Seit Stellan das Haus verlassen hatte, war es sehr ruhig bei Anna – zu ruhig für ihren Geschmack. Wie schnell man sich doch wieder daran gewöhnen kann, Gesellschaft zu haben und sein Gedanken austauschen zu können. Anna vermisste Stellan schon jetzt. Dabei wusste sie, wohin und mit welchem Ziel er gegangen war. Die vergangenen Tage erschienen ihr fast wie ein Traum. Belustigt über sich selbst lächelte sie, als sie daran dachte, dass sie ihn noch vor ein paar Tagen für einen dreisten Einbrecher gehalten hatte. Dreist war er gewesen – kein Zweifel – und ein Einbrecher, um genau zu sein, auch. Er war in ihr Leben eingebrochen, hatte sich darin breit gemacht und war nun nicht mehr daraus weg zu denken.

Anna war glücklich, bald wieder mit Sabine vereint sein zu können. Das Wie machte ihr noch ein wenig Sorge. Allerdings war sie fest davon überzeugt, dass Stellan ihnen beiden bei den ersten Schritten aufeinander zu behilflich sein konnte. Wovor sie sich mittlerweile jedoch wirklich fürchtete war, dass Stellan, nachdem er alle wieder zusammen geführt hatte, verschwinden könnte. Wie sollte sie ihm nur beibringen, dass sie ihn gern weiterhin in ihren Leben haben würde? Der bevorstehende Abschied – sie glaubte ganz fest, dass Stellan sich dann neue Abenteuer suchen würde, denn genau das musste es für ihn sein – machte sie traurig. In der kurzen Zeit hatte sie ihn sehr in ihr Herz geschlossen.

Noch völlig in Gedanken über das Kommende versunken, zuckte sie erschrocken zusammen, als plötzlich das Telefon klingelte. Am anderen Ende war die Tierklinik. Die freundliche Dame sagte ihr, dass sie die Katze wieder abholen könne. Die Operation sein gut verlaufen und das Tier den Umständen entsprechend wohl auf. Kaum hatte sie aufgelegt, musste sich Anna erst mal setzten. Die Katze! Daran hatte sie bei all dem, was in den letzten Tagen passiert war, gar nicht mehr gedacht. Jetzt musste sie kurz ihre Gedanken zusammen nehmen! Die Katze brauchte eine Decke, auf der sie liegen, Näpfe, aus denen sie fressen und trinken konnte und natürlich Futter! Hatte sie etwas vergessen? Das würde den Anfang reichen. Später konnte sie immer noch besorgen, was sie vielleicht noch für die Katze benötigte.

Schnell richtete sie im Wohnzimmer ein Plätzchen für die Katze ein und stellte zwei ihrer angeschlagenen Schalen daneben. Vielleicht würde sie nun doch mal ihr altes Geschirr – der Katze sei Dank! – durch ein paar neue Stücke ersetzen. Belustigt lächelte sie bei dem Gedanken. Nun schnell noch den Picknickkorb, mit dem sie die Katze bereits in die Klinik gebrachte hatte und bei ihrer Rückkehr Stellan vorfand, und ab geht es in die Klinik.

Kaum zwei Stunden später – die Formalitäten hatten ewig gedauert nachdem sie noch länger gewartet hatte – war sie mit dem Kätzchen zurück. Verwundert schaute sie dem kleinen Tier zu, wie es an der Decke schnupperte, sich vorsichtig hinlegt und sie mit großen Augen ansah. Das seidige Fell, die filigranen Schnurrhaare, die kleinen, weichen Pfötchen… sie konnte sich gar nicht richtig satt sehen an dem kleinen Wesen. Das Kätzchen war einfach nur perfekt – dabei hatte sie Katzen nie besonders gemocht. Aber bis heute hatte sie einer Katze auch noch nie besondere Beachtung geschenkt.

Als sie mit ein weniger Futter und etwas Wasser zurück ins Wohnzimmer kam, setzte sie sich auf den Boden neben die Decke und betrachtete weiter das Kätzchen. Das leise Schnurren, wenn sie zart über das Fell streichelte, beruhigte sie etwas und ließ sie nicht ständig an Stellan‘s Rückkehr denken. Er hatte ihr in Aussicht gestellt, heute Abend wieder bei ihr zu sein, um ihr von dem zu berichten, was er in Erfahrung gebracht hat. Anschließend werden sie die nächsten Schritte besprechen.

Anna lehnte sich zurück an die Wand, sah ihr neues Familienmitglied an und beschloss, den Dingen ihren Lauf gehen zu lassen. Jetzt konnte sie ohnehin nichts anderes tun, als das Kätzchen zu streicheln. Nichts jedenfalls, dass so wichtig wäre.


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