Seit Stunden wanderte er nun durch die Stadt, rastlos und alleine - es kam ihm so vor, als dauerte sein Spaziergang bereits seit Anbeginn des Umzugs an und würde sich bis in die unendlichen Weiten der Zukunft erstrecken. Er konnte sich nur noch vage daran erinnern, wie es davor war, sich mit seinen Freunden zu treffen, Filmabende zu veranstalten, mit den Fahrrädern in "Forbidden Planet" zu fahren oder stundenlang über Discord Minecraft oder Battlefield 84 zu spielen. Er konnte gar nicht in Worte fassen, wie sehr er sich danach sehnte, sich mit seinen Freunden über den neuen Assassins-Creed-Teil "Sapa Inka" zu unterhalten und über die Szene in der Paritambo-Höhle zu philosophieren - er war erst am Anfang des Spiels. 

Doch diese Option stand ihm nicht offen; zumindest fühlte es sich so an, als hätte der Umzug und der Start ins Uni-Leben vor zwei Jahren eine hohe Wand zwischen ihnen aufgebaut, die er nicht überwinden konnte. Anfangs hat er noch versucht, die Mauer klein zu halten, indem er täglich schrieb, Videos teilte, Memes in den Channel schickte oder auf alle Gaminganfragen sofort reagierte. Das waren die Menschen, die ihn am besten verstanden. Doch mit der Zeit kamen immer weniger Anfragen, Nachrichten trudelten nur noch alle paar Wochen ein, wurden kürzer und kürzer, ehe sie ganz zum Erliegen kamen.

Diese Menschen, welche ihm mehr eine Familie gewesen sind, als sein eigen Fleisch und Blut, waren ihm auf einmal so fremd wie die entgegenkommenden Gesichter auf der Straße. Ihr gemeinsamer Traum, später zusammen Spiele zu entwickeln, entfernte sich jedes mal ein Stückchen weiter von ihm, wenn er seine Freunde online auf Discord sah, ohne jedoch eine Nachricht von ihnen zu erhalten. Sie waren schon längst zu neuen Servern vorgedrungen und hatten ihn hinter sich gelassen. 

Dennoch hingen all die gemeinsamen Träume nach wie vor in der Luft seines Zimmers. Selbst seine Wände waren mit Programmierungen tapeziert, Designs waren auf seinem Rechner gespeichert und Dialogfetzen auf Word niedergeschrieben. Er hatte bereits so viele Stunden in der Uni abgesessen, um Basicspiele ohne erhebliche Probleme programmieren zu können, weshalb es ihm in den Fingern juckte, mit seinem eigenen Spiel loszulegen.

Gleichzeitig wusste er aber ebenso, dass Computerspiele Kunst sind, welche er nicht alleine erschaffen konnte. Nicht nur, weil er nicht alle Künste beherrschte, sondern auch, weil er diese gewaltigen Welten nicht alleine hervorzaubern konnte, erschaffen wollte, weil so viel Magie verloren ginge, wenn man nicht verschiedene Ideen mit einbezog. Und vor allem würde es nur halb so viel Spaß machen, wenn er sich zwischendurch mit ihnen nicht über irgendwelche Möglichkeiten austauschen oder über Fehler in der Programmierung aufregen konnte. 

Weil all diese Wünsche und gescheiterten Erwartungen in seinem Raum umhergeisterten, ihn heimsuchten, hat es ihn auf die Straße vertrieben. Es fühlte sich so an, als wäre er auf einer der Maps in Phasmophobia gefangen, wobei diese exakt seiner Heimatstadt glich - und der Geist hatte sich dabei in seinem Raum lokalisiert; er wusste nur nicht, wie genau dessen Beschaffenheit aussah und wie er ihm beikommen konnte. Der Geist hatte ihn unerwartet erwischt und so sehr verstört, dass er nur noch auf der Flucht war, Gassen abklapperte und seinen Problemen auswich, ohne die ganzen Container zu bemerken, welche ihm Hilfe hätten leisten können. So war er alleine - alleine und sehr traurig darüber. Sein Team schien in den Unweiten der Map verloren gegangen zu sein - und die TeamSpeak-Anlage hatte schon lange den Geist aufgegeben. Es herrschte eine einsame Zeit.  


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