Heute war es wieder soweit. Der Tag war kalt und trüb gewesen. Vom Meer her überzogen Nebelschwaden die Kleinstadt, deren Lichter zu ihrer Rechten warm leuchteten und die Sonne, die kaum die trübe Stimmung aufhellen und die Nebel des Tages vertreiben konnte, hatte sich schon vor einiger Zeit hinter den Horizont zurückgezogen. Konnte es tatsächlich schon zwei Jahre her sein, dass sie ihren Weg alleine gehen musste? Traurig schaute sie den kleinen Wolken hinterher, die ihr Atem in der kalten Winterluft hinterlies. 

Letztes Jahr hatte sie an derselben Stelle gesessen und im Jahr davor ebenfalls. Eigentlich hatte sie eine Flasche Hochprozentigen mitnehmen wollen, um sich die Zeit hier ein wenig zu erleichtern. Aber nun, da sie hier saß und sich ihrer Trauer, Wut und Enttäuschung hingeben konnte, ohne ständig um ihr Gleichgewicht zu ringen, war sie froh, diesen Moment und das Gefühl des Erinnerns und Abschiednehmens klar und bewusst erleben zu dürfen. Tief in ihrem Herzen wusste sie, dass sie diesen Tag nur so würdig begehen konnte. 

Gedankenversunken dreht sie ihren kleinen Kinderlöffel, den sie längst nur noch für den Zucker in ihrem Kaffee benutze, in ihren Händen und musste plötzlich schmunzeln. Ein guter Schluck Whiskey hätte jetzt auch sein Gutes gehabt. Die Bank, auf der sie schon seit Stunden saß und völlig in Gedanken versunken auf den vor ihr liegenden Fjord schaute, war eiskalt. Der Nebel tat sein Übriges und mittlerweile war sie zum Eisblock erstarrt. „Ich liebe dich, Oma! Aber ich muss mir erst mal einen warmen Platz suchen. Sonst sehen wir uns schneller wieder, als uns beiden lieb ist.“ flüsterte sie leise und erhob sich mit steifen Gliedern. Den Löffel noch immer in den Händen haltend blickte sie sich suchend um. Irgendwo hier musste doch der Weg sein, der zu ihrer Bank führt. Zum Glück traf sie hier nie jemanden an und so hatte sie schon vor Jahren diesen Platz als „Ihren“ auserkoren. Aber aus genau diesem Grund war der Weg hierher auch nur schwierig zu sehen.

Langsam und immer noch recht steif vor Kälte machte sie sich auf in die Richtung, in der sie den Weg vermutete und richtig – kurz darauf hatte sie ihn wieder gefunden. Der Weg zurück in die Kleinstadt, in der sie nun schon solange lebte, wie sie denken konnte, würde etwa 30 Minuten dauern. „Nun gut“, dachte sich Alva.,„immer noch besser, also hier zu erfrieren!“. Ohne wirklich auf den Weg zu achten, denn dafür war sie ihn zu oft gegangen, lief Alva in Richtung Stadt und schaute immer wieder auf das Meer und in den sternenklaren Himmel. Damals, als sie nach dem Unfalltod ihrer Eltern hierher gekommen war, hatte sie die Stadt gehasst. Kühl und distanziert war sie ihr erschienen, genau wie die Menschen, die in ihr lebten. Als Kind der Wälder und Seen hatte sie nicht verstehen können, wie Menschen auf so engem Raum zusammengepfercht leben konnten und sich offenbar auch noch wohlfühlten, obwohl der eine den anderen kaum Beachtung schenkte. Das Angebot an Kultur, Geschäften, einer helfenden Hand, Freundschaft gleich nebenan oder beheizten Wohnungen hatte sie erst viel später zu schätzen gelernt. Den Blick und ihr Herz dafür zu öffnen, hatte ihr ihre Oma geholfen, bei der sie seit damals lebte.

Wann hat der Nebel eigentlich den Blick auf die Sterne freigegeben?“ fragte sich Alva gerade, als sie auf ihrem weg zurück am tiefschwarzen Himmel über sich eine hellstrahlende Sternschnuppe sah. Freude und Glück durchströmten sie, auch wenn Sternschnuppen zu dieser Jahreszeit nicht besonders selten waren. Der lange Schweif, das helle Licht und der geschwungene Bogen, der ihre Flugbahn beschrieb, ließen erahnen, dass der Kern groß war. Ein Gefühl der Freude und Wärme erfüllte Alva, als sie ihre Augen schloss, ihr Gesicht gen Himmel hob und leise ihren Wunsch aussprach. „Lass uns einander finden! Ich liebe dich!“

Den entsetzlichen und bittersüßen Schmerz, der sie plötzlich ereilte, verspürte sie nur noch am Rande. Ungläubig hob sie ihre Hand und strich mit ihren kalten, zitternden Fingern über die Wange, bevor sie ohnmächtig zu Boden sank. Wirklichkeit und Ohnmacht verschmolzen zu einem Traum, der sie gefangen hielt. Kurz flackerte noch der Gedanke auf, dass sie hier nicht liegen durfte. Dafür war es um diese Jahreszeit zu kalt und über einen längeren Zeitraum konnte man das nicht überleben. Doch dann verließ sie auch dieser Gedanke und die Nacht legte sich über sie.