Dieses eine Glas am Ende des Abends war das zweite zu viel. Eindeutig. Und einmal mehr wurde ihm bewusst, dass die Zeit erbarmungslos war, nicht friedlich an dir vorbeizog. Man will es sich nie eingestehen, doch wenn man es nicht tat, erlebte man den nächsten Tag ohne Zweifel auf dem falschen Fuß. Er war nicht alt, aber auch nicht mehr der Jüngste. Und das ließ ihn dieser Morgen eindeutig spüren.

Euphorie und Freude sind es, dachte er sich, die manch undurchdachte Tat in Gang setzten, deren Folgen nicht abzusehen waren. Immerhin war es bei einigen Dealern nicht unüblich, dass sie an den Abenden zu tief ins Glas schauten – oder die eigene Ware auf ihre Qualität prüften. So sah seine Lage nicht allzu heikel aus. Dennoch würde er vorher eine Aspirin einwerfen, um seine Gedanken wieder in eine geordnete Bahn zu lenken, schließlich begab er sich nichtsdestotrotz in eine gefährliche Lage.

Seine Kontaktperson hatte ihm am Morgen eine Adresse zukommen lassen, an der sie sich treffen wollten, weshalb er all seine Sinne bei sich haben musste. Bis dahin war nicht mehr allzu viel Zeit übrig, weshalb er sich schnell fertig machte. Dabei fiel ihm auf, dass die Spülung ihren Dienst nicht mehr ordnungsgemäß verrichtete; sie hörte einfach nicht mit spülen auf. Deshalb ging er kurzerhand in Annas Hauswirtschaftsraum und stellte diese erst einmal aus. Damit sich Anna nicht über sein Fehlen und die nicht funktionierende Spülung wunderte, schrieb er ihr noch schnell einen Zettel, den sie hoffentlich lesen würde, sobald sie erwachte. Da sie in der Regel früh am Morgen immer Zeitung las, legte er die Notiz ganz oben auf den Stapel. Dabei fiel ihm die Anzeige für den Klempner ins Auge. Kurzer Hand steckte er sich den Flyer in die Tasche und fügte noch auf der Notiz hinzu, dass er sich um das Problem im Laufe des Tages kümmern würde. Kurz darauf stieg er ins Auto und begab sich auf den Weg zu seiner Wohnung.

Dort würde er seine Latexmaske aus den Untiefen seines Schrankes zutage fördern, sie ankleben und verblenden müssen, damit ihn ja niemand als Journalisten entlarvte. Es würde ihn niemand unmaskiert wiedererkennen, da er sich die ganze Zeit über nur so im Untergrund gezeigt hatte. Um seine Glaubwürdigkeit aufrecht zu erhalten, wollte er zudem seine Haare wieder um einige Zentimeter stutzen - bis von ihnen nicht viel mehr übrig blieb als sein Drei-Tage-Bart an Länge besaß. Damit wären sie etwas kürzer als damals, doch genau dadurch würde es realistischer wirken, schließlich verändern sich Frisuren im Laufe der Zeit.

Mit einer vollen To-do-Liste öffnete er eine halbe Stunde später die Wohnungstür und machte sich an sein Werk. Bis er mit allem fertig war und das Gebäude quasi als neuen Menschen verließ, vergingen knapp drei Stunden. Er wäre eigentlich früher fertig gewesen, doch es hat mehrere Anläufe gebraucht, ehe der Klempner ans Telefon gegangen war und sich die Daten notiert hatte. Damit wäre ein Problem abgehakt und Stefan hätte nun seine ganze Aufmerksamkeit auf die kommende Aufgabe richten können. Hätte es vielleicht auch tun sollen. Doch ein paar Gedanken kreisten aus einem für ihn unerfindlichen Grund ständig um das Gespräch. Es ging nicht einmal darum, was gesagt wurde, sondern um den Farbklang der Stimme. Irgendwann einmal hatte er sie bereits vernommen. Er runzelte die Stirn. 

Doch bevor er sich weiter den Kopf darüber zerbrechen konnte, erreichte er das Parkhaus, von welchem aus er zur Zieladresse laufen würde. So stieg er aus, prüfte nochmals seine Tasche, in der sich seine Handelsware befand und stellte sich mental darauf ein, bald seine Kontaktperson zu treffen. Er war nun ganz nah an dem Punkt angelangt, der den Weg für ihren Erfolg oder für das Scheitern ebnete. Dementsprechend durfte er sich keine Patzer leisten. Doch während er so da stand, wurden ihm die Tragweite und die Folgen seines Plans vollkommen entblößt, in aller Schärfe vor Augen gehalten.

Er war sich sicher, dass die beiden Frauen, denen er so viel Zuneigung entgegen brachte, doch noch zueinander finden würden - früher oder später. Aber es musste sich nicht so mit Lorentz verhalten. Nein, schließlich hat er den Großteil seines Lebens im Untergrund verbracht, umgeben von Leuten, die sich ausschließlich selbst die Nächsten waren und nicht davor zurückschreckten, sich an anderen zu bereichern, sie wie Parasiten aus zusaugen, bis für diese Menschen nicht genügend übrig blieb, um weiterhin zu bestehen. Und selbst wenn Lorentz sich wider aller Erwartungen etwas Menschlichkeit bewahrt hat, würden die rechtlichen Konsequenzen die Familie für eine lange Zeit durch Gitterstäbe trennen. Er hoffte, dass die beiden Frauen sich dessen vollends bewusst waren.

Bevor er jedoch immer weiter in seine Gedankenwelt abdriften konnte, riss er sich selbst aus dem Strom und fokussierte sich wieder auf die Gegenwart. Er würde so viel wie möglich in Erfahrung bringen müssen. Dabei durfte er nicht zu direkt nachhaken, musste allgemeine Fragen stellen und so viele Informationen wie möglich aus den Gesprächen um sich herum aufsagen, ohne allzu viel Interesse zu bekunden. Vielleicht konnte er ein wenig über die größeren Aufträge herausfinden, sehen, was momentan so los war. Mit ein wenig Glück würde er den Auftrag herausfinden, bei welchem Lorentz mitwirkte. So könnte er vorheucheln, dass er dort ebenfalls mitwirken will, dass er ein paar nützliche Kontakte besäße, weshalb er mit ihm Kontakt aufnehmen wollte. Da gäbe es sicher ein paar Leute, die wussten, wie man das bewerkstelligte. Dafür musste Stellan nur der Person folgen, die geradewegs auf ihn zugelaufen kam.

Und während Stellan sich in die umtriebenen Winkel der Stadt begab, standen drei sehr missmutig dreinblickende Männer vor ihrem Auto und starrten auf die kleinen Tatzen, welche die Frontscheibe zierten und ihrem Vorhaben kurzzeitig einen Dämpfer verpassten.


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