Immer mehr Aufgaben stapelten sich auf seinem Tisch, wuchsen zu einem Berg an, der seine guten Noten in den Schatten stellte. Es war an sich schon schwer genug, immer auf dem neuesten Stand zu sein, doch nun schien ihm dieses Unterfangen unmöglich. Jeden Morgen gegen zehn kam ein Anruf bei Discord rein, obwohl er seinen Rechner ausgeschaltet hatte und somit von jeglicher Störung befreit sein sollte. Doch vergebens. Es war nicht einmal möglich, den Anruf zu ignorieren, weil der Ton mit der Zeit einfach nervtötend wurde und sie nicht aufgab, ehe er abhob und sich ihre Ideen anhörte. Und weil er noch nie gut darin war, anderen Menschen ihre Wünsche zu verwehren, hörte er zu und machte sich Notizen, um ihre Ideen früher oder später umzusetzen.

Und diese waren nicht einmal schlecht - mit der Zeit fand er immer mehr gefallen an den Ideen, obwohl er sich davor nie wirklich mit Weihnachten auseinander gesetzt hat. Doch durch ihre Perspektive konnte er sich die verschiedenen Weihnachtswelten immer besser vorstellen und daraufhin eigene Konzepte entwickeln. So wollte er "A. H. Aurelians Weihnachtsabenteuer" im Gamingdesign von "The vanishing of Evan Carter" gestalten, nur dass er mehr Kanten und Kontraste einbringen wollte. Manche Pastellfarben wollte er auch eine Nuance verdunkeln, damit die Situationen realer wirkten und damit für den Spieler den Effekt erzielten, die Begebenheiten seien der Realität nicht ganz so fern. Das war es nämlich, was er mit seinen Videospielen bewirken wollte - ganz viel Realität in eine Welt bringen, die so nicht existierte.

Er liebte es einfach, Situationen zu gestalten, die manchmal viel realer waren als die Wirklichkeit an sich.  Deshalb war er auch für all die neuen Ideen, die sie ihm brachte, sehr dankbar. Sie schickte ihm Bilder, welche als Inspirationen dienen sollten, sie phantasierten über mögliche Dialoge, bauten Eastereggs ein und planten die Maps. So verflogen die Tage wie im Flug und die Nächte noch schneller. Mittlerweile konnte er auch nicht mehr gänzlich Tag und Nacht voneinander unterscheiden, weil die Polarlichter ihn am Schlafen hinderten, wenn er die Jalousien offen ließ. Und vor allem beflügelten sie ihn wie schon lange nichts mehr. Sie waren auf ihre Art und Weise tröstlich und energiespendend zugleich, sodass es ihn nicht mehr so sehr störte, fast die ganze Zeit zu arbeiten.

Er genoss es sogar mehr als dass es ihn störte, doch neben all der Euphorie und der Freude darüber, endlich wieder einen Freund zu haben, attackierten einzelne Splitter seines Herzens nach wie vor seine Organe, seine Lungenflügel. Jede große Errungenschaft, jedes neue Projekt war nicht ganz so viel wert ohne seine alten Freunde. Er wollte das nicht wahrhaben und doch bestimmte diese Wahrheit seinen ganzen Alltag, all seine Gedanken. Vermutlich wäre er vollkommen in seinen Gedankenge filden verloren gegangen, wenn Arela ihn mit ihrer bestimmten Stimme aufgeschreckt hätte.

Als Aufgabe gab sie ihm auf, gute Bewegungsmechanismen herauszusuchen, damit sie die Steuerung ihres Spiels besprechen konnten. Danach legte sie ohne großes Federlesen auf. So war es nun an ihm, die nötigen Informationen zu sammeln, wobei er noch vage wusste, wo er diese finden konnte. Deshalb öffnete er seinen alten Discordserver und begann, durch die Nachrichten zu scrollen. Ihm war, als hätte er sie erst gestern gelesen - ein Script, dessen Worte er in- und auswendig kannte. Doch je länger er scrollte, desto bewusster wurde ihm, dass er unzählige kleine Nachrichten übersehen hatte. Nachrichten, die von der Länge her überschaubar waren, doch von der Gewichtung her dem Gewicht eines Blauwals glichen. Er begann, immer schneller die Nachrichten zu überfliegen, sah seine eigene Schusseligkeit, seine Abgelenktheit, seine Ignoranz. Sein Herzschlag ging schneller mit jedem Wort, welches er las. Und dann erreichte er auf einmal diesen kleinen, unscheinbaren Link, der alles hätte verändern können. Ein verloren gegangenes Geschenk.


Comments powered by CComment