Die Nacht war kurz und kalt gewesen. Kurz, weil sie noch lange unter freiem Himmel gesessen hatten und kalt, weil ein Bretterverschlag unter einer Brücke nun mal nicht wirklich warm werden konnte - auch nicht mit vier Personen, statt nur einer. Dennoch hatten alle gut geschlafen. Lucia fühlte sich ausgeruht und geborgen, wie lange nicht mehr. Wie seltsam, dass diese Drei, die sie gestern erst kennengelernt hatte, ihre Gefühle und ihre Hoffnungen so auf den Kopf stellen konnten. Gestern um die gleiche Zeit noch war sie mehr als verzagt und hat eigentlich nur auf eine weitere Fuhre von Job-Absagen gewartet. Mittlerweile fragte sie sich schon, ob es nicht sinnvoller wäre, nach Alternativen zu suchen. Heute aber sah sie voller Tatendrang und Zuversichtlich den neuen Tag grauen und hoffte, dass er ihr so viel Gutes bringen würde wie der vorangegangene. 

Keona, Medarion und Amarandel schliefen noch, als Lucia bereits wieder vor der Brücke saß, ihren "Nachbarn" einen Gruß zuwinkte und zärtlich über die Wölbung ihres Bauchs strich. Jeden Morgen sprach sie auf diese Weise mit ihrem Baby und natürlich hatte sie für all ihre Mitmenschen, die ebenfalls unter der Brücke oder in der Nähe wohnten, ein freundliches Wort und einen Gruß. Heute Morgen erzählte sie ihrem Baby, dass bald das Licht erblicken würde, dass sie drei Jugendlichen begegnet waren, die sich von einem Augenblick auf den anderen wie echte Familie angefühlt hatten - so, als wären sie schon immer eng mit ihrem Leben verwoben gewesen. So jedenfalls fühlte es sich für Lucia an.

Während sie noch still vor sich hinlächelnd, liebevoll ihren Bach streichelte, kam Keona aus ihrer Bretterbude, scherzhaft "Villa Lucia" genannt, heraus und rieb sich die Augen. Nach einem ausgiebigen Strecken und Dehnen der vom Schlaf noch steifen Glieder, sah sich Keona um, begrüßte Lucia mit einem schüchternen Lächeln und deutete lautlos fragend, ob sie sich zu ihr gesellen durfte, auf einen der schäbigen Campingstühle neben ihr. Durch ein einfaches Nicken, begleitet von einem freundlichen Lächeln, stimmt Lucia und so saßen beide Seite an Seite in stummen Einverständnis nebeneinander und sahen dem erwachenden Tag und seinem täglichen Treiben zu.

Irgendwann fragte Keona auf ihre ganz eigene Art und Weise - eindringlich und zugleich unaufdringlich - nach, was Lucia für ihr kleines Baby geplant hat und obgleich sie mit der Frage doch unmissverständlich den Finger direkt in die Wunde gelegt hatte und ohne Umschweife zum Punkt gekommen war, konnte ihr Lucia nicht böse sein. Nein, Keona gehörte zu ihrem Herzen wie ihr Baby und sie hatte ein Recht, diese Frage zu stellen. Fühlend, dass die Drei ihre Sorgen zu ihren Sorgen gemacht hatten, schaute sie Keona traurig an und fing an zu erzählen.

"Ich hatte ein gutes Leben - damals. Einen Job, mit dem ich meinen Lebensunterhalt verdienen konnte. Hin und wieder konnte ich mir ein paar Annehmlichkeiten leisten und damit das Leben versüßen und eines Tages traf ich dann ihn. Das veränderte alles..." und mit einer unentschlossenen Bewegung des Kopfes korrigierte sie "...vieles! Wir hatten eine wirklich gute Zeit und ich fühlte mich geborgen und sicher. Wir waren Tag und Nacht zusammen, unternahmen viele schöne Dinge und waren praktisch unzertrennlich. Ich malte mir eine Zukunft mit ihm aus! Dabei übersah ich - das weiß ich heute - dass ich mir diese Zukunft zusammenreimte. Ihn habe ich nie gefragt! Vermutlich habe ich immer schon gefühlt, dass Tiefe kein Thema zwischen uns war und wir uns immer nur an der Oberfläche bewegen würden. Herausforderungen oder gar Hindernisse gab es bei unserem Zusammensein nicht. Ich hätte schon damals stutzig werden sollen, dass ich mich immer gescheut habe, ihm von meinen Problemen auf Arbeit zu erzählen. Und dann kam, wie es wohl kommen musste...ich wurde schwanger!" Verstohlen sah Lucia herüber zu Keona. Würde das Mädchen sie verurteilen? Doch in Keona's Mine konnte sie nur Verständnis erkennen und so erzählte sie weiter. "An der Stelle gab es dann kein Zurückschrecken mehr. Ich musste ihm sagen, dass wir ein Kind haben würden und heimlich hoffte ich, dass er sich darüber ebenfalls freuen würde." Wieder las sie in Keonas Gesicht. Nein, da war kein Mitleid. Das war gut so! Was sie jedoch in reichlichem Maße erkennen konnte, waren Verständnis und ein Anflug von Traurigkeit.

"Was soll ich sagen...das waren die letzten Worte, die ich an ihn gerichtet habe. Mit jedem meiner Worte versteinerte seine Mine mehr und je kälter er wurde, um so stärker hatte ich das Gefühl, ihm unser Baby schmackhaft machen zu müssen. Aber es ging nicht nur um unser Baby, sondern auch um mich. Ich hatte plötzlich einen Makel! Ich war plötzlich beschädigt und ekelhaft und je mehr ich auf ihn einredete, um so widerwärtiger wurde ich wohl in seinen Augen. Irgendwann wendete er sich einfach ab und ging ohne ein weiteres Wort." Traurig betrachtete sie ihre Hände, die gefaltet in ihrem Schoss lagen. Ja, es tat immer noch weh. Er hatte nicht nur ihr Baby zurückgewiesen, sondern auch sie. Kalt und unbarmherzig hatte er ihnen den Rücken zugewandt und war gegangen. "Das war das letzte Mal, dass ich ihn sah. Unser Baby wollte ich trotzdem! Die finanziellen Schwierigkeiten meines Arbeitgebers führten kurz danach zu allem Überfluss auch noch dazu, dass ich meinen Job verlor. Innerhalb kurzer Zeit war es vorbei mit extra Annehmlichkeiten. Ich konnte irgendwann nicht einmal mehr meine Wohnung bezahlen, weil ich keinen neuen Job fand. Zunächst dachte ich noch, dass wäre nur vorübergehend. Aber als mir mein ehemaliger Chef keine Empfehlung ausstellte, wurde mir sehr schnell klar, dass ich eigentlich keine Chance mehr hatte, einen neuen Job zu finden. Mit dem Eingang des Kündigungsschreibens für meine Wohnung machte ich auf den Weg hierher. Immer wieder hatte ich zuvor gehört, dass hier noch Arbeitskräfte gesucht wurden. Ich hatte gehofft, die Hürden wären hier nicht so hoch. Da allerdings hatte ich mich geirrt und so lebe ich jetzt da, wo auch ihr heute Nacht geschlafen habt."  Keona nickte verständnisvoll, sah sie jedoch mit aufforderndem Blick an. Da musste doch noch mehr in Lucia stecken als nur Ergebenheit in das Schicksal!

Und tatsächlich platze es aus Lucia heraus! "Ich finde keinen Job? Na und! Ich habe einen  Plan!"


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