Etwas unentschlossen griff Stellan zum Telefon. Er musste nun endlich Sabine anrufen! Zu viel hatte er ihr zu erzählen und es war nicht fair, sie so lange warten zu lassen. Wahrscheinlich hatte sie sich die Fingernägel bereits bis zu den Schultern abgeknabbert. Trotzdem fürchtete er sich ein bisschen vor ihrem Zorn, der durchaus berechtigt war. Er hatte es schließlich versprochen…

Das Telefon zeigte den Ruf nach draußen an und Stellan wartete, dass Sabine abnahm. Als er ihre Nummer wählte, kam er langsam zur Ruhe. Er wusste, was er ihr erzählen wollte, nein musste, und danach sollte sie ihn ruhig rupfen wie ein Huhn. Er hatte es verdient. Schließlich hatte er ihr versprochen, sich gleich zu melden, wenn es Neuigkeiten gab. Das er gute Gründe hatte, nicht gleich anzurufen, würde sie sicher nicht interessieren und also musste er das erst gar nicht ins Feld führen.

„Stellan?“ „Ja, ich bin es. Hallo Sabine!“ „Wo hast du gesteckt und was ist passiert oder auch nicht passiert? Warum hast du dich nicht gemeldet?“, fragte Sabine ganz aufgeregt. „Tut mir leid, Sabine. Gern hätte ich mich früher gemeldet. Aber die Ereignisse haben sich irgendwie überschlagen und immer hatte ich das Gefühl, dir nicht wirklich etwas Handfestes erzählen zu können. Ich...“ „Und nun kannst du das?“, unterbrach ihn Sabine. „Ich habe dir viel zu erzählen – über deine Mutter, Anna!“ Sabine hielt die Luft an, so sehr fürchtete sie sich vor dem, was Stellan sagen könnte und der zögerte deshalb auch nicht lange und sagte:“Sie liebt und vermisst dich -immer noch. Und es geht ihr den Umständen entsprechend gut. Mach dir also erstmal keine Sorgen!“ Das Geräusch, dass daraufhin durchs Telefon zu ihm drang, sprach von so viel Erleichterung, dass es ihm die Tränen in die Augen trieb.

„Komm her, Sabine! Triff sie! Deine Mutter ist eine wundervolle Frau, die sich mit jeder Faser ihres Körpers nach dir sehnt. Nach dir und Lorentz!“ „Du hast sie also getroffen und ihr von Lorentz erzählt!“ Das war keine Frage, sondern eine Feststellung. „Ja, eure Geschichte und die seiner Entführung. Ich habe ihr auch von unserem Wiedersehen in der Kneipe erzählt und das er hier wohnt. Sie hat mich gebeten, ihr bei der Suche nach euch zu helfen. Nach dir und ihm. Und ich habe es ihr versprochen und erzählt, dass ich dich bereits gefunden habe. War das zu viel?“ „Nein! Nein, lieber Stellan! Ich danke dir so sehr! Und ja, ich komme! So schnell es mir möglich ist. Ich habe hier noch ein paar Dinge zu erledigen. Aber dann setze ich mich sofort ins Auto. Ich melde mich, sobald ich losfahre. Ist das in Ordnung?“ „Wunderbar, Sabine! Melde dich und ich werde deine Mutter in der Zwischenzeit auf deine Ankunft vorbereiten. Dann können wir zu dritt nach Lorentz suchen. Dieses Weihnachtsfest wird ein Fest der Liebe und Familie!“ Kurz herrschte Stille am anderen Ende der Telefonleitung. Dann sagte Sabine: „Du meine Güte, es ist ja Weihnachtszeit!“ Stellan lachte. „Genau wie deine Mutter!“

Nach dem Gespräch mit Sabine, welches viel glimpflicher für ihn abgelaufen war, als er zuvor angenommen hatte, einem heißen Bad und frischen Sachen, machte er sich eilig auf den Weg zurück zu Anna. Vorher hatte er noch ein paar frische Socken und Unterwäsche sowie sein altes Laptop in den Rucksack geworfen, auf dem schon die Ergebnisse von früheren Recherchen zu Lorentz bzw. Selver abgespeichert waren. Er wollte Anna‘s Gastfreundschaft zwar nicht ausnutzen, war sich jedoch sicher, dass es in den folgenden Tagen manchmal zu spät sein würde, um noch nach Hause zu fahren. Er freute sich, dass er Anna gute Neuigkeiten überbringen konnte. Sie würde sich so freuen, wenn sie von Sabines bevorstehendem Besuch erfahren würde. Nun musste nur noch Lorentz ausfindig gemacht werden. Hoffentlich hielt er sich derzeit in der Stadt auf.

Eine gute halbe Stunde später saß er mit Anna in der Küche, das Laptop lief gerade hoch, und erzählte ihr von dem Telefonat von Sabine. Nicht alles natürlich. Die Vertraulichkeit zwischen den beiden blieb unerwähnt, genauso wie Sabines Erwartungen an Stellan. Anna wusste nichts darüber, wie Stellan und Sabine zueinander standen und das sollte auch noch eine Weile so bleiben.

Anna war sehr still, als Stellan Sabines Besuch ankündigte und fast fragte er sich, ob er einen Fehler gemacht hatte, als er Sabine dazu aufgefordert hatte. Die Furcht in Anna‘s Gesicht war ganz deutlich zu sehen. Aber ein Blick in ihre Augen zeigte ihm auch die Hoffnung, die in ihnen glomm. Nein, alles war gut. Sabine würde kommen und beide Frauen würden wieder an einer gemeinsamen Zukunft arbeiten können. Aber eine Lücke war noch zu füllen, ein Loch zu stopfen. Beide würden sich, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, nach Lorentz sehnen und ihn zu finden und Kontakt aufzunehmen hatte nun oberste Priorität.

Als der Rechner endlich lief, öffnete Stellan alle Dateien, Notizen und Aufzeichnungen, die er zu Selver und Lorentz gemacht hatte. Von Lorentz wusste er bereits, dass auch er im Milieu seines Vaters aktiv war. Das Anna beizubringen war eine besondere Herausforderung für ihn. Er gab sich alle Mühe, nicht mit der Tür ins Haus zu fallen, sondern ihr ganz behutsam beizubringen, dass Lorentz nicht war wie sie. Aber Anna war gar nicht überrascht. Vielmehr hatte sie bereits, als sie von der Entführung hörte, geschlussfolgert, dass er nicht anders als Selver war. Wie hätte es sonst auch sein sollen?

Nachdem das geklärt war, konnte Stellan ihr auch sagen, dass sie ihre Suche am besten gleich in der kriminellen Szene starten sollten und Anna hatte nichts dagegen. Seit dem Gespräch heute morgen war sie vollen Tatendrang und – wenn es um Lorentz ging – wild entschlossen. Das Zusammentreffen mit Sabine bereitete ihr wohl einige Sorgen, aber Lorentz sah sie voller Neugier entgegen und sie war entschlossen zu tun, was getan werden musste.

Als erstes, so besprachen Stellan und Anna, sollte Stellan sich wieder die kriminelle Szene einschleusen. Aus alten Zeiten kannte er noch Leute, die er auch heute noch manchmal kontaktierte, wenn er Informationen brauchte. Sie wollte er bitten, ihn wieder in die entsprechenden Kreise einzuführen. Dann würde er Lorentz schon ausfindig machen. Anna und Stellan waren zuversichtlich, dass ihr Plan funktionieren würde und so gönnten sie sich zum Abschluss des Tages beide noch ein Gläschen Wein.


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