Anna saß immer noch träumend und sinnierend neben ihrem Kätzchen auf dem Boden, streichelte hin und wieder gedankenverloren das seidige Fell und hatte die Zeit völlig vergessen. Draußen wurde es langsam dunkel, als es plötzlich an der Tür klingelte. Mit einem heftigen Ruck fuhr Anna zusammen und sah sich erst mal um. Es war Abend geworden! Hatte sie wirklich so lange hier gesessen? Etwas ungelenk und steif stand sie vom Boden auf. Stellan war zurück. Das war gut. Nun konnte sie endlich hören, was er heute im Untergrund in Erfahrung gebracht hatte. „Über ihren Enkel“, dachte sie stockend. Irgendwie hörte sich das immer noch seltsam an. Ein Enkel? Sie? Dabei hatte sie noch nicht mal wirklich eine Tochter…

Eilig lief sie den Flur herunter, rief dabei „Ich komme!“ und riss, endlich an der Tür angekommen, selbige auf. Das „Na endlich!“, mit welchem sie Stellan empfangen wollte, blieb ihr im Halse stecken. Heraus kam nur ein merkwürdiger Ton – geboren aus Erschrecken, Erkennen und Unsicherheit – der jedoch mehr als alle Worte sagte. Die beiden Frauen sahen sich in die Augen. Beiden stand die Unsicherheit ins Gesicht geschrieben. Beide sahen im Blick der Anderen die Ungeheuerlichkeit der Situation sich widerspiegeln und beide lasen den Hilfeschrei – der nie jemals vernommen werden sollte – von den Lippen ihres Gegenübers ab. Eine Weile sahen sie sich stumm an, zu keiner Regung fähig. Dann endlich brach eine, dass jüngere Abbild der Anderen, das Schweigen. „Hallo Mama!“, sagte sie mit belegter Stimmer und dann brach der Damm!

Beide Frauen fielen sich in die Arme, hielten sich wie nie zuvor in ihrem Leben und konnten nicht wieder voneinander lassen. Anna weinte, laut und herzzerreißend. Die Qualen, die sie all die Jahre durch die Trennung durchgemacht hatte, brachen sich mit Gewalt eine Schneise durch ihre Seele, ihren Verstand und ihr Herz, um nun endlich gehört zu werden. Dieses Wiedersehen tat nach all der Zeit so weh, dass es Anna fast zu zerreißend drohte. Dennoch tat es gleichzeitig auch so unendlich gut. Sie hatte das Gefühl, als würde alles geheilt in den wenigen ersten Augenblicken ihrer Umarmung: Schmerz, Leid, Einsamkeit, Trauer. Irgendwie war alles noch vorhanden, aber nur noch als eine Erinnerung, wie ein böser Traum.

Sabine hielt ihre Mutter ganz fest im Arm. Der Magen hing ihr in der Kniekehle. Das schlechte Gewissen, sich die ganzen Jahre nicht gemeldet zu haben und ihre Mutter nun in diesem Zustand zu sehen, machten ihr sehr zu schaffen. Immer schneller rannen ihr die Tränen übers Gesicht, aber es kam kein Laut über ihre Lippen. Die Scham darüber, dass sie sich nicht mal beim Tod ihres Vaters zu Hause blicken lassen hat, saß so tief, dass sie sich kaum getraute, zu atmen.

In der spontanen Umarmung der beiden Frauen lag jedoch die Antwort und Lösung für ihr Dilemma und der Weg in die Zukunft gemeiselt: gemeinsam und einander heilend, verzeihend und zusammenwachsend zu etwas Größerem. Diese Vision der Zukunft stand beiden Frauen ganz deutlich vor Augen. Sie mussten nur beiden Händen danach greifen und sich einander zuwenden. Aber beiden war einer Selbstverständlichkeit, die an die Reinheit von Kinderherzen erinnert, klar, dass sie diesen Weg gemeinsam gehen würden. Etwas anderes würde nun nie wieder möglich sein.

Als sich die beiden Frauen aus ihrer Umarmung gelöst hatten, jedoch immer noch an den Händen hielten, zog Anna Sabine ins Haus. Draußen war es doch empfindlich kalt und sie hatten die ganze Zeit vor der Tür gestanden. Langsam erwachten wieder die Lebensgeister in Anna und ihr Blick richtete sich auf die profaneren Dinge. Die Kälte war ihr ganz schön die Beine herauf gezogen und nun brauchte sie – auch zur Stärkung – einen kräftigen Grog. Sabine, die sie immer noch an der Hand hielt, folgte ihr in die Küche. Hier drückte Anna, glücklich über das ganze Gesicht strahlend, die staunende Sabine auf einen Stuhl und begann, zwei Grogs zuzubereiten.

Sabine sah sich in der Zwischenzeit völlig fassungslos um. Ihre Mutter hatte nichts verändert. Seit sie damals mit Selver gegangen war, hatte sich nichts geändert. „Aber klar, wie auch?“, gestand sie sich ein. Ihre Mutter hatte die zwei Menschen verloren, die ihr Leben bedeuteten und, verdammt zu einem einsamen Leben, hatte sie wenigstens die Erinnerungen aufrecht erhalten wollen. Der angeschlagene Becher, den Anna ihr nun mit dem heißen Grog reichte, war ebenfalls schon so alt, dass Sabine ihn noch kannte. Langsam stand Sabine auf, vergewisserte sich mit einer ausladenden Geste ihrer Hand und einem Blick bei ihrer Mutter, dass sie sich umsehen darf und ging in den Raum, der früher das Wohnzimmer war. Das alte Sofa stand noch an derselben Stelle. Es waren noch ein paar Flecken dazu gekommen und die Farbe war etwas verbleicht – aber es war unverkennbar das Sofa, auf dem sie früher mit ihrem Vater mittags ein Nickerchen gehalten hatte. Der Tisch, die Schränke, selbst die Vorhänge vor den Fenstern...alles kannte Sabine bereits. An einigen Sachen hatte der Zahn der Zeit stärker genagt, an anderen weniger, aber die Möbel waren immer noch die, die schon hier waren, als Sabine das Haus und ihre Eltern verließ. Ein Möbelstück jedoch fesselte ihren Blick ganz besonders. Langsam setzte Sabine einen Fuß vor den anderen, streckte zögernd die Hand aus, betastete den Stoff, die Lehne, die Sitzpolster – unverkennbar, der alte Ohrensessel ihrer Mutter, ein Geschenk ihres Vaters.

Erneut rannen ihr Tränen über die Wangen. Mit eingesunkenen Schultern, die Hand mit dem Grog-Becher zitterte leicht, stand sie vor dem Sessel, als sie die Stimme ihrer Mutter vernahm: „Nun wird alles wieder gut!“ In diesen Worten lag so viel Zuversicht und Unabänderlichkeit, dass es keinen Zweifel geben konnte. Langsam drehte Sabine sich zu ihrer Mutter um und sah ihr mit einem Blick in die Augen, der sagte „Ich bin dabei! Von nun an zusammen!“

„Es ist Weihnachtszeit!“ sagte Anna. „Hab ich gehört!“ antwortete Sabine ohne Zögern. Beide sahen sich mit einem verstehenden Blick an und gingen ohne ein weiteres Wort in den Flur, die Treppe in das Obergeschoss hinauf, folgten der Treppe zum Boden und, noch bevor sie die Speichertür öffneten, lachten lauthals los. Wieder hielten sie sich in den Armen, glücklich über ihr Erinnern. Mit diesen Worten hatten Anna und Erwin immer das weihnachtliche Schmücken des Hauses eingeleitet und Sabine hatte stets „hab ich gehört“ geantwortet. Danach gingen sie immer alle gemeinsam auf den Dachboden, holten den Weihnachtsschmuck nach unten und begannen, dem Haus festlichen Glanz einzuhauchen.

Die Kisten mit dem Weihnachtsschmuck waren etwas stärker eingestaubt und Sabine fragte sich unwillkürlich, ob ihre Mutter die letzten Jahre das Haus nicht mehr geschmückt hatte. Als sie mit der Hand über ein handgeschriebenes Schild mit dem Kisteninhalt strich, rutschte ihr Ärmel nach oben und gab den Blick auf ein Armband frei. Kurz hielt Anna die Luft an, als sie es erkannte. Sie sagte jedoch nichts und dann war der Augenblick vorbei.

„Bis Stellan kommt, bringen wir ein bisschen alten Weihnachtszauber zurück“, sagte Anna zu Sabine. Sabine nickte verstehend und war plötzlich wieder sehr traurig. Ihre Mutter hatte also die letzten Jahre kein Weihnachten mehr gefeiert. Sie strich ihrer Mutter über die Schulter, nahm zwei Kisten und trug sie nach unten. Wenn Stellan kam, sollte er das Haus nicht wieder erkennen.


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