Als Alva an diesem Morgen in ihrem Bett erwachte, fühlte sie sich ausgelaugt und müde. Was war das nur für ein merkwürdiger Traum gewesen und wie war sie in ihr Bett gekommen? Verwirrt schaute sie sich in ihrem kleinen Schlafzimmer um, dass kaum mehr als eine Kammer war. Die Dachschräge machte es noch ein wenig kleiner und wenn sie abends vorm Zubettgehen vergaß, die Heizung ein wenig höher zu drehen, wie offenbar gestern der Fall war, glitzerte es schon mal an den Wänden.

Langsam setzte sie sich in ihrem Bett und bemerkte dabei, dass ihr ein wenig schwindlig war und der Kopf dröhnte. Verwundert griff sie sich an den Kopf, als ein Stein aus ihrer Hand direkt vor sie auf das dicke Federbett fiel. Hatte sie den etwa die ganze Nacht in der Hand gehalten? Mitten in der Bewegung hielt sie inne und streckte langsam ihre Hand nach dem Stein aus. Er war noch ganz warm vom Bett und fühlte sich an oben eigentümlich glatt an. „Wie blankpoliert“, ging es Alva durch den Kopf. Die Unterseite hingegen war ein wenig eingedellt und rau. Auch die Farbe und das Gewicht waren etwas ungewöhnlichen und auf den ersten Blick hätte man meinen können, dass sie eher metallischen Ursprungs waren. Wie war sie nur an den Stein gekommen?

Mit einem leisen Seufzen, denn der Kopf brummte noch immer ein wenig, schob Alva ihre Beine unter der Decke hervor und tastete mit den Zehen nach ihren dicken Pantoffeln. Genüsslich schob sie ihre Füße hinein, warf die Bettdecke beiseite und verließ ihr frostiges Schlafzimmer auf kürzestem Wege. Der Stein war fast schon wieder vergessen und blieb in der Bettdecke begraben zurück.

Nach dem ersten Schluck Kaffee fühlte Alva langsam das Leben in sich zurückkehren. Die Schleier der Nacht lichteten sich langsam in ihrem Kopf und allmählich kamen die Erinnerungen an den letzten Abend zurück. Sie hatte draußen vor der Stadt auf ihrer Bank gesessen bis sie blau gefroren war und den Todestag ihrer Oma mit Gedanken an sie verbracht. Eine leise Trauer breitete sich wieder in Alva aus, als sie sich an den Tisch lehnte und gedankenverloren aus dem Fenster schaute. Immer noch klingelte leichter Schmerz in ihrem Kopf, als sie blicklos die Kaffeetasse an ihre Lippen führte und einen weiteren Schluck nahm. „Bäh!“ rief Alva und „ich habe den Zucker vergessen“ schoss es ihr durch den Kopf. Die bittere Note ihres sonst so süßen Kaffees hatte sie ganz schnell wach werden lassen. Hastig griff sie zur Zuckerdose und stellte fest, dass kein Löffel darin war. Mit einem Griff hinter sich in den auf der kleinen Anrichte stehenden Tontopf mit ihren Besteck war das Problem sofort gelöst. Alles in Alva‘s Wohnung war klein und die Wege kurz. Jedes der drei Zimmer hatte schräge Wände und war urgemütlich eingerichtet. Dennoch blieb die Frage. Wo ist der Löffel abgeblieben?

Plötzlich fiel es ihr wieder ein. Sie hatte ihn gestern zu ihrer Bank mitgenommen, um ihrer Oma ein wenig näher zu sein. Der Löffel war eine Verbindung in ihre Kindheit, die sie nach dem Tod ihrer Eltern bei ihrer Oma verbracht hatte. Bei ihrem Einzug hatte sie ihr den Kinderlöffel damals geschenkt und mit einem Augenzwinkern behauptet, der würde mit ihrem Appetit mitwachsen. Daraufhin hatte sie den Löffel argwöhnisch über mehrere Wochen beobachtet, ob er wohl größer oder kleiner wurde. Nachdem er weder das Eine noch das Andere tat, hatte sie ihn schließlich zum Essen benutzt und auch heute noch gebrauchte sie ihn täglich.

„Ich muss ihn wohl gestern verloren oder vergessen haben“, sinnierte Alva und holte die dick gefütterten Stiefel in die Wohnung. „Schnell noch einen Blick in den Spiegel und die Haare gekämmt, Zähne geputzt und dann kann es los gehen“, dachte Alva, als wie sie wie erstarrt ihr Spiegelbild musterte. Ganz vorsichtig befühlte sie den roten Fleck unter ihrem rechten Auge, der schon bei leichter Berührung schmerzte. „Daher also die Kopfschmerzen“, dachte sie und überlegte, woher sie diese Verletzung hatte. Was war gestern nur geschehen? Das letzte, an das sie sich erinnern konnte, war die Sternschnuppe gewesen, die einen weiten Bogen über den nachtschwarzen Himmel gezogen hatte.

Immer noch in Gedanken griff sie nach ihrem Mantel und war einmal mehr an diesem Morgen erschrocken. Er war ganz schmutzig und es sah so aus, als hätte er irgendwo auf dem Boden gelegen. Aber darum musste sie sich später kümmern. Schnell griff sie nach einem anderen Mantel, streifte ihre stiefel, die mittlerweile schön warm geworden waren, über ihre Füße, griff nach Schal, Mütze und Handschuhen und verließ ihre kleine Wohnung.

Als hätte der Tag nicht schon merkwürdig genug begonnen, fielen Alva auf dem Weg zu ihrer Bank immer wieder Fetzen ihres Traumes der letzten Nacht ein. Eine Stimme hatte zu ihr gesprochen, ohne dass sie jemanden gesehen hatte. Was sie gesagt hatte, konnte sie nicht mehr erinnern. Nur etwas von einem steinigen Weg und Gefahr rumorte noch in ihren Gedanken herum, ohne dass sie es recht zuordnen konnte. Genervt schüttelte Alva ihren Kopf, um die Gedanken zu vertreiben, als ihr Blick auf mehrere Leute vor ihr fiel, die offenbar etwas auf dem Boden suchten. Überrascht blieb sie stehen, die Hände in den Manteltaschen vergraben und beobachtete die Szenerie. Hier waren eigentlich nie Menschen. Darum liebte sie den Platz ja so.

„Heute Morgen ist offenbar alles etwas merkwürdig“, flüsterte Alva, woraufhin sich ein älterer Mann zu ihr umdreht und sie freundlich anlächelte. „Gestern Abend muss hier irgendwo eine Sternschnuppe heruntergefallen sein und nun suchen wir alle danach. Offenbar wurde sie von vielen Menschen in der Stadt gesehen und es gibt viele Meteoritenjäger. Viel mehr, als ich dachte. Auch ich suche...aber alles, was ich gefunden habe, ist ein alter Löffel.“ Verschmitzt grinsend hält er der völlig verblüfften Alva ihren Löffel unter die Nase. Das Leuchten auf ihrem Gesicht, dass sich daraufhin ausbreitet, überrascht den Mann etwas. „Na so spektakulär ist der Fund auch nicht!“, meint er mit einem Augenzwinkern. „Vermutlich nicht – verglichen mit einer Sternschnuppe. Aber er ist der Grund, weshalb ich nochmal hergekommen bin. Das ich ihn so schnell wiederfinden würde, hätte ich nicht gedacht.“ Gemeinsam lachend überreicht der ältere Herr Alva ihren Löffel. „Ich habe die Sternschnuppe auch gesehen. Genau hier an dieser Stelle. Aber ich habe nichts davon mitbekommen, dass sie hier herunterkam.“ überlegt Alva laut. „Vielleicht suchen sie doch besser weiter hinten. Ich habe genau hier gestanden“ sagt Alva und deutet mit dem Finger auf den Boden. Zu ihrer Überraschung kann sie sofort die Abdrücke im Schnee sehen, die darauf schließen lassen, dass vor nicht allzu langer Zeit hier ein Mensch gelegen hat. Nachdenklich runzelt Alva die Brauen.

„Vielen Dank für den Tipp!“ ruft ihr der Mann im Umdrehen noch zu und Alva winkt zum Abschied, mit dem Löffel in der Hand, hinter im her. Nachdenklich, aber beschwingt macht sich Alva wieder auf den Weg zurück in die Stadt. Das war gerade nochmal gut gegangen, freut sie sich und wirft noch einen Blick auf den Löffel in ihrer Hand, bevor sie ihn in die Manteltasche steckt.