Auch wenn sie heute wieder einige Absagen auf ihre Job-Anfragen erhalten hat - aufgeben würde sie nicht. Niemals! Dafür stand zu viel auf dem Spiel! Nicht nur ihr eigenes Wohl, ihre eigenen Möglichkeiten würden damit an Auftrieb gewinnen. Auch ihrem Kind, dass die Welt noch nicht kannte, würde es Wege eröffnen, die heute noch nicht absehbar waren. Sie musste und wollte also wieder einen Job haben -  sollte er noch so unbedeutend sein. Er war sicher wenigstens dazu geeignet, dass Überleben zu sichern und als Sprungbrett für größere Aufgaben zu dienen. Sollte sich nichts ergeben, würde es um Weihnachten herum für sie sehr schlecht bestellt sein. Den einen oder anderen Groschen hatte sie wohl noch in der Tasche. Aber bald würde damit Schluss sein und sie hatte wirklich keine Idee, was ihr außer weiteren Anfragen bei potentiellen Arbeitgebern für Möglichkeiten offen standen.

 Völlig in Gedanken versunken lief sie durch die Straßen, durchdachte die eine und die andere Idee und konnte den zünden Funken doch nicht finden. Den Blick nach innen gekehrt und auf nichts anderes achten, lief sie um eine Häuserecke - direkt in eine Gruppe junger Leute hinein. Sehr junger Leute, wie sie, sofort wieder hellwach und auf ihre Umwelt fokussiert, feststellte. Aber alle drei lächelten sie an und bekundeten, dass das kleine Missgeschick überhaupt kein Problem wäre. Merkwürdig nur, wie die drei lächelten. Als wären sie bei irgendwas ertappt worden, dass nicht hätte auffliegen sollen. Sehr komisch, dachte sie noch, als sie schon in ein Gespräch über das Wetter, den sternenklaren Himmel, die kalte Nacht und eine Schlafmöglichkeit in einer fremden Stadt verwickelt war. Irgendwie hatte sie das Gefühl, als würden die drei Jugendlichen nicht wirklich auf eine darauf angewiesen sein, sich von ihr eine Schlafmöglichkeit für die Nacht empfehlen zu lassen. Aber sie fühlte sich ein bisschen schuldig, dass sie sie übersehen und in sie hinein gelaufen war und so machte sie eine gute Mine zu den vielen Fragen, nickte hier und da, stellte die eine oder andere höfliche Frage und fühlte sich letztendlich fast genötigt, die drei Fremden mit zu sich in die Unterkunft zu nehmen.

Eigentlich waren die drei ja ganz nett, aber irgendwie auch merkwürdig. Ihre Aussprache wies einen fremden Akzent auf und überhaupt schienen sie über alles zu staunen. Selbst Straßenlaternen und Gullideckel waren interessant und die Funktion von einfachen Briefkästen löste eine wahren Begeisterungssturm bei ihnen aus. Nun ja, was sollte man dazu sagen? Vielleicht hatten sie bislang fern der Zivilisation gelebt und hatten zum ersten Mal eine Stadt betreten. Da sie selber in diesem Land fremd war, wusste sie nicht viel über die Menschen hier. Möglich war alles.

Den ganzen Weg zurück zu ihrer Unterkunft schwatzen die drei unaufhörlich. Na ja, eigentlich waren es ja eher zwei der Jugendlichen, die ständig redeten. Der eine forsch und selbstsicher, die andere völlig unberührt von seiner Meinung. Nur die Dritte im Bunde schien etwas zurückhaltend zu sein. Allerdings machte sie den Eindruck, als hätten ihre Worte Gewicht und so war sie es dann auch, die kurz vor der Unterkunft  einfach stehen blieb, ihr ihre Hand entgegenstreckte und mit freundlichen Händedruck sagte,  "Mein Name ist Keona. Dies sind meine Freunde Medarion und Amarandel. Wir danken dir sehr, dass du uns eine Herberge für die Nacht gibst!". Seltsame Namen, schoss es ihr durch den Kopf, während sie Keona's Hand hielt und sich ein Lächeln in ihre Augen schlich. "Es freut mich sehr, euch kennen zulernen. Ich bin Lucia und das hier", dabei legte sie ihre Hand auf den dick geschwollenen Bauch, "ist mein kleines Baby, dass bald das Licht der Welt erblicken wird.". Verstohlen warfen die drei einen Blick auf den riesigen Bauch. Keine Spur mehr von forsch, selbstsicher oder unberührt.

Keona hob schüchtern ihre Hand, zielte in Richtung des Bauchs und blickte Lucia fragend an. Auf ein freundliches Nicken hin reichten sich die drei Jugendlichen die Hände und Keona legte ihre Hand sanft auf den Bauch. Die Berührung löste Empfindungen aus, die alle vier Seelen gleichermaßen zu verwundern und zu genießen schienen. Lucia strömte eine Energie entgegen, die warm und weich, fürsorglich und Sicherheit spendend war. Von einem Augenblick auf den anderen schien sich alles gewandelt zu haben. Aus den drei Fremden wurden drei Freunde und urplötzlich fühlte sich Lucia nicht mehr allein.

In Lucias Unterkunft redeten sie noch eine ganze Zeit. Irgendwann am Abend saßen sie unter freiem Himmel vor der Brücke, eingehüllt in ein paar fadenscheinige Decken, die mehr schlecht als recht wärmten und betrachteten den Himmel. Was genau sie dort suchten, konnten Lucia nicht genau sagen. Kurz schien es ihr, als hätte sie ein Leuchten in der Nacht wahrgenommen. Aber konnte das sein?


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