsehaut, als sie die Nasenspitze unter der Bettdecke hervorschob.

 

Was für ein merkwürdiger Traum war das wieder gewesen, den sie letzte Nacht geträumt hatte? Verschlafen sah sie an die Decke und versuchte, die letzten Fetzen ihrer Traumwelt wieder einzufangen. Wieder war da diese Stimme, die sie gewarnt hat. Oder war es doch eine Drohung gewesen? Diesmal konnte sich Alva auch an Gefühle erinnern. Da war Angst. Aber wovor? Das konnte sie noch nicht genau greifen. Da waren auch Widerstand und Trotz. Aber wogegen?

Langsam streckte sich Alva noch einmal und während die letzten Bilder des Traumes durch ihre Gedanken waberten, kuschelte sie sich in ihren Bademantel und ging hinüber in den Wohnraum, der gleichzeitig auch Küche und Flur war und den sie Stukü nannte. Auf dem Weg zum Sofa schaltete sie rechts die Kaffeemaschine und einen Augenblick später links das Radio ein. Dann ließ sie sich mit einem zufriedenen Grinsen in das Polster fallen und dachte voller Vorfreude auf den bevorstehenden Besuch ihrer Freundin Vika. Sie würden Nagellack probieren, über Jungs reden, heiße Schokolade trinken und später vielleicht noch in den Club gehen. Was konnte es Schöneres geben an ihrem freien Tag?

Als das Schnorcheln der Kaffeemaschine verklungen war und sie mit einem Kaffee in der Hand am Fenster stand, fiel ihr Blick zufällig im Spiegel auf ihre Wange. Ja, der Fleck, der gestern noch rot war, hatte heute eine blaue Farbe angenommen und war noch ein wenig mehr angeschwollen. „Na prima!“, murmelte Alva. Der Abend im Club war damit wohl ins Wasser gefallen. Dennoch freute sie sich auf Vika, die sie in diesem Moment unten auf der Straße um die Häuserecke in die kleine Gasse einbiegen sah, in der sie wohnte. Vika – immer fröhlich, immer laut, immer völlig verrückt gekleidet und die wilden Locken meist in bunten Farben. Heute trug sie Stiefelchen mit nach oben gebogenen Schuhspitzen und kleine Glöckchen daran bimmelten leise eine Melodie. Lachend ging Alva zur Tür, um ihre Freundin einzulassen.

Kaum hatte Vika die Stukü betreten, zog sie Alva auch schon mit einem strahlenden Lachen auf idem Gesicht in ihre Arme und drückte sie fest an sich. „Hey Liebes, schön dich zu sehen! Heute ist ein guter Tag, die Welt aus den Angeln zu heben und wir sind dabei!“, rief Vika laut und überschwänglich und Alva antwortete wie immer: „Lass uns die Welt aus den Angeln heben!“ Lachend hielten sie sich in den Armen und schauten sich dann in die Augen. Kurz verschwand das Lachen aus Vika‘s Augen und ihr Mund formte ein O, als ihr Blick auf Alva‘s Wange fiel. „Hast du einen Bokampf ausgefochten?“ grinste sie und mit einem Augenzwinkern fügte sie hinzu “Und wie sieht der Andere aus?“Lachend winkte Alva ab und holte Vika erstmal einen Kaffee. Schwarz und süß, so wie sie ihn mochte. „Lach nicht!“, meinte sie, als die Kaffee mit dem dampfenden Inhalt vor Vika auf den Tisch stellte. „Ich kann eigentlich gar nicht sagen, wo ich das her habe. Vor zwei Tagen war ich an meiner Bank.“ Auch Vika kannte diese Bank und viele Male hatten sie gemeinsam in den Fjord geschaut und die Lichter der Stadt bewundert. Aufmerksam hörte sie weiter ihrer Freundin zu. „Als ich grün und blau gefroren war, habe ich mich wieder auf den Heimweg gemacht und unterwegs eine wunderschöne Sternschnuppe am Himmel gesehen. Das ist das letzte, an das ich mich erinnern kann.“ Sinnierend schaut Alva in sich hinein und wendet dann ihren Blick ihrer Freundin zu. Aber Vika macht nur eine unbestimmte Bewegung mit ihrer Hand und fragt „Und?“. „Naja, danach sind meine Erinnerungen weg.“, meinte Alva vorsichtig und suchte den Blick ihrer Freundin. „Wie weg? Wann haben sie wieder eingesetzt?“, fragte Vika nun schon eine Spur aufgeregter. „Als ich am anderen Morgen in meinen Bett aufgewacht bin, war meine letzte Erinnerung die an die Sternschnuppe. Mehr kann ich nicht sagen. Aber offenbar bin ich auf dem Weg zurück gestürzt, denn mein Mantel war schmutzig.“ Entschuldigend und ein wenig besorgt, ob ihr Vika glauben würde, zuckte sie mit den Schultern und sah ihr in die Augen. Vika, nun völlig von den Socken, klopfte neben sich mit der flachen Hand auf das Sofa und sagte nur „Und jetzt mal von Anfang an und alles, was du weißt!“. Also setzte sich Alva zu ihr, nahm noch einen großen Schluck aus ihrer Kaffeetasse und erzählte Vika alles, was sie wusste.

Anschließend saßen die beiden Mädchen beieinander und hingen ihren Gedankengängen nach. „Kann es sein, dass die Sternschnuppe wirklich heruntergekommen ist und dich getroffen hat?“, fragte Vika und sah dabei Alva mit hochgezogenen Augenbrauen fragend an. „So habe ich das noch gar nicht gesehen“, stellte Alva verwundert fest. „Das wäre echt heftig.“ Plötzlich fiel ihr der merkwürdige Stein wieder ein. Abrupt sprang sie vom Sofa auf, hob ihren Zeigefinger in die Luft und überlegte laut. „Wo ist der Stein?“ Vika, die nun gar nichts mehr verstand, schaute sie nur fragend an, als Alva mit ihrem Zeigefinger plötzlich auf die Tür zum Schlafzimmer zeigte und sofort loslief. Etwas langsamer erhob sich Vika und ging Alva hinterher, die in der Zwischenzeit schon die Decke vom Bett geworfen hatte und unter den Kissen wühlte. „Wo ist er nur?“, rief sie ungeduldig. Augenblicke später hielt sie mit einem triumphierenden Lächeln auf dem Gesicht einen kleinen Gegenstand in die Höhe. „Hier ist er. Ich hatte ihn fast schon wieder vergessen.“ Mit diesen Worten legte sie den Stein in Vika‘s ausgestreckte Hand, die ihn neugierig studierte. „Bist du sicher, dass es ein Stein ist? Er sieht so metallisch aus.“ Beide neigten sie ihre Köpfe über Vika‘s ausgestreckte Hand und sahen sich dann fragend an.

Derweil wurde es draußen langsam dunkel. Die Nagellack hatten sie völlig vergessen. Aber es gab auch wesentlich spannendere Dinge zu besprechen. „Ich nehme den Stein mit und lasse ihn von einem Juwelier einfassen.“ Alva nickte. „Ich habe auch das Gefühl, ich sollte ihn immer bei mir tragen.“ fragend sah sie ihre Freundin an. „Klingt das für dich merkwürdig?“, fragte sie zaghaft. Ungewöhnlich ernst für Vika‘s Verhältnisse schüttelte diese den Kopf. „Nein, ganz und gar nicht! Ich habe das Gefühl, er ist der Schlüssel zu einem großen Abenteuer.“ „Abenteuer?“, hakte Alva nach. „Ja, Abenteuer!“, bestätigte Vika. Beide Mädchen nickten in stummen Einvernehmen. Aber welcher Art das Abenteuer sein würde, war noch keiner von beiden klar.