Wenn sie ehrlich war, hätte sie es sich anders vorgestellt, auf der Straße zu stehen, einen Pappkarton vor sich liegend zu haben und die Augen der Menschen auf sich zu spüren. Vielleicht lag es auch einfach nur daran, dass beinahe keine Augen auf sie gerichtet waren, weil all die Leute mittlerweile ihre Einkäufe im Internet abhandelten oder lediglich von Geschäft zu Geschäft flitzten, um der Kälte zu entkommen. Doch sie stand da, gegen die kalten Winde gelehnt und ließ ihr glühendes Herz den Frost bekämpfen. Ihre Stimme war über das letzte Jahr etwas eingerostet, weshalb sie diese erst wieder warm singen musste. Auch mit den Texten fühlte sie sich lange nicht heimisch, da diese Worte ihr wie Eindringlinge vorkamen, die sich in ihr breit machten und sie nicht mehr verlassen wollten.

Am Anfang sträubte sie sich noch gegen sie, aber Stück für Stück verschob sich ihre Perspektive und sie erkannte die Lieder als alte Freunde an. Deshalb brauchte es seine Zeit, der Himmel tönte sich bereits wieder blau, ehe sie das richtige Gefühl für die Lieder überkam - sie befand sich auf einmal auf einer Bewusstseinsstufe des Seins, welche ihre Füße vom Boden riss und sie schwerelos im All treiben ließ. Es spielte keine große Rolle mehr, was um sie herum geschah, da sie sich dieser anderen Welt verschrieb, welche ihre Ideale viele besser einfing, ihre Talente hervorhob und ein Gefühl von Zuhause erschuf, welches nur durch wahre Leidenschaft oder die Geborgenheit in der Familie und zwischen Freunden hervorgerufen werden konnte.

Das war wahre Hingabe, die in jenem Moment nur dadurch hervorgerufen werden konnte, dass niemand etwas davon nahm. Sie fühlte sich unbeobachtet, befreit. Deshalb riss sie das Klatschen am Ende des letzten Liedes unvermittelt aus ihrem tranceartigen Zustand. Erst da fiel ihr auf, dass sie die ganze Zeit über in den Himmel gestarrt und sich die Aurora in ihren Augen gespielt hatte. Sie badete in dem weihnachtlichen Gefühl, ehe sie ihren Blick auf das Publikum richtete - erneut wurde sie überrascht.

Am Ende waren es nicht die Einkaufsbummler, welche angehalten hatten, um ihr zu lauschen, sondern es waren einige ihrer Genossen, die sich aus ihren dunklen Winkeln geschält und ihre Zufluchtsstätte verlassen hatten. Es war unüblich, dass sich so viele Leute von der Straße auf einem Haufen versammelten. Und doch waren sie hier. Natürlich konnten sie ihr kein Vermögen bieten, aber auf der anderen Seite wusste sie das halbe Brötchen umso mehr zu schätzen und die Flasche Wasser schmeckte noch erfrischender. Sie wusste diese Gemeinschaft auf einmal zu schätzen wie nie zuvor - ein zartes Band hielt sie in jenem Moment zusammen. Sie wusste, dass es irgendwann wieder zerbrechen würde, doch in diesem Augenblick zählte nur das Hier und Jetzt und das weihnachtliche Gefühl der Verbundenheit.

Auf einmal verstand sie, weshalb der Verlust dieses Festes so eine Tragödie war - selbst wenn diese gemeinschaftlichen, besinnlichen Gefühle nach der Weihnachtszeit schnell wieder dem Alltag wichen, waren sie doch eine jährliche Erinnerung an das, wonach sie streben sollten: Einigkeit und Zusammenhalt. Natürlich war ihr im selben Moment auch klar, dass dieses Gefühl sie in diesem Moment nicht an den Punkt brachte, an dem sie sein wollte. Am heutigen Tag hatte sie lediglich 6,34€ eingenommen, obwohl sie ihre ganze Zeit und Energie investiert hatte. Und davon konnte man definitiv nicht leben.

All die Leute um sie herum machen diese Situation viel erträglicher und doch änderten sie nichts an dem Grundzustand. Deshalb saß Lucia am Ende des Abends mit bitterer Süße auf dem Boden, das Geld in der Hand, und grübelte, wie es nun weitergehen sollte. Lohnte sich das tägliche Singen oder sollte sie es aufgeben? Aber was sollte sie bloß stattdessen tun? Alleine konnte sie nicht so viel bewegen, wie sie dachte und wollte. Doch als sie gerade mit angewinkelten Beinen dasaß und mit leeren Augen in die Dunkelheit starrte, hörte sie die Refrains ihrer Weihnachtslieder in den Gassen widerhallen. Die Melodien webten sich einem Muster gleich in ihr Herz und ließen neue Träume darin erwachsen. Was, wenn sie das Ganze nicht alleine stemmen musste? Manchmal brauchte es eine mutige Person, um die Lawine auszulösen, doch es brauchte eine Menschenmenge, um alles am Laufen zu halten. Vielleicht traf das ganze ebenfalls auf ihre Weihnachtslieder zu.

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