Die Elfen hatten lange in den Himmelslichtern gebadet und ganze Säcke der Lichtpunkte gesammelt. Dieser gigantische Energieschub hatte ihre Kraftreserven wieder aufgefüllt und noch für einen guten Vorrat gesorgt. So würden sie auch die nächsten Tage gut überstehen und konnten sich endlich an die Arbeit machen. Schließlich gab es auch in diesem Jahr wieder viele Wünsche zu erfüllen. Freilich hatten die Elfen bei weitem nicht mehr so viel zu tun wie früher, aber eine kleine Spritze Magie war immer willkommen. Doch wo war dieser ganze Glanz nur hergekommen, wo plötzlich wieder ein so starker Glaube an die Weihnachtszeit erwacht? Die Elfen konnten sich dieses Wunder noch immer nicht erklären. Ihre verzweifelten Versuche, die magische Hülle vor dem Einsturz zu bewahren, hatten sie ihre letzten Kräfte gekostet und dann war das Wunder geschehen.

Ein gigantischer blauer Strahl war aus der Weihnachtsstadt gebrochen und hatte Himmelslichter erzeugt, wie sie seit Jahren nicht mehr gesehen wurden. Die völlig erschöpften Elfen, die ihre ganze Magie für die Heilung der Hülle über der Weihnachtsstadt eingesetzt hatten, konnten wieder Kraft und Energie tanken und während die einen Säcke mit winzigen Lichtpunkten vollschaufelten, konnten die anderen die Hülle soweit stabilisieren und heilen, dass diese in den nächsten Tagen wohl nicht das Geheimnis der Weihnachtsstadt preisgeben würde. Nach der letzten Nacht schien an diesem Morgen alles so gut wie schon lange nicht mehr zu sein und doch ließ sich das Gefühl nicht abschütteln, dass irgendetwas nicht stimmte.     

Im sonst so lauten Speisesaal, der festlich geschmückt zu einer extra Portion Lebkuchen und Spekulatius mit Kakao einlud, waren die Stimmen heute gedämpft. Die Gespräche rankten allesamt um die prächtigen Himmelslichter der letzten Nacht und die geglückte Stabilisierung der Hülle. Aber wo man überschwängliche Freude und laute Zurufe über Bänke hinweg erwartet hätte, waren nur leise Gespräche mit den unmittelbaren Nachbaren zugange. Hin und wieder ging ein verstohlener Blick zur Tür, die, zweiflüglig aus schwerer dunkler Eiche und mit vielfältigen Schnitzereien versehen, bislang geschlossen war. Irgendwann wurde die Unruhe unter den Elfen immer stärker und als sie fast mit Händen greifbar war, stieg ein Elf auf seine Bank und rief mit aller Kraft "Hat heute schon jemand den Weihnachtsmann gesehen?"

Nun war schlagartig allen klar, was hier den ganzen Morgen schon nicht stimmte. Der Weihnachtsmann war noch gar nicht da! Sonst war er Morgen für Morgen durch ihre Reihen gelaufen und hatte ihnen Zimt über ihre Lebkuchen gestreut. Dabei hatte er für jeden ein gutes Wort und immer einen Schwerz auf den Lippen gehabt. Aufgeregt unterhielten sich die Elfen - nun doch über Tische und Bänke hinweg - und als sie sich erhoben und zur großen zweiflügligen Tür eilen wollten, hörten sie aus dem dahinterliegenden Flur einen langgezogenen Schrei.

Mit einem lauten Knall flog die zweiflüglige schwere Tür auf und herein kam eine Elfe gestürmt. In ihrer hoch erhobenen Hand schwenkte sie einen Brief und rief in voller Lauttärke "Der Weihnachtsmann ist weg!".

Nun gab es kein Halten mehr. Die bei dem Schrei zu Salzsäulen erstarrten Elfen rannten los. Raus durch die Tür, durch den großen gefliesten Flur und schließlich hinein in das Zimmer des Weihnachtsmanns. Da das Zimmer des Weihnachtsmanns beileibe nicht so groß war, dass alle Elfen hinein gepasst hätten, mussten viele von ihnen auf dem Flur ausharren. Hin und wieder sprang eine besonders neugierige Elfe hoch, um über die Köpfe der anderen etwas im Zimmer erspähen zu können. Aber es blieb dabei. Der Weihnachtsmann war weg!

Arela, die den Brief gefunden hatte und noch immer in Händen hielt, kletterte auf den monströsen Schreibtisch des Weihnachtsmann, fuchtelte wild mit dem Schriftstück herum und rief immer wieder "Lasst uns nachschauen, was er schreibt! Lasst uns den Brief lesen, Freunde!" Bis ihre Worte zu den aufgewühlten Elfen durchdrang und sich Ruhe einstellte, dauerte es eine Eile. Letztendlich jedoch öffnete sie - gut sichtbar für alle Elfen im Zimmer - den Brief des Weihnachtsmanns und las daraus vor.

Meine lieben Elfen, Helfer, Freunde! Mein liebe Familie!

Nach dem Tod meiner geliebten Frau seid ihr mir noch stärker ans Herz gewachsen und zu meiner einzigen Familie geworden. Um so schmerzlicher ist es für mich, euch verlassen zu müssen. Die Menschen haben den Glauben an uns verloren und sich anderen Dingen zugewandt. Doch ohne den Glauben stirbt unsere Welt. Schon seit vielen, vielen Jahren bauen wir immer weniger Spielzeuge, die Himmelslichter erstrahlen nicht mehr und wir selbst werden schwächer und schwächer. Nun droht auch noch das Geheimnis der Weihnachtsstadt gelüftet zu werden - nämlich, wenn unsere magische Hülle fällt. So lange können wir nicht warten und soweit darf es niemals kommen!

Deshalb habe ich euch verlassen. Es gibt Dinge zu tun, die nur ich allein tun kann. Doch ich hoffe zu gegebener Zeit auf eure Unterstützung! Das Himmelslicht letzte Nacht war unsere Notreserve. Sie hat euch hoffentlich neue Kraft und neuem Mut geschenkt. Geht sorgsam mit den Vorräten um. Sie werden möglicherweise für lange Zeit die letzte Energie sein, die uns die Himmelslichter beschert haben. Und ansonsten tut bitte das, wozu nur ihr allein auf der Welt in der Lage seid: haltet die Weihnachtsstadt am Laufen und stellt so viel Spielzeug her, wie ihr könnt. Mit ein bisschen Glück und Unterstützung werden wir es noch brauchen.

Wenn die Zeit reif ist, lasse ich euch wissen, wie ihr mir helfen könnt. Bis dahin habt bitte Geduld und verliert den Glauben nicht. Ich hoffe, euch alle wiederzusehen.

Arela, Keona und Azariel: Nehmt euch ein paar Weggefährten und geht in die Menschenwelt. Findet das vergessene Geschenk, die gestorbene Hoffnung und das ungeborene Kind! Ihr werdet es wissen, wenn ihr sie gefunden habt und was dann zu tun ist. Und gebt gut acht, dass ihr nicht als Elfen erkannt werdet!

Weihnachtliche Grüße und eine extra Portion Zimt!

Euer Weihnachtsmann


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