Sie kamen gerade zu zweit wütend die Treppe heraufgestapft und schleiften ihre Koffer hinter sich her - Michael hingegen war unten geblieben, um den Abschleppdienst zu rufen - als eines von Joel's Telefonen klingelte. Durch die plötzliche Ankunft seiner Kameraden überrascht, verpasste er den Anruf. Auch die darauf folgenden gingen ins Leere, da Lorentz ihm verbissen erklärte, wie ein Marder ihre Pläne fürs erste vereitelte. Er wollte auch nicht den anderen Wagen nehmen, da dieser erst vor kurzem geblitzt wurde. Er wollte so unbemerkt wie möglich durch Deutschland reisen. Das bedeutet für sie also fürs erste Warten.

Joel fluchte kurz und nahm denn Hörer ab. Seine Körperhaltung änderte sich schlagartig; er stand kerzengerade. Die Haltung stand im Kontrast zu seiner Stimme, die etwas abwesend klang. "Guten Tag. Schmidts & Myers GmbH für Haustechnik, wie könn'n wir helfen? 'Ne kaputte Spülung also? Hört nich' auf zu spül'n? Mal seh'n, was sich da mach'n lässt. Und wo wohnen Sie noch gleich? Wart'n Sie kurz, ich hol' mir nur 'nen Stift und Papier." Joel tat so, als würde er kurz in dem Zeitungshaufen nach einem Stift suchen und meldete sich dann bei Stellan wieder zu Wort. "Hör' n Sie, wir sind für heut' voll. Morg'n hätt'n wir aber am Nachmittag noch 'ne Stunde frei. Wie wär's damit? Wann? Gegen vier. Hmm. Gut. Die Rechnung bekomm'n Sie dann... Es kommt drauf an, wie groß der Schaden ist. Kostenvoranschlag? Mensch, Sie fragen Dinge. So 50-60€ pro Stunde... Wie war Ihr Name gleich nochma'? Stellan Lindberg? Aber es ist nicht Ihr Haus, sondern das von Frau Sola... Hmmm. In Ordnung. Ist dann alles geklärt? Gut. Auf wiederhör'n."

Joel legte fachmännisch das Telefon weg, holte seinen Rechner hervor und rief enthusiastisch, dass er den Namen des Fremden herausgefunden hatte! Nun wäre seine Identität nicht mehr vor ihnen sicher. Diese Nachricht weckte ebenfalls die Lebensgeister von Lorentz, Jackson und Toni wieder. Toni und Lorentz rissen schnell ihre Rucksäcke von ihren Rücken, da sie dort ihre Laptops verstaut hatten und fanden sich mit einem Satz auf dem Sofa wieder. Die anderen beiden fingen derweil schon an, die Datenbank zu durchforsten - und wurden sehr schnell fündig.

"Mensch, er hat sogar eine eigene Webseite! Mal schauen, ob etwas Brauchbares drauf steht. 1975 in München geboren - irrelevant. Vater Schwede, Mutter Deutsche - nicht von Interesse. Aber er ist Journalist!" Da kamen sie dem Brandherd ihres Interesses schon näher. Bei seinen Naturanalysen konnten sie sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, doch die restlichen Inhalte ließen dieses schnell aus ihren Gesichtern weichen. Er war ihnen zu politisch, zu nah an ihrem Aufgabenbereich dran.

Die Frage war und blieb doch, weshalb er sich bei Frau Sola aufhielt. Er schien keinerlei Bezug zu ihr zu haben. Er ist quasi aus dem Nichts gewachsen und stellte seitdem ein nicht geringes Problem dar. Es konnte zwar sein, dass er ein alter Freund war, dessen Publikationen sie in ihrem Buchladen verkauft hatte, doch das schien Lorentz unlogisch. Und dann war da natürlich noch die Möglichkeit, dass er eigentlich von Anfang an hinter ihnen her gewesen ist und sie Lindberg nur auf direkten Weg zu Frau Sola geführt hatten. Verflucht. Doch revidieren konnten sie ihren Auftrag nun auch nicht mehr, ohne dass es auffiel.

Und die alte Frau um ein paar tausend Euro ärmer zu machen, war nun selbstredend auch keine Option mehr. Daraus könnte Lindberg sofort eine Story machen, die immer größere Ausmaße annehmen würde, je nachdem, wie weit er noch in die Materie eindringen würde. Dementsprechend bedeutete das für sie, dass sie die Maskerade durchführen mussten, ohne entlohnt zu werden. Lorentz knirschte mit den Zähnen. Immerhin hatten sie einen großen Auftrag an der Angel, der ihnen womöglich ein Vermögen einbringen konnte. Aus dieser Aktion würden sie ihre Lektion ziehen und dadurch ihr Verhalten, ihre Planung perfektionieren. Es wäre das kleine Vorspiel für ihre großen Auftritte. 

Deshalb richteten sie ihre Vorbereitungen am nächsten Morgen darauf aus, ein schlichtes Firmenauto von einem ihrer Hintermänner zu bekommen und sich entsprechend wie Klempner zu kleiden. Es bereitete ihnen zwar ein wenig Zahnschmerzen, aufgrund der Lage nun doch zwei Latexmasken zu opfern, doch sie wollten lieber keine unnötigen Risiken eingehen. Nur die Augenfarbe würden sie belassen - darauf achtete eh nie jemand. So machten sie sich am Nachmittag gegen vier los - Bauarbeiter und Klempner kamen in der Regel etwas später. 

Endlich vor der Haustür angelangt, klopften sich Joel und Lorentz noch einmal die Hände an ihren staubigen, verwaschenen Hosen ab. Während Joel sich daran machte, den Werkzeugkasten aus dem Wagen zu hieven, betätigte Lorentz die Klingel. Die zarte Stimme einer Frau erklang und Schritte ertönten, kamen näher. Daraufhin wandte er sich an Joel, um ihm mit dem zweiten Kasten zu helfen. Die Tür wurde aufgezogen und eine aufgeregte Stimme fragte sogleich, ob die Herren denn eine Tasse Kaffee wünschten. Lorentz drehte sich um und nahm dankend an. Hätte er sich nicht bereits darauf eingestellt, Lindberg zu sehen, wäre er beim Umdrehen vielleicht ins Stocken geraten. So hielt er erst zwei Schritte später an, als er ein Gesicht erblickte, das seinem so ähnlich war. Ein Gesicht, das er schon lange nicht mehr gesehen hatte. Dieses wurde halb von ihrer Hand verborgen, da die Frau an ihren Nägeln knabberte. Dabei rutschte ihr Ärmel langsam den Arm hinunter und offenbarte den Blick auf ein silbernes Armband, dessen rote Rubine ihm freudig entgegen blitzten. Eine Familienerbstück, ohne Zweifel.

Ein Erbstück, das aus einem zweiteiligen Set bestand und dessen zweites Stück Zuhause in seinem Tresor lag. Er gefror zu Stein, als zwei Welten über ihm kollabierten, ihn unter sich begruben und seine gesamte Luft aus der Lunge pressten. Sie war nicht tot.


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