Er lief bereits eine halbe Ewigkeit durch die spärlich begangenen Gassen, ohne seine Umgebung gänzlich zu realisieren. Seine Füße wiesen ihm den Weg und er folgte, ohne die Strecke zu hinterfragen. Für Außenstehende konnte es so wirken, als wüsste er nicht, wohin er soll. In diesem Moment stimmte dies auch.

Als er sich nach dem Treffen, aus der Höhle des Löwen kommend, zum Auto begeben wollte, überkam ihn die Ahnung, dass er nicht ganz alleine war. Da er sich nicht umblicken wollte, damit sein potenzieller Verfolger nicht mitbekam, dass er ihn bemerkt hatte, bog er bereits zwei Straßen vor dem Parkhaus ab und begab sich immer weiter in den Stadtkern. Somit entfernte er sich immer weiter von seinem Auto und seiner Wohnung - und dem Verfolger, der ihn nach einer Stunde aus den Augen verloren hatte. Zumindest glaubte er das. Es konnte ebenso gut der Fall sein, dass dieser das Interesse an ihm verloren hatte. Dafür hatte Stellan auch wirklich sein Bestes gegeben. Da er einmal in der Stadt war, hatte er gleich die Gelegenheit dafür genutzt, Weihnachtsgeschenke zu besorgen, was in einem ziemlichen Kontrast zu seiner vorherigen Tätigkeit stand.

Zugegebener Maßen sah die ganze Sache sehr übersichtlich aus, da ihm nicht mehr allzu viele nahestehende Personen übrig geblieben waren, denen er etwas schenken könnte. Doch immerhin ist eine neue Person hinzugekommen: Anna. Da er wusste, wie sehr sie Bücher liebte, ist er schnurstracks in einen Buchladen gegangen und hat ein paar seiner Lieblingsbücher in den Einkaufskorb gelegt. Einige von ihnen würde sie sicher spannend und unterhaltend, manche lehrreich finden. Und er hoffte insgeheim ein wenig darauf, dass sie auch wieder etwas mehr Leidenschaft für die Pläne entwickelte, welche sie ihr Leben lang begleitet haben. Sie sollte wieder anfangen zu träumen, nach einem erfüllteren Leben streben. Und dann war da natürlich noch Sabine, für welche er sich etwas besonderes ausgedacht hatte, nachdem sie bereits so viel miteinander geteilt haben. 

Die Anspannung fiel langsam von ihm ab und er konnte wieder richtig durchatmen. Diese kleine Pause hatte er gebraucht, um sich wieder dem eigentlichen Problem zu widmen. Während er mit im Untergrund unterwegs gewesen war, alle Schwarzmärkte abgeklappert und seine "Ware" an die Kundschaft gebracht hatte - es war stets pures Cannabis mit halbwegs niedrigem THC-Gehalt - war ihm zu Ohren gekommen, dass momentan in großen Mengen über ganz Deutschland verteilt Endoskope aus Krankenhäusern entwendet wurden. Auf die Frage hin, wer alles involviert war, wurden ein paar Namen in den Raum geworfen, denen er später noch nachgehen wollte. Selvers Name fiel anfangs nicht, doch dann fiel jemandem noch ein, dass dieser momentan seine Aktionen, nämlich alten Menschen das Geld zu entwenden, eingestellt hatte, um anderen Aufträgen nachzugehen. Und die Person war sich ganz sicher, dass er nun auch mit involviert war, um in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Er hatte nicht den blassesten Schimmer, wie sie an diese Information gelangt waren, doch das wunderte ihn hier im Zwielicht nicht mehr. Von Informationen und ihren Waren lebten sie. 

Fest stand nur, dass Lorentz anscheinend nicht mehr in der Stadt war - wie lange das schon der Fall war, konnte er nicht sagen. Herausgefunden hatte er es dort zumindest nicht mehr. Und wann Lorentz zurückkommen würde, stand auch in den Sternen geschrieben. Niemand wusste es. So würde er ihn in der nächsten Zeit wohl nicht mehr in die Finger bekommen können. Ihn nicht, aber vielleicht einen seiner Kumpanen... 

Den ganzen Tag über war ihm diese Stimme nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Und als die Ganoven dann erwähnten, wie Lorentz zuvor seinen Unterhalt bestritten hatte, fiel ein Puzzleteil ins rechte Bild. Eine Szene ploppte in seinem Kopf auf - aus diffusem Nebel formten sich greifbare Gestalten. Er erinnerte sich an den Moment, als er das letzte Mal Lorentz getroffen hatte, erinnerte sich an eine Stimme im Hintergrund, die angeheitert durch den Raum schallte. Eine Stimme, dessen Besitzer am Ende des Abends mit Lorentz die Bar verließ und in der Dunkelheit verschwand. Was wäre, wenn diese Person sein Kamerad gewesen ist? Was wäre, wenn er heute eben jenen Kameraden am Telefon gehört hatte? Und was wäre, wenn Anna ihr nächstes Ziel ist?

Er konnte es nicht mit Gewissheit sagen, doch war die Wahrscheinlichkeit zu groß, als dass er sie in den Wind schlagen könnte. Noch hatte er Zeit, um sich wieder in seine Wohnung zu begeben, die Maske abzulegen und zurück zu Anna zu fahren. Der Klempner würde erst morgen Nachmittag erscheinen. Bis dahin sollte doch noch genügend Zeit sein, um dieser Firma mal auf den Zahn zu fühlen. Wo und wie Lorentz ins Spiel kommen würde, konnte er nicht sagen, doch es bestand immerhin die Chance, über seinen Kameraden an ihn zu gelangen.


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