Eine Mischung aus Regen und Schnee prasselte auf die Erde, weichte jeden Zentimeter der Straße auf und sorgte dafür, dass keine Socke trocken blieb. Die Kälte durchdrang jeden, fraß sich in die Knochen und ließ die Menschen erstarren. Die meisten konnten sich in ihre wärmenden Häuser retten, an dessen Fenster und Türen kalte Winde klopften, deren Schwelle aber nicht übertraten. Sie konnten sich ihre Füße wärmen, Wärmflaschen befüllen und dann auf dem Sofa bequem machen, während sie sich eine Snacktüte greifend die neusten Folgen auf ihrer Lieblingsplattform anschauen konnten. Gestört wurden sie zwischendurch nur durch den Gang auf die Toilette oder das nächste gelieferte Paket.

Doch nicht alle konnten sich in die Wärme, den Komfort retten.

Ein paar Seelen verweilten draußen in Eiseskälte und versuchten, nicht all die Regentropfen aufzusaugen, welche ihr Dasein noch einmal schwerer gemacht hätten. Manche der Seelen verteilten sich fernab voneinander und versuchten sich in den dunkelsten Ecken des Daseins zu verkriechen, da sie dort schon lange Zuhause waren und wussten, was sie erwartete. Doch ein paar Herzen blieben zusammen, immer noch weit genug von den anderen entfernt, um in Ruhe eigene Wege zu beschreiten, doch nah genug, um einander im Notfall beistehen zu können, denn eins war ihnen zumindest klar: Ohne einander würde ihre Existenz, würde ihr Leben nicht viel länger bestehen können. Am Ende würde man sie alle bekommen.

Für die meisten anderen Menschen verschwammen die Gesichter ihrer Begleiter zu einem einzigen Gesicht, plump und unwillig, der Arbeit abgeneigt, untalentiert, gesellschafts- und lebensunfähig. Deren Augen projizierten die eigenen Erwartungen auf sie alle und sahen sie jedes Mal bestätigt, weil sie diese selten mit der Realität abglichen. Doch sie wusste es besser - sie sah jede einzelne Falte jeder einzelnen Person und die winzigsten Farbsprenkel eines jeden Auges vor sich, weil diese alles ausmachten. Hätte sie ihre Mitstreiter nicht, so wäre ihr Sprachvermögen mit der Zeit abhanden gekommen, doch durch all die Geschichten, welche zu surreal klangen, um wahr zu sein, wurde ihr Geist in Trap gehalten; sie ließen ihre Gedanken nicht zur Ruhe kommen, da deren Wahrheiten in ihrem Herz brannten, welche geteilt werden mussten.

Diese Wahrheit wollte sie nicht verdrängen, sondern immer wiederholen, in ihre Seele einschweißen, weil sie damit am Ende auch sich selber die Treue hielt. Sie wusste, dass man durch Überstunden und Fleiß jeden Berg ersteigen kann. Sie wusste, dass der Zufall und Glück häufig mehr über ihre Zukunft entschieden haben als irgend ein anderer Faktor. Dein Glück hängt häufiger von anderen ab, als du es wahrhaben willst. Das hat sie am eigenen Leib erfahren, als ihr damaliger Arbeitgeber insolvent ging und sie, gerade erst siebenundzwanzig geworden, aus dem Haus schmiss, die letzten paar Monatsgehälter nicht ausgezahlt und auf Nachfrage keine Empfehlung geschrieben hatte.

Es interessierte ihn nicht, dass sie ein Kind unter den Herzen trug, dessen Vater sich der Verantwortung entzog. Es interessierte ihn nicht, dass sie keine Arbeit mehr fand, weil niemand sie ohne Weiterempfehlung einstellen wollte. Und so zog sie in ein anderes Land, um mit etwas Hoffnung im lädierten Herzen eine Zukunft aufbauen zu können. Doch sie scheiterte, scheiterte immer wieder, weil sie jedes Mal an den gleichen glatten Hindernissen abrutschte, die sie eigentlich überwinden musste, um ihrem Kind ein gutes Leben ermöglichen zu können. So vergingen die Monate, während ihr Bauch immer weiter im gleichen Maße wie die Anzahl ihre Job-Absagen anwuchs. Ihr blieb nicht mehr viel Zeit.


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