Mit einem satten Schmatzer zog er den Reißverschluss zu und ließ das Sicherheitssystem einrasten. Obwohl sein Koffer so lukrativer erscheinen und die Sicherung potenzielle Diebe nicht davon abhalten würde, den Inhalt zu sichten, fühlte er sich so viel wohler. Es war nicht einmal so, dass er tatsächlich irgendwelche brisanten Waren mit sich herum trug - Die Gesichtsmasken waren bei Jack und Toni mit untergebracht. Doch ihm behagte der Gedanke nicht, dass Fremde, und wenn es nur kurz aus der Situation heraus war, in seinen Sachen wühlen könnten. Oder dass sein Reißverschluss hängen blieb, sodass sich der Inhalt auf den Boden ergießt.

Jedoch waren all das nur rein theoretische Gedanken. Bis jetzt ist er noch nicht allzu oft mit dem Koffer unterwegs gewesen. Sie sind zwar schon ein paar Mal umgezogen, doch da haben sie in der Regel einen gemieteten Transporter genutzt.

Jetzt verhielt sich die Lage anders. Joel und Jackson würden hier weiterhin den Anschein erwecken, als würden sie ein normales Studentenleben führen, während die drei einen kleinen Trip unternehmen. Die Sache war ein wenig riskant, weil momentan keine Semesterferien waren und sie dadurch ihr Fehlen eigentlich nicht entschuldigen konnten. Ihnen blieb aber nichts anderes übrig. Immerhin waren sie nicht in irgendwelchen Vereinen eingetragen, bei denen ihr Fehlen tatsächlich auffallen würde.

Dementsprechend machten die drei sich bereit, um den nächsten Monat über durch Deutschland zu fahren und die größten Krankenhäuser des Landes ab zu klappern. Dort würde ständiger Betrieb herrschen, es gäbe genügend Menschen, die für ein großes Durcheinander sorgen können und es würde nicht ganz so schnell auffallen, wenn ein paar der medizinischen Gerätschaften fehlen, da sie dort ein größeres Repertoire davon haben. Zumindest sahen so ihre Kalkulationen aus. Bei all den Vorbereitungen und Überlegungen konnte er sich nach wie vor nicht erklären, weshalb sie vorrangig Endoskope stehlen sollten. Er wusste auch noch nicht, an wen er diese dann liefern sollte. Diesbezüglich stand nur eine Adresse auf dem Zettel, den er auf dem Tisch gefunden hatte, bei der er die Endoskope zwischenlagern sollte, die Anzahl der zu sammelnden Geräte und eine Email, die er in dem Fall zu kontaktieren hatte. Zumindest hatte als Anmerkung noch unten auf dem Zettel gestanden, dass ihnen wichtigere Aufträge daraus resultieren, würden sie ihre Aufgabe gebührend bewerkstelligen. Das zu tun, schwor er sich.

Sie hatten in den letzten Monaten genügend Erfahrungen in Sachen Schauspiel und Raffinesse gesammelt, indem sie alte Leute ausgetrickst und um ein paar tausend Euro ärmer gemacht haben, um jetzt der Herausforderung gewachsen zu sein. Für den Notfall haben sie auch einen Arztkittel eingepackt, der für kurze Zeit seine Arbeit tun sollte. An die Ausweiskarten sollten Sie auch noch gut gelangen können - sie würden sich als Patienten ausgeben und so versuchen, an die Karte zu gelangen oder sie würden das Design einfach kopieren. Aber diese Aktionen würden hoffentlich nur die aller letzten Geschütze darstellen. An sich hofften sie, an den Schicht- und Raumplan zu kommen, um dann als Patienten genau in den Räumen einen Termin zu haben, in dem gerade niemand ist. Das würde allerdings noch einige Recherchen Vorort verlangen, weshalb sie den Schwierigkeitsgrad nicht genau benennen und den Plan nicht in Stein meißeln konnten. 

Fest stand bis jetzt bloß, dass sie sich morgen früh in die Spur machen würden. Die Koffer würden sie noch heute Abend ins Auto packen, damit es nicht so auffällt, wenn sie sich am nächsten Tag wie immer zur selben Zeit mit den Nachbarn aus der Wohnung begaben.

Innerlich ging er noch einmal die Checkliste durch und hakte die einzelnen Schritte ab. Nach dem Packen stand für diesen Abend nur noch die Lagebesprechung an. Falls Frau Sola anrufen sollte, stände immerhin Joel bereit, um ihren Plan zur Blüte zu bringen. Und Jackson sollte weiterhin nach dem ominösen Fremden Ausschau halten. An sich hatte der Brief ihres Kartellmeisters zwar deutlich ausgesagt, dass sie keine weiteren Aufträge am Laufen haben sollten. Doch das „Sollen“ war recht dehnbar. Nachdem Lorentz erklärt hatte, dass sowieso zwei von ihnen in der Wohnung bleiben mussten, um ihre Glaubwürdigkeit nicht zu sehr zu strapazieren, wurde ihnen doch noch gestattet, den einen Auftrag auszuführen. Es wäre schließlich recht verdächtig gewesen, wenn sie erst den nagelneuen Flyer eingeworfen haben, die Nummer aber nicht antwortet. Doch einen neuen Plan sollten sie nicht aushecken, ehe ihre neuen Aufträge erfüllt seien – und nach diesen würden sie ihrer alten Tätigkeit nicht mehr nachgehen wollen.

Den Fremden sollten sie aber nicht weiter verfolgen, das war ihnen klar. Er könnte eine Sicherheitslücke darstellen, welche ihren ganzen Auftrag gefährdet. Deshalb sollten sie ihn nicht auf ihre Fährte locken. Vor allem, wenn sich herausstellen würde, dass er tatsächlich Journalist ist. Dieser Umstand machte es in ihren Augen allerdings umso dringlicher, dass sie seine wahre Identität enthüllten. Die genaueren Details würden sie gleich in der Runde besprechen, doch vorher würde er seinen Koffer nach unten bringen. Er mochte es nicht, wenn er trotz unerledigter Aufgaben etwas Neues anfing.


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