Zwei Silhouetten standen aneinander gelehnt in der Tür, die Arme verschränkt, die Köpfe leicht nach vorne gebeugt. Wurde bereits durch die Neigung ihrer Körper der Eindruck erweckt, etwas sei nicht ganz in Ordnung, so wurde dieser von dem Ausdruck auf ihren Gesichtern unterstützt. Die Stirn zerfurcht, Augenbrauen zusammengezogen, große Augen, welche umherirrten und zu sehen versuchten, was nur ihre kleine Tochter alleine sah. Vor einiger Zeit schien sie ihren weiß bemalten Schreibtischstuhl vor ihr Fenster geschoben zu haben, um sich in ihrem flauschigen Bärchenpyjama darauf niederzulassen, weil ein leiser, beharrlicher Ruf sie nicht schlafen lassen wollte und nach draußen zu locken schien - raus aus ihrem bequemen Bettchen in die Welt und darüber hinaus.

Ihre kleinen Augen wanderten die ganze Nacht über den Himmel und manchmal schien sie auch ein bläuliches Schimmern über den Himmel flackern zu sehen. Doch jedes Mal, nachdem sie sich verwundert die müden Augen gerieben hat, war das Licht wieder verschwunden. Aber dieser Ruf, welcher sie aus dem Bett gerufen hat, ließ sie nun auf dem Stuhl verharren und gebannt nach draußen schauen, weil dieser nun in ihr widerhallte, ihre Knochen vibrieren ließ, ihre Finger zum schwingen brachte und einen Ton in ihrer Stimme erzeugte, den sie nie zuvor gehört hatte. Ohne es zu bemerken, erwiderte sie die Rufe, welche, wie ihr nun bewusst wurde, Melodien waren, die sich im Herzen einwebten und sie nie wieder loslassen würden. Sie versank in ihrer eigenen Welt und wäre vermutlich mit dem Stuhl verwachsen, wenn ihrer Eltern sie nicht aus ihrer Trance geweckt hätten. Erst da bemerkte sie, wie müde sie doch eigentlich war, schließlich hat sie die ganze Nacht über gewacht und vor allem gelebt.

Während das Gefühl für ihren Körper wieder zurückkehrte und sich ihre Lider unaufhaltsam zu schließen begannen, war ihr Verstand so wach wie nie zuvor und ihr Herz so leicht wie eine Feder. Sie war sich sicher, dass sich so Glühwein anfühlen müsste, wenn man ihn trinkt. Nur dass sich das hier viel besser anfühlte. Das waren ihre letzten Gedanken, ehe sie vom Stuhl herunter glitt und zu schlafen begann. Sekunden später erwachten ihr Eltern aus ihrer Starre und eilten zu ihrer Tochter, welche nun auf dem Boden lag und gleichmäßig atmete. Vorsichtig hoben sie den kleinen Körper auf und trugen ihn zum Bett hinüber, auf welchem das kleine Mädchen bis zur Nachmittagszeit friedlich verharrte.

Der Kindergarten war schon vorbei, als sie verwundert wieder ihre Augen aufschlug. Sie konnte sich nicht ganz erklären, wie es sein konnte, dass sie nicht hatte hingehen müssen. Sie konnte sich in jenem Moment nicht einmal mehr erklären, weshalb sie die ganze Nacht über aufgeblieben ist. Doch ihre Eltern konnten es, denn tief in ihrem Inneren wurde wieder ein Feuer entfacht, das schon lange erloschen gewesen zu sein schien. Es fühlte sich so an, als hätten sie wieder richtig atmen können - ein Stein, von dessen Existenz sie zuvor nichts gewusst hatten, ist ihnen vom Herzen gefallen. 

Und sobald das kleine Mädchen die lockenden Rufe in der nächsten Nacht erneut vernahm, wurde es auch ihr wieder bewusst. So saß sie erneut die ganze Nacht vor dem Fenster, in Sehnsucht und Euphorie eingewoben, voller Liebe und Begeisterung, ohne zu wissen, woher diese rührten. Voller Energie, ohne zu wissen, was sie mit dieser anstellen sollte. So verging eine weitere Nacht, bis auf einmal der zweite Advent an die Tür klopfte. Ihre Familie feierte Weihnachten nicht wirklich, doch aus irgend einem ihr unerfindlichen Grund schien es ihr auf einmal ganz wichtig, die zweite Kerze auf dem Kranz anzuzünden. Als wären die schimmernden Lichter am Himmelszelt und der Kerzenschein eins, unzertrennlich mit einander verbunden.  Natürlich wusste sie das zu jenem Zeitpunkt noch nicht so klar und deutlich zu formulieren - sie konnte diese Worte und deren Bedeutung nicht gänzlich greifen, doch als sie Jahre später auf jene Zeit zurückblickte, wusste sie, dass es der Beginn von etwas ganz Großem war.


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