Still und eingefallen lag sie auf ihrem Lager. Das Licht ringsum war gedämpft und selbst die Geräusche des Tages waren hier kaum vernehmbar. Als er ihre Unterkunft jedoch betrat, setzte sie sich, die Felle beiseite schiebend, auf und hob ihm mit vor Freude strahlenden Augen ihre offenen Arme entgegen. Mit der immer so mächtigen Anführerin der Annea ging es zu Ende. Der Weihnachtsmann kannte sie nur als kraftvolle, vor Leben strotzende Persönlichkeit, die unumstoßbar für die Heilung der Welt eintrat. Sie nun so zu sehen, war für ihn sehr schwer. Schnellen Schrittes ging er zu ihr und schloss sie behutsam in seine Arme. Ihr Herz flatterte unter den Rippen wie ein verängstigstes Vögelchen im Käfig, dass konnte er wohl spüren. Aber noch blieb ihm Zeit, ihr einen letzten Wunsch zu erfüllen.

Und so nah er den Band, den er bis hierher durch die Gänge getragen hatte und legte ihn ihr wortlos auf die Felle. Ein einziger Blick genügte ihr, um zu sehen, dass es sich um das Buch 'Natur und Elfen im Einklang - Große Enzyklopädie der Arbeit in und mit der Natur' handelte. So lange hatte sie darauf gehofft. Diese Enzyklopädie war eine Zusammenfassung aller Methoden, derer Elfen sich bedienten, um der Natur zu helfen und die Elfen verfügten natürlich über eine ganz andere Magie als die Annea. Dadurch konnte dieses Buch das Wissen ihres Volkes um ein Vielfaches erhöhen und würde sie weiter voranbringen bei der Hege, Pflege und Heilung von Flora und Fauna.

Dankbar und mit Tränen der Freude in den Augen sah sie ihn lange an und der Weihnachtsmann hielt ihrem Blick stand, ebenso ergriffen wie die Annea. Mit diesem letzten Geschenk, so wusste er, hatte er ihr Lebenswerk komplettiert und nur darauf kam es ihm im Augenblick an. Doch die Annea wusste es besser, ahnte bereits, dass es ein Hilferuf der besonderen Art war und ließ eine Wächterin nach Belana schicken. 

Belana, eine Annea mit einer ganz ähnlichen Ausstrahlung wie seine alte Freundin, lies nicht lange auf sich warten. Fast geräuschlos betrat sie die Unterkunft tief unter der Erde, ließ ihren Blicke über ihre Anführerin, die Enzyklopädie auf ihren Schoss und den Weihnachtsmann gleiten und neigt den Kopf leicht zum Gruß. Sie sagte jedoch kein einziges Wort. Die alte Annea rief sie mit einer Handbewegung an ihr Lager und stellte vor. "Das ist Belana, mein alter Freund. Sie wird in nicht allzu langer Zeit die Geschicke der Annea leiten und unserem Volk die Kraft und Magie geben, die für unsere Arbeit notwendig ist. Un die, Belana, ist mein alter Freund und unser seit Ewigkeiten Verbündeter, der Weihnachtsmann. Er und seine Elfen sowie wir Annea haben vor langer, langer Zeit einen Pakt geschlossen und unterstützen uns gegenseitig, wenn die Situation es erfordert.". Kurz hielt sie inne, um wieder zu Luft zu kommen und sprach weiter. "Nun ist so eine Situation eingetreten. Die Weihnachtswelt braucht unsere heilende Hilfe." und an den Weihnachtsmann gewendet, "doch berichte du, mein lieber Freund!".

Und so erzählte der Weihnachtsmann den beiden Frauen, Halbgöttinnen, Heilerinnen, was in der Weihnachtswelt los war und welche Auswirkungen dies alles auf die magische Hülle hatte. Still nickte die alte Annea an manchen Stellen, sagte jedoch nichts, bis der Weihnachtsmann geendet hatte. "Dies nun wird deine erste Aufgabe als neue Anführerin der Annea sein, Belana. Heile mit dem Weihnachtsmann und den Elfen die magische Hülle der Weihnachtsstadt und erneuere den Bund zwischen unseren Völkern!" Belana, die aufmerksam gelauscht hatte, sah die alte Annea traurig an. Sie wusste, die mit ihrer Übernahme der Geschicke der Annea ihre alte Freundin, Mutter und Anführerin für immer von ihnen gehen würde. Annea wurde zwar eine schier unendliche Zeit auf Erden gewährt, jedoch waren sie Halbgöttinnen dennoch sterblich. Das Leben der Anführerin endete stets, wenn eine neue Anführerin die Geschicke übernahm. Auch der Weihnachtsmann wusste dies und sah wohl das große Geschenk, dass die alte Annea ihm mit diesen Worten machte. Sie gab ihr Leben für die Rettung der Weihnachtsstadt und dicke Tränen rollten in seinen dichten Bart. 

Sacht nahm er ihre Hände in die seinen, blickte ihr tief in die Augen und wusste doch nicht, wie er sich für so ein Geschenk bedanken sollte. Die alte Annea jedoch lächelte, ergriff eine Hand von Belana, die wiederum nach einer Hand des Weihnachtsmanns griff und einen geschlossenen Kreis bildend besiegelten sie zu dritt den Pakt. Ein letztes mal ließ die alte Annea ihre Magie durch den Kreis fließen. In dem Maße, in dem ihre Energie versiegte, übernahm Belana und zuletzt ließ auch der Weihnachtsmann seine Magie in den Pakt einfließen. Mit dem letzten Funken Magie der alten Annea, der neuen Annea und des Weihnachtsmanns war der Pakt geschlossen und besiegelte nun eine weitere Ewigkeit ein friedvolles Mit- und Füreinander der beiden Völker.

Friedlich und mit einem Lächeln auf den Lippen lag die alte Annea in ihren Kissen. Um sie würden sich andere Hüterinnen kümmern. Die neue Annea verabschiedete sich mit einem letzten Kuss von ihrer einstigsten Anführerin und rief zur großen Versammlung. Der Weihnachtsmann wusste, dass das Dahinscheiden der alten Annea und die Führung durch die neue Annea in einem besonderen magischen Akt, genannt die große Versammlung, gewürdigt werden musste. Erst damit würden die besonderen Kräfte der alten Anführerin auf die neue Anführerin übergehen. Da es jedoch nur Annea erlaubt war, an der großen Versammlung teilzunehmen, nahm er Platz in einem Stuhl und verabschiedete sich still und tränenreich abseits der anderen von seiner alten Freundin. 

Eine halbe Ewigkeit später kam Belana zurück. Bei ihr war eine halbe Hundertschaft Annea, die für den Ausflug auf die Erdoberfläche ausgerüstet waren. Mit einem letzten Blick auf das nun leere Lager der alten Annea erhob sich der Weihnachtsmann und bildete mit der neuen Annea die Spitze der Prozession, die dem Licht und der kaputten Hülle der Weihnachtsstadt zustrebte. Im Flüsterton erzählte die neue Annea ihm, dass sie sich bereits vor einiger Zeit auf die Reparatur der Hülle vorbereitet hatten. Die alte Annea hatte den Verfall gespürt und ihr aufgetragen, sich um die notwendigen Maßnahmen zu kümmern. So sein ihr bei seinem Anblick auch sogleich klar gewesen, dass nun ihr erster Einsatz als neue Annea bevor stand. Kurz verhielt sie im Schritt und legte ihre Hand auf die des Weihnachtsmanns. "Ich kenne und fühle deinen Schmerz. Durch Magie und Erneuerung des Pakts sind wir nun miteinander verbunden - du, ich und die alte Annea, die auf ewig ein Teil von uns bleiben wird. Ich weiß, du vermisst deine alte Freundin und das ist gut so. Ich vermisse sie ebenfalls. Aber auch wir werden gute Freunde werden. Ein Teil deiner Magie ist nun in mir und ein Teil meiner Magie in dir. Wir sind unlösbar in Freundschaft miteinander verbunden und ich möchte, dass du weißt, dass ich für dich da bin!" Dankbar erwiderte der Weihnachtsmann den Händedruck der neuen Annea. "Auch ich werde für dich und das Volk der Annea da sein! Ich fühle deine Magie in mir, ebenso wie deinen Schmerz. Diesen werden wir noch eine ganze Weile teilen." "Nun jedoch", erwidert Balena mit einem zustimmenden Nicken, "müssen wir in die Zukunft schauen und dafür Sorge tragen, dass unser Pakt überhaupt Bestand haben kann. Lass uns erst die Weihnachtsstadt retten, mein Freund! Danach gibt es wieder Zeit für die Besinnung auf das Geschehene!"

Trotz ihrer Jugend strahlte die neue Annea eine Autorität und Weisheit aus, die der der alten Annea kaum in etwas nachstand. Zur Anführerin war man offenbar geboren und die Wahl der alten Annea war äußerst weise gewesen. Wie der Weihnachtsmann noch in diesen Gedanken verweilte, erreichten sie das Tageslicht. Auf ein paar knappe Worte der neuen Annea in einer Sprache, die er bislang noch nie gehört hatte, verteilten sich die Hüterinnen rund um die Stadt. Ein leises Summen in der Luft kündigte an, dass die Hüterinnen Kontakt zueinander aufgenommen hatten. Der Weihnachtsmann legte unter den wachsamen Augen der neuen Annea eine Hand auf die unsichtbare magische Hülle, die rund um die Weihnachtsstadt bis auf den Boden reichte und das Summen verstärkte sich im gleichen Moment. Auf Kommando legten alle Hüterinnen ihre Hände auf die Hülle und gemeinsam ließen sie ihre heilende Energie in sie hinein fließen. Golden irisierend zeigte sich selbst dem ungeübten Auge die Hülle an vielen Stellen und mit jeder verstrichenen Sekunde wurden die Löcher kleiner. Dennoch dauerte es sehr lang, bis die magische Hülle der Weihnachtsstadt komplett verschlossen golden schimmerte. Wäre in diesem Moment ein Flugzeug über den Nordpol geflogen, hätte es die goldene Glocke ausmachen können. So aber blieben sie unbeobachtet und konnten ihr Werk vollbringen.

Zeitgleich nahmen alle Hüterinnen ihre Hände erschöpft wieder von der Hülle, so dass nur der Weihnachtsmann noch Kontakt zu ihr hatte. Mit einem letzten magischen Energiestoß, der einer ganz besonderen Formel folgte, wurde mit Hülle mit einem lauten Knistern Stück für Stück wieder unsichtbar. Als nichts mehr zu sehen war, nahm auch der Weihnachtsmann erschöpft seine Hand wieder von der Hülle. Gemeinsam, voller Stolz und Freude, betrachten sie ihr Werk - welches nun freilich nicht mehr zu sehen war. Aber alle konnten fühlen, dass die Heilung und Reparatur der Hülle geglückt war und dieses Gefühl versetzte Annea und Weihnachtsmann gleichermaßen in einen leichten Taumel.

Die Einladung des Weihnachtsmanns, in der Weihnachtsstadt neue Kraft zu tanken und sich anschließend ausgeruht auf den Rückweg zu machen, schlugen die Annea aus. Auf sie warteten nun weitere  wichtige Aufgaben daheim. So machte sich der Weihnachtsmann allein auf den Weg - zu einem Tier des Waldes. Er bat es, den Elfen die Nachricht zu übermitteln, dass sie ihm ein Rentier schicken sollten. Nun, da die Hülle wieder stabil und gesund war, blieb sie außer für Tiere für alle geschlossen - auch für den Weihnachtsmann!

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