Waren ihre Eltern am Anfang noch fasziniert von ihrer Leidenschaft und ihrer brennenden Energie, so schlug diese Faszination mittlerweile in Besorgnis und Hilflosigkeit um, weil sie ihrer Tochter nicht zu helfen vermochten. Sie wussten nicht, wie sie die Energie in gesunde Verhaltensweisen kanalisieren konnten, wussten nicht, wie sie ihre Tochter zu regelmäßigen Mahlzeiten bewegen sollten, wenn sie doch die ganze Nacht über wachte, um dann am Morgen todmüde ins Bett zu fallen. Sie hatten Angst, dass ihr loderndes Feuer irgendwann erlöschen wird, weil sie ihr nicht die richtigen Mittel zu geben wussten, nicht die richtigen Worte - so, wie die meisten großen Träume sterben, wenn man erwachsen wird.

Doch nun mussten sie sich erst einmal der physischen Gesundheit ihrer Tochter widmen - deshalb versuchten sie, ihre Tochter Nachmittags aus dem Schlaf zu reißen, Sport mit ihr zu machen, damit sie am Ende des Tages wieder so ausgepowert war, dass sie müde in ihr Bettchen fiel. Für ein oder zwei Stunden klappte das gewiss auch, ehe sie wieder aus ihrem Bett kroch und gen Himmel starrte, dem Mond leise ein gute Nachtlied singend. Vielleicht hätte eine Gesangslehrerin geholfen, doch die Zeiten passten momentan nicht in ihren Terminkalender hinein. Und sie wussten nicht, welche Einsteiger-Kurse empfehlenswert waren und der Stimme ihrer Tochter gerecht wurden. Kurzum - sie suchten sich Ausreden aus und das wussten sie.

Deshalb schnappten sie ihre Tochter kurzerhand und machten sich nun doch auf den Weg, um sie an einer Musikschule anzumelden. Glücklicherweise wohnten sie in der Nähe des Stadtzentrums, weshalb sie nicht so weit laufen mussten. Sie wählten zudem eine Abkürzung, sodass sie sich nicht durch die Menschenmassen quetschen mussten, welche sich auf dem Marktplatz tummelten - es schien eine größere Menge als gewöhnlich zu sein. Aus weiter Ferne konnten sie klingende Stimmen hören, doch das interessierte sie in dem Moment nicht weiter, da die Schule bald schließen würde. Zudem war ihre Tochter nicht ganz so schnell unterwegs, was sie ein wenig ausbremste.

So erreichten sie die hölzernen Tore gerade eine viertel Stunde vor Feierabend, weshalb sie eilig in die schallenden Hallen traten, um zur Rezeption zu gelangen. Dort bestätigten sie die Klingel, weil niemand hinter dem Tresen aufzufinden war. Doch so schnell auch der Rezeptionist kam, so schnell wurden auch ihre Hoffnungen zerstört, da momentan ein Mangel an Gesangsausbildern herrschte. Ein zu niedriger Lohn und Krankheitsfälle haben für Kürzungen gesorgt, meinte der ältlich wirkende Mann betreten.

Und mit jedem Wort, welches der Mann äußerte, wurden die Augen des kleinen Mädchens trüber. Als der freundliche Mann das sah, gruben sich leichte Furchen in sein Gesicht und er beeilte sich, ihr andere Musikstunden anzubieten - schließlich konnte sie ja auch Instrumente erlernen. Die Absage war nicht für immer. Ihr ratlosen Eltern schauten ihre kleine Tochter mit großen Augen an, welche nun ihrerseits die Stirn runzelte und nachdachte. Eifrig bot ihr der Herr an, ein paar Instrumente auszuprobieren, damit sie sich das liebste aussuchen konnte. Und so wandelte sie die nächste Stunde im Abstellraum herum, probierte Trompete, Cello, Klarinette und Harfe aus, bis sie am Ende beim Klavier ankam. Es war ein Klassiker und doch fühlte sie sich eben deshalb davon angezogen. Die gewaltige Kraft hinter den Hammerschlägen berührte sie, die leisen Töne namen sie mit.

Natürlich konnte sie noch kein Lied spielen, selbst die Tonfolgen klangen eher schlecht als recht, doch die einzelnen Schwingungen gruben sich genügend in ihr Herz ein, um sie zum Spielen zu bewegen. Und so wurde sie nun stattdessen beim Klavierspielen eingetragen und nicht beim Gesangsunterricht.

Ihr Herz weinte und jubelte zugleich, weshalb ihr jeder Schritt merkwürdig vorkam - im Himmel und auf Erden zugleich. So beschwingt, wollten die Eltern zumindest noch einmal in einem Musikladen vorbeischauen, um ihr Notenhefte und Gesangsbücher zu kaufen - ihre Euphorie hatte nämlich auch wieder auf sie abgefärbt. So schlenderten sie voller Begeisterung über den Marktplatz, welcher sich mittlerweile aufgrund der Zeit geleert hatte. Nun konnten sie auch den Grund für die Musik ausmachen - eine kleine Gruppe an Obdachlosen stand vereint auf der Straße und sang Weihnachtslieder. Die meisten bildeten lediglich die Hintergrundstimmen, doch eine Frau stach mit ihrer Stimme hinaus. Sie hatte beinahe den selben, betörenden Ton wie ihrere Tochter. Das war wohl auch der Grund, weshalb diese angehalten hatte und nun voller Staunen und Ehrfurcht auf diese Gruppe Menschen starrte. So etwas Schönes schien sie schon lange nicht mehr gesehen zu haben.

Während das kleine Mädchen den Sängern mit offenen Mund und klingenden Herzen lauschte, stand eine kleine Gruppe aus Elfen im Schatten der Häuser und folgte der Szene mit einer Mischung aus beschwingtem Mut und Ratlosigkeit. "War das schon alles?", fragte jemand in die Gruppe hinein, "Wir mussten doch überhaupt nicht viel dafür tun, die Polarlichter wieder mehr zum Leuchten zu bringen! Diese Situation war mehr Zufall als direktes eingreifen!" Die anderen konnten der Aussage nur zustimmen, haben sie doch nicht viel mehr getan, als diese Menschen aufzufinden und ein paar keimende Ideen zu streuen. "Aber vielleicht ist es ja auch genau das - die Menschen besitzen all die notwendigen Anlagen, um wieder an Weihnachten, an Leidenschaft, Liebe und Zusammenhalt zu glauben! Manchmal brauchen sie nur einen Anstupser, den Funken, der sie wieder zum brennen bringt.", meinte Keona bescheiden. Und wo sie recht hatte, hatte sie recht. "Ja, aber was ist denn jetzt mit Enyo?", platzte es aus Amarandel heraus.


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