Mit übereinandergeschlagenen Beinen saß sie in einem kleinen Raum, der beinahe nicht alle Personen hatte aufnehmen können, welche sich nun bis an die Wand gequetscht hinter ihr aneinanderreihten. Mit gespielter Langsamkeit dehnte sie ihre Finger, ihre Schultern und ihren Nacken, welcher aufgrund der Bewegung knackste - sie genoss es, alle Blicke auf sich zu spüren. Deshalb öffnete sie den Laptop geradezu mit Samthandschuhen und spitzen Fingern. Im Gegensatz dazu raste sie jedoch mit ihren Fingern über die Tasten und ließ Tabs aufspringen. Zu sehen war auf einmal eine gräuliche Seite, auf der ein Chatfenster offen zu sehen war. Besser konnten es die meisten anderen Elfen nicht erklären, weil sie nicht in der Technikabteilung der Werkstatt arbeiteten. Diese wurde erst vor rund zweihundert Jahren eingerichtet und nahm mittlerweile doch mehr als die Hälfte des Arbeitsraumes ein. Das bedeutete aber nicht, dass die Gefährten nicht zumindest grundlegend dazu in der Lage waren, zu verstehen, was sich vor ihren Augen abspielte.

Und sie waren ganz erstaunt, die ganzen Bilder zu sehen, welche Arela geschickt hatte - so viele Gesichter, die sie nicht kannten! Doch die Landschaften kannten sie nur zu gut, schließlich waren sie ein Teil ihrer Kraftplätze, uralte Stellen, die seit Anbeginn der Zeit kein Mensch betreten hatte. Und genau so sollte es auch bleiben, weshalb die Elfen nun empört den Atem anhielten und sich ein Donnergrollen in dem Raum zusammenbraute. In all der energiegeladenen Stille blieb Arela jedoch gelassen und begann gelassen sowie selbstverständlich zu erklären, was sie in den letzten Tagen bei all den Telefonaten erreicht hat - sie war sichtlich stolz auf ihre Errungenschaften. 

Sie berichtete von den Ideen, welche sie Enyo für potentielle Weihnachtsspiele gegeben hat. Dabei ist sie in seine Gedankenwelt abgetaucht, hat seine verborgenen Sehnsüchte gesehen, ist von losen Gedankenfetzen zu Gedankenfetzen gesprungen, um am Ende das verlorene Geschenk zu finden, von dessen Existenz er keine Notiz mehr nahm. Der Gedanke allerdings hatte nach wie vor an der Oberfläche gelauert und nur darauf gewartet, von ihr wach gekitzelt zu werden. Also hatte sie mit neuen Ideen und Fragen versucht, ihn an den Ort zu locken, der ihm alles offenbaren würde, was ihr am Ende auch gelungen war. Der Groschen war gefallen. 

"Menschen wähnen sich so oft im Recht, weil sie denken, alles mitzubekommen, alle Details zu wissen, sodass sie die Realität ein wenig verpassen.", meinte Arela mit selbstbewusster Miene, "Ebenso verhielt es sich mit Enyo. Er hat erst am Ende, als ihm die Freundschaften bereits nahezu vollständig entglitten waren, bemerkt, dass er sich nicht genügend mit diesen Leuten auseinandergesetzt hatte, weil sie als selbstverständlich für ihn galten. Deshalb hat er seine Bemühung verstärkt, doch es wurde mit der Zeit nicht mehr erwidert. Um fair zu sein - er hat sich schon regelmäßig gemeldet und versucht, die Inhalte im Auge zu behalten, aber ihm sind Details häufig nicht aufgefallen. Erst durch mich ist er darauf aufmerksam geworden!", sagte sie beinahe triumphierend. Ein Strahlen war in ihren Augen zu sehen, dessen Intensität beinahe Häuser zu Asche zu verbrennen vermochte. 

Mit verhaltenem Lächeln fuhr sie fort:" Einer seiner Freunde hatte zu Beginn ihrer Studienzeit eine gemeinsame Cloud erstellt, auf welcher sie alle Programmierung, alle Ideen und Skripte hochladen können - ein Geschenk an Ihre Freundschaft und ein Denkmal an ihre gemeinsamen Ziele. Die Cloud sollte sozusagen ihr Ideenspeicher sein. Aber weil sich in den ersten zwei Monaten nicht viel auf der Cloud getan hat, ist sie bei ihm in Vergessenheit geraten. Und jedes mal, wenn sie aufs neue erwähnt wurde, hat er die kurzen Nachrichten übersehen. Doch nun ist er endlich wieder darauf gestoßen, weil sie die ganze Zeit auf ihrem Server auf ihn gewartet hat. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er mit seinen Freunden wieder programmiert - und diese Schätze hier umsetzt." Voller Stolz deutete sie auf den Bildschirm und all die Beiträge, die sie mit ihm geteilt hat.

Diese neuen Welten brannten nach wie vor auf ihrer Netzhaut und erloschen auch nicht, als sie den Delete-Button drückte und damit nicht nur ihre Version des Chats löschte, sondern auch seine. Das war eigentlich nicht möglich, doch das war vermutlich der Vorteil, wenn man ein magisches Wesen war - und sich mit Technik auskannte.  "Ich habe noch einen kleinen Verwirrungszauber auf seinem Discord hinterlegt, weshalb er sich nicht mehr an mich erinnern sollte. Sein Verstand wird sich schon etwas zusammenreimen, was die Gamingideen anbelangt. Menschen sind sehr gut darin, Lücken mit kreativen Mitteln zu füllen, wenn ihnen die Fakten fehlen. Und doch nehmen sie diese als Fakten an - verrückt!", sagte sie mit einem lauten Gähnen, welches alle dem gebannten Schweigen riss.

Manchmal wollten sie es nicht zugeben, doch alleine die Art, wie Arela redete, konnte alle im Bann halten - einfach weil sie es mit einer Überzeugung und Selbstverständlichkeit tat, dass man nichts anderes tun konnte als ihren Lippen zu folgen. Doch Mandrion ließ sich nicht so einfach aus der Bahn werfen und fragte deshalb mit ernster und ruhiger Stimme nach, welchen Effekt ihre Mission bisher hatte. Er konnte sich nicht gänzlich erklären, weshalb sie lediglich diese drei Fremden hatten aufsuchen müssen. Und vor allem, weshalb die Aurora bereits jetzt schon wieder stärker zu erstrahlen scheint. Es ergab keinen Sinn für ihn - für die meisten anderen auch nicht, da sie ihre mit Mützen bestückten Köpfe schüttelten und sich diese kratzten. Manche überlegten laut, was die Gründe gewesen sein können - sie kamen auf die Idee, dass diese Menschen vielleicht unterdrückte magische Kräfte besaßen oder dass sie eine besondere Herkunft besaßen, welche sie zu dem Beginn der Weihnachtszeit und der Weihnachtsmagie zurückführte.

Mit der Zeit wurden sie immer abstruser in ihren Antworten, was sie auch wussten, weshalb sie ständig giggeln und lachen mussten.  Am Ende erhob Keona erneut ihre Stimme und antwortete mit Bedachtheit auf die gestellte Frage, als wäre sie erst wenige Sekunden zuvor geäußert worden. "Ich denke, dass diese Menschen auf ihre ganz eigene Art und Weise besonders sind und ihren Beitrag zur Gesellschaft leisten. Lucia ist verständnisvoll, ausdauernd und besitzt die Gabe, Menschen zu verbinden. Das kleine Mädchen ist passioniert, ehrgeizig und bestimmt. Und Enyo, er ist sehr kreativ, loyal und wissbegierig. Alles Eigenschaften, die mit dem rechten Willen dahinter Großes erreichen können. Wir haben einen Samen gestreut, um daraus Großes erwachsen zu lassen, denn häufig sind es auch die Dinge, die in der Zukunft kommen werden, welche das Hier und Jetzt bestimmen. Die Aurora lebt nicht nur durch den Glauben, der heute existiert, sondern auch durch den, der existieren könnte." Mandrion warf ihr, ebenso wie alle anderen, einen anerkennenden Blick zu, den sie jedoch nicht bemerkte, weil sie in die Ferne starrte.

Nach Hause starrte sie, um genau zu sein, da dies der nächste Ort sein würde, zu welchem sie ihre Reise führen würde. Sie hatten ein paar Geschenke zu liefern!       


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