Und wieder war ein Abend angebrochen, an dem Chor auf seinem mittlerweile angestammten Platz stand und Weihnachtslieder sang. Der Abend vor dem großen Abend! Der Abend vor dem 24. Dezember! Und wieder sang der Chor seine Lieder, in der Zwischenzeit allerdings nicht mehr mit eingerosteten Stimmen und voller Selbstzweifel, sondern mit Selbstbewusstsein und klarer Stimme. Eines allerdings hatte sich in den letzten Tagen doch geändert - ihr Chor der Obdachlosen hatte Zuwachs bekommen. Das Mädchen, dass eines Tages in ihren Reihen aufgetaucht und sich nahtlos integriert hatte, war nicht von Obdachlosen, kannte die alten Weihnachtslieder jedoch ausnahmslos. Woher, wusste sie nicht zu sagen und auch ihre Eltern hatten keine Erklärung dafür. Aber mit ihrer kraftvollen, klaren Stimme überzeugte sie Lucia so sehr, dass sie mittlerweile gemeinsam mit ihr vor dem Chor stand und die zweite Stimme sang.

 Auch die Zuhörerschaft hatte sich in den letzten Tagen geändert. Aus dem Heer an vorbeieilenden und nur kurz verweilenden Zuhörern konnte Lucia mittlerweile viele Gesichter ausmachen, die täglich kamen und blieben, bis die letzte Note verklungen war. Mit den wiederkehrenden Zuhörern hatten sich auch ihre täglichen Einnahmen erhöht und in der Zwischenzeit konnte jedes Chormitglied jeden Abend mit vollem Bauch nach Hause gehen. Nach der Vorstellung wurde der Hut im Chor aufgeteilt und für viele blieb sogar noch etwas übrig, was sie für schlechtere Tage weglegen wollten. 

Alles in allem hatte der Chor jedoch nicht nur die Obdachlosen einander näher gebracht, sondern für alle Menschen eine Brücke in die Freude, Liebe und den Zusammenhalt in der Weihnachtszeit geschlagen. Lucia war sehr glücklich über diesen Verlauf und herzte eins ums andere mal ihre Freunde und das kleine Mädchen. Allerdings sah sie heute Abend recht blass aus und öfter konnte sie beobachten, wie ihre Hand tastend zum Rücken fuhr. Die Mütter in ihrer näheren Umgebung wussten - das Baby will heute Nacht kommen. Sie allerdings hatte noch keinen Schimmer.  

Aus einiger Entfernung beobachteten auch die Elfen das Geschehen und freuten sich für Lucia, das kleine Mädchen, den Chor und alle Zuhörer, die völlig in den Bann der Weihnachtszeit geschlagen waren. Nur Arela trippelte unruhig von einem auf das andere Bein. Schließlich jedoch löste sie sich mit einem Lächeln auf den Lippen von der Gruppe und schritt auf einen jungen Mann zu, der auf jemanden zu warten schien und zunächst dem Chor keines Blickes würdigte.

Arela stellte sich neben den jungen Mann, tippte ihn mit ihrer Schulter und fragte ihn, ob es ihm gefalle. Ihm gefalle, überlegte Enyo kurz. "Was denn?", fragte er überrascht. Aber Arela lächelte nur geheimnisvoll und über ließ ihn sich selbst und seiner Umwelt. Langsam nahm Enyo die Menschenmassen vor sich wahr und den Zauber, der sie zu verbinden schien. Und was war das? Ein Ton, eine Melodie? Ein Lied! Ja, es war ein Lied! Kannte er es? War es ein Weihnachtslied? Konnte das sein? Nein! Doch, ein Weihnachtslied! Es gibt Menschen, die noch Weihnachtslieder hören? Ungläubig sah sich Enyo um. Dann ist die Idee mit einem Weihnachts-Computerspiel doch gar nicht so falsch! Und klar, nun hatte er auch die musikalische Untermalung gefunden!  Dankbar sah er Arela an. Diese kleine Nervensäge hat mir die besten Ideen aller Zeiten geliefert und irgendwie auch dafür gesorgt, dass ich meine Nachrichten wieder gelesen und meine Freunde neu gefunden habe. Einem plötzlichen Impuls folgend schloss er sie in seine Arme und drückte sie fest an sich. Arela, die natürlich wusste, dass bei ihm der Groschen gefallen war, weil sie seine Gedanken hören konnte, sah ihm tief und freundlich in die Augen. "Mach das Beste draus und geh deinen Weg!", dreht sich um und verschwand in der Menschenmenge. Enyo, noch ein wenig verwirrt über den Abgang von Arela, schob sich langsam durch die Zuhörer hindurch auf den Chor zu.

Nun ja, so war Arela nun mal. Still lächelte sie vor sich hin, als sie sich wieder der Gruppe Elfen zugesellte, die am Rande alles mitverfolgt hatten. "Lasst uns gehen, Freunde! Der Kreis hat sich geschlossen und wie ein Stein, der in Wasser fällt, wird er weitere Kreise ziehen! Wir haben die Saat gesät und ihr Keimen gelenkt. Der Rest liegt bei den Menschen und denen, die in dieser Nacht geboren werden!", meinte  sie und zwinkerte verschmitzt. Vielen der anwesenden Elfen fiel jetzt zum ersten Mal auf, dass Arela nicht nur klug, sondern auch liebenswert war und so waren einige doch etwas überrascht. 

Der Weg durch den die Stadt umgebenden Wald zog sich dann doch recht lang hin. Aber niemand aus den Elfen-Teams machte schlapp oder bat um eine Pause. Sie alle waren mit den von Janus geschickten Rentieren verabredet und so sehr, wie sie zu Beginn ihrer Reise die Menschenwelt sehen und erleben wollten, so sehr wollten sie nun wieder nach Hause! Was konnte es Schöneres geben, als Spekulatius und Lebkuchen zum Frühstück - mit einer extra Prise Zimt! Sie alle hofften, dass der Weihnachtsmann erfolgreich nach Hause zurück gekehrt war und sie sich schnell wieder ihren eigentlichen Aufgaben zuwenden konnten.

Kurz vor Mitternacht erreichten sie die Lichtung, zu der Janus die Rentiere schicken sollte. Im blauen Licht des Mondes sahen sie zu ihrer unbändigen Freude drei Rentiere mit den Hufen im Schnee scharrend nach den letzten Gräsern des Sommers suchen. Sich gegenseitig mit den Ellenbogen anstoßend und kichernd betraten die neun Elfen die Lichtung. Die Rentiere hatten ihre Ankunft längst bemerkt und sahen ihnen schon erwartungsvoll entgegen. 

Nach einer kurzen aber herzlichen Begrüßung saßen die Elfen auf - je drei auf einem Rentier - und traten den Heimweg an. So sehr es alle auch nach Hause zog, so schwer war doch der Abschied von der Menschenwelt. Menschliche Liebe, Freundschaft und  ihren Ehrgeiz hatten sie hier kennengelernt. Ebenso waren sie auf Verrat und Einsamkeit. Alle hatten sie jedoch gelernt, dass der Mensch in der Lage ist, dies zu überwinden und zu einem Großen und Ganzen zusammenwachsen. Dieses Wunder - darüber waren sich alle im Klaren - war nicht nur in der Weihnachtszeit möglich. Es war eine Gabe der Menschen, die sie jederzeit einsetzen konnten. Dennoch waren sich alle Elfen einig, dass die Weihnachtszeit diese Gabe erneut zum Leben erweckt hatte - und sie ihren bescheidenen Anteil daran hatten.

 Während die Rentiere über den offenen Himmel gen Weihnachtsstadt jagten, hingen die Elfen, eine jede für sich, ihren eigenen Gedanken nach. Was würde der nächste Tag für sie bringen und was würden sie am Ziel der Reise vorfinden?


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