In der Zwischenzeit war auch das letzte Elfenteam gelandet. Wohin ihr Rentiere sie gebracht hatten, war zunächst natürlich nicht klar. Aber da Elfen, genau wie der Weihnachtsmann, alle Sprachen der Welt sprachen und sie sich sehr gut an die jeweils örtlichen Gegebenheiten anpassen konnten, spielte das auch keine Rolle. Hauptsache, sie waren gelandet und ihrem Ziel nahe. Finden freilich mussten sie es nun von selber. Also machten sich Azariel, Cation und Quamo auf den Weg, heraus aus dem Wald in Richtung der nächsten Ortschaft. Elfen haben einen untrüglichen Sinn für die Gedanken der Menschen, die sie über lange Strecken hören können und deshalb wussten sie auch vom Zeitpunkt ihrer Landung an, welche Richtung sie einschlagen mussten.

Wie sie so durch den Wald liefen - einer hinter dem anderen, immer in die Fußabdrücke des Vordermanns tretend - wurden die Gedanken der Menschen, die nur als ein einziges lautes Summen zu vernehmen waren, von etwas anderem überdeckt. Verwundert schauten sich die Elfen um. Irgendwo hier musste ein Tier in Not geraten sein. Quamo, der eine ganz besondere Beziehung zu Tieren hatte, ging vorsichtig in die Richtung voraus, aus der die stumme Klage vermutete. Hinter der Wurzel eines umgekippten Baums fand er einen Raben, der von dessen Zweigen eingeklemmt am Boden saß und sich nicht befreien konnte. Er machte auch einen verwirrten Eindruck und zunächst war nicht klar, ob der Baum in seinem Fall den Raben ernsthaft verletzt hatte.

Schnell jedoch waren die Zweige beiseite geknickt und der arme Vogel konnte aus seiner verzweifelten Lage befreit werden. Da er nicht ansprechbar war, packte Quamo ihn nach kurzer Rücksprache warm und weich unter seinen Umhang und trug ihn mit sich. Der Weg in die Stadt würde noch einige Zeit dauern und so machten sie sich sofort wieder auf den Weg - einer hinter dem anderen, immer in die Fußabdrücke des Vordermanns tretend. So war es Elfenart und so sollte es sein.

Mitten in der Nacht, die Gedanken der Menschen waren fast alle verstummt, kamen sie in der Stadt an. Hier drinnen waren die Winde nicht mehr so schneidend und der Ort war beleuchtet - fast wie die Weihnachtsstadt. Nur waren die Lichter hier freudlose Laternen und in der Weihnachtsstadt farbenfroh blinkende Lichterketten. Aber der Anblick der beleuchteten Stadt stimmte die Elfen doch erstmal zuversichtlich. Wo Licht im Dunkel war, da gab es Hoffnung.  

Lange streiften sie auf der Suche nach einer Bleibe für die Nacht durch die Straßen der Stadt. Da es sich nur um eine Kleinstadt handelte, hatten längst alle Geschäfte, Restaurants und Herbergen geschlossen. In der Weihnachtsstadt hätten sie jederzeit an jede Tür klopfen können und Einlass gefunden. Hier jedoch blieben die Türen geschlossen. Keine Menschenseele ließ sich vor den eigenen vier Wänden mehr blicken und wo sie erwartet hatten, dass sich Menschen zusammentun und Weihnachtslieder singen, war nur gähnende Leere. Der große Platz vor dem Rathaus überzeugte eher mit Tristheit als mit Vorweihnachtsfreude. Keine Stände, kein Glühwein, kein Gelächter und fröhliche Gesichter. Still und verwaist lag der Platz vor ihnen. 

Das fing ja gut an. So langsam schwante den Dreien, dass die Laternen einem anderen Zweck als dem Einläuten der Weihnachtszeit dienten. Selbst Cation, die immer fröhlich war und stets alle mit ihrer Lustigkeit mitriss, hatte in dieser Situation kein flottes Wort mehr auf den Lippen. Kein Wunder, dass die Himmelslichter verloschen waren und die Kerzen ihren Glanz nicht mehr aufbauen konnten. Hier gab es einfach nichts, das an Weihnachten erinnerte. Die Menschen hatten das Fest der Liebe vergessen!

Von der Reise und den Eindrücken müde, setzen sie sich Rücken an Rücken rund um eine Laterne auf den Rathausplatz und jede Elfe ging ihren eigenen Gedanken nach. Quamo nestelte vorsichtig seinen Raben aus dem Umhang und wiegte ihn in seinen Armen. Er war immer noch nicht wieder zu Bewusstsein gekommen und sein Köpfchen hing schlaff in Quamo's Armbeuge. Quamo streichelte ihn vorsichtig und versprach ihm leise, für ihn zu sorgen, solange er krank war. Natürlich zeigte der rabe keine Reaktion. Aber Quamo wusste, dass er ihn hörte und verstand.

Azariel saß mit hängendem Kopf und Schultern an die Laterne gelehnt. Er sehnte sich zurück an den Nordpol. Die Hoffnung war ihm am meisten von allen geschwunden. Leeren Blicks schaute er auf seine im Schoss ruhenden Hände und wünschte, er hätte die Außenwelt nie kennengelernt und würde Spielzeug herstellen, ohne hiervon zu wissen. Diese Trostlosigkeit in der Menschenwelt machte ihm sehr zu schaffen und fast schon wollte er wieder aufbrechen, als plötzlich ein Lied erklang - so voller Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit, Freude und Weihnachten, dass ihm die Tränen nur so über das Gesicht liefen. 

Cation hatte begonnen zu singen. Sie machte ihrem Kummer dadurch ein Ende, dass sie all ihre Wünsche und Hoffnungen in ein Lied - fast nur eine Melodie - legte, um damit diejenigen zu erreichen, die für Weihnachten noch empfänglich waren. Es musste irgendwo einen Menschen geben, der noch auf den rechten Weg geführt werden konnte und diesen wollte sie erreichen.  Das Lied sprach von Seelenqual und Freude,  Trauer und Hoffnung und fand als erstes seinen Widerhall in den Herzen von Azariel und Quamo. Die Gedanken wurden wieder klarer und das Ziel rückte erneut in den Fokus. Ja, sie würden ihren Auftrag erfüllen! Anders konnte es gar nicht sein. Das war allen drei Elfen plötzlich wieder klar und als Quamo seinen Blick nach unten über seinen Raben gleiten ließ, blickten ihn plötzlich zwei schwarze Knopfaugen verwundert entgegen.

 

 


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