Der blaue Kristall trug ihn hoch in die Lüfte, ohne dass er den Boden unter den Füßen verlor und wo er zunächst unendlich viel Kraft benötigt hatte, um ihn überhaupt zu erreichen, bekam er nur alles an Energie zurück und noch viel mehr. Er allein war würdig, durch den blauen Kristall zu gehen - er und ihre ehemaligen Verbündeten, die Annea.  Sie sind halbe Gottheiten, die als Mütter und Hüterinnen, als Bewahrerinnen und Verteidigerinnen der Magie von Bergen und Tälern, Flüssen, Seen und Meeren, Wäldern und Brachen, kurz von allem, was das Auge erblickte, ihren Dienst an der Erde versahen. Auch seine verstorbene Frau hatte ihn früher begleiten können, so dass sie hin und wieder die magische Bibliothek aufsuchten und in den uralten Büchern lasen. 

Doch von den Annea war schon lange keine mehr durch den Kristall zu ihnen gekommen. Die einst so guten Beziehungen und ihre einzigartige Freundschaft war in den letzten Jahrhunderten ein bisschen angestaubt und musste jetzt, da der Weihnachtsmann dringend ihre Hilfe benötigte, wieder aufpoliert werden. Aber bevor er sich auf den Weg zu den Annea machen konnte, musste er in der Bibliothek dringend ein Buch finden.

Der leichte Briese, die am Abend seines Aufbruchs einen Sturm in seinem Inneren entfacht hatte, hatte mit der Stimme seiner Frau zu ihm gesprochen. Ganz deutlich hatte er ihre Worte im Ohr. "Finde 'Die Geheimnisse der Weihnachtsstadt' und bringe ihnen 'Natur und Elfen im Einklang - Große Enzyklopädie der Arbeit in und mit der Natur'." Beide Bücher waren uralt - vom Anbeginn der Zeit - und unglaublich kostbar. Deshalb lagen sie hinter vielen Bannen und dem blauen Kristall geschützt, damit niemand sie entwenden oder beschädigen kann. Die Enzyklopädie enthielt unzählige Beschreibungen von Magien, die für verschiedenste Zwecke für die Natur gewirkt werden konnten. Dieses Buch war so kostbar, dass selbst der Weihnachtsmann sich kaum getraute, es zu berühren. Die Annea wussten von dem Buch und erbaten es seit Urzeiten vom Weihnachtsvolk, dass ihre Bitte jedoch immer wieder zurückwies. Allein - es war deren Schatz und so nahmen die Annea ihnen dieses nicht krumm. 

Aber seine Frau hatte recht. Für eine so große Bitte wie die Unterstützung bei der Rettung der Weihnachtsstadt musste der Weihnachtsmann eine Gegenleistung anbieten, die sie nicht ablehnen konnten. Dieses Buch war die einzige Möglichkeit, die er sah - und wohl auch seine wundervolle Frau, die ihm selbst jetzt noch mit ihren Ratschlägen zur Seite stand. Aber zunächst musste er in Erfahrung bringen, wie sich der Zerfall der magischen Hülle wenigstens temporär aufhalten ließ. Er benötigte dringend für die Reparatur der Hülle dringend einen Status, von dem aus er aufbauen konnte. Die aktuelle Situation, die ihm nicht entgangen war, war dafür nicht ausreichend. Zwar drohte die Hülle nicht mehr jeden Tag über ihren Köpfen einzubrechen, da die Himmelslichter wieder zu sehen waren. Aber sie verlor über den Tag doch wieder zu viel Energie, so dass die Himmelslichter immer nur auffüllen, nicht aber reparieren konnten. Die Hülle war noch wie vor instabil und musste dringend in heilende Hände. 'Die Geheimnisse der Weihnachtsstadt' hatte die kleine Briese mit der Stimme seiner Frau gesagt. Dort würde er den entscheidenden Hinweis finden!

 Im Labyrinth der Bücher, in dem er seit Jahren nicht gewesen war, ging er auf direktem Wege zu dem Buch. Einst hatte er den Standort eines jeden Buchs gewusst. Doch dieser war ihm noch gut in Erinnerung. Mit dem Buch unter dem Arm ging er an den Platz, wo alle Wege zusammen liefen und entzündete eine Kerze, die nach all den Jahren auf dem Tisch gewartet hatte. In den beiden Schaukelstühlen lagen dicke Pelze, die Tische waren nach wie vor voll von aufgeschlagenen und geschlossenen Büchern. Hier musste er dringend mal aufräumen, nahm er sich vor. Nach dem Tod seiner Frau war er nicht mehr hier gewesen. Die Erinnerungen an sie schmerzten zu sehr. Doch nun, das die Zeit ihre Wunder gewirkt hatte und er wusste, dass seine Frau immer bei ihm war, konnte er sich dieser Aufgabe stellen. Aber eins nach dem anderen! Zunächst musste das Geheimnis der Weihnachtsstadt dauerhaft gehütet werden.

Mit dem Buch in der Hand setzte er sich in seinen alten Schaukelstuhl und begann, Seite und Seite zu überfliegen. Lange saß er, überflog Artikel zur Wirkung der Himmelslichter, der Herkunft der Elfen und woher die Beleuchtung in der Weihnachtsstadt stammte. Das alles wusste er und brachte kaum neue Erkenntnisse. Dann jedoch stieß er auf Seiten, die ihm die Kälteunempfindlichkeit innerhalb der Stadtgrenzen erklärte oder warum das Wasser in der Weihnachtsstadt immer floss und schließlich fand er einen Artikel, der seine besondere Aufmerksamkeit erregte: Einfrieren der magischen Hülle für spätere Reparaturen. Das musste es gewesen sein, was eine Frau gemeint hatte. Das er darauf nicht gleich gekommen war!

Das Prinzip war relativ einfach, jedoch nur für die Annea. Er und seine Welfen dabei nur durch die Weitergabe ihrer Magie an die Annea unterstützen. Doch das sollte zu machen sein. Er war zuversichtlich, dass er mit der Enzyklopädie als Geschenk die Annea überreden konnte.

Also machte er sich auf den Weg. Diesen Weg war er seit Ewigkeiten nicht mehr gegangen und die Wände und der Boden waren dicht mit Moos bewachsen. Die Anne konnten diesen Weg in der Gegenrichtung ebenfalls benutzen. Aber auch sie waren seit langer Zeit nicht hier gewesen und so schritt er vorsichtig mit der Kerze in der einen und der Enzyklopädie in der anderen Hand durch das rutschige Gefilde.

Die letzte Hürde, eine magische Wand, deren Durchquerung  in der Weihnachtsstadt einen Alarm auslöste, war noch einmal eine Herausforderung, der der Weihnachtsmann nun, da er Energie und Kraft vom blauen Kristall erhalten hatte, leicht meisterte. Dahinter lag abermals ein langer, seit Jahren nicht begangener Weg vor ihm. Doch nach einer Zeit, die ihm unendlich lang erschien und ihm genügend Zeit gab, sich eine geeignete Begrüßung und Rede zurecht zu legen, kam er schließlich in den Räumlichkeiten der Annea an. Auch bei ihnen wurde ein Alarm ausgelöst, wenn die magische Schranke durchschritten wurde und so wussten sie bereits, dass er auf dem Weg zu einem Besuch war. Am Eingang ihrer Höhlen wurde er freundlich in Empfang genommen, was ihm einige Zuversicht gab. Was er jedoch vorfand, als er endlich in die Bereiche der Obersten Annea eingelassen wurde, ließ ihn seine sorgsam zurechtgelegte Rede schlagartig vergessen und alles, was er noch herausbrachte, war "Meine alte Freundin!" 

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