Als Stellan auf dem Sofa wieder erwachte, war es draußen bereits hell. Er musste die ganze Nacht geschlafen haben. Allerdings nicht besonders gut, wie er sich eingestehen musste. Wilde Träume hatten ihn geplagt und er war mehr als einmal aufgewacht. Aus der Küche hörte er Geräusche. Anna war also ebenfalls schon wach. Der Duft von frischem Kaffee lag in der Luft und so zog er seine Schuhe an und ging zu ihr herüber. Der Tisch war bereits gedeckt und ohne Worte setzten sie sich und begannen mit dem Frühstück. Anna, die ebenfalls nicht gut geschlafen hatte, standen die Eindrücke des gestrigen Gesprächs noch deutlich ins Gesicht geschrieben.

Zögernd begann Stellan: „Unser Gespräch von gestern ist noch nicht ganz zu Ende. Es gibt ein weiteres Kapitel in der Geschichte von Sabine, Lorentz und Selver, dass ich noch erzählen muss, um die Gesamtsituation darzustellen.“ Anna war unmerklich auf ihrem Stuhl zusammen gesunken, blicke Stellan aus scheuen Augen an und nickte langsam. Also begann Stellan…

„Einige Zeit, nachdem Sabine mit Lorentz in die Uckermark gezogen war, hatte Selver sie ausfindig gemacht. Sie hatte geglaubt, alle Spuren verwischt zu haben. Dennoch hat er sie irgendwie gefunden und ihr das Schlimmste angetan, was einer Mutter angetan werden kann – er hat Lorentz entführt!“ Ungläubig und sprachlos starrte Anna ihn an. Man sah ihr deutlich die Unfassbarkeit dieser Tat an. Was musste Sabine gelitten haben!

„Lorentz lebte danach bei seinem Vater, zu dem ich dann allerdings keinen Kontakt mehr hatte. Weder Selver noch Lorentz konnte ich jemals wieder ausfindig machen. Aber es gab Gerüchte, die hinter vorgehaltener Hand erzählt wurden. Was daran war, kann ich nicht sagen. Das kann wohl nur Lorentz selber aufklären.“

Diese Worte brachten Anna auf eine ganz neue Idee. Bislang glaubte sie sowohl Sabine, als auch ihren Sohn Lorentz für sich verloren. Sie allein hätte nie eine Möglichkeit gehabt, nach den beiden zu suchen. Aber mit Stellan an ihrer Seite, seinem Netzwerk und seinem analytischen Verstand konnte es doch möglich sein, Sabine und Lorentz wieder in ihr Leben zu holen! Die Gedanken schwirrten durch ihren Kopf und es wurde ihr ganz taumelig. Sie wollte sich nicht zu viele Hoffnungen machen. Aber mit dem Wohnort von Sabine sollte es möglich sein, sie ausfindig zu machen und da Stellan Lorentz getroffen und erfahren hatte, dass er ebenfalls hier in der Stadt lebte, könnte vielleicht auch er gefunden werden.

Mit rosa Wangen und erwartungsvollen Blick schaute sie Stellan an und platzte einfach heraus: „Werden Sie mir helfen, die beiden zu finden?“ Stellan lächelte. „Natürlich! Das ist meine Stärke! Das ist das, was ich kann. Und ganz nebenbei – Sabine habe ich bereits gefunden!“ Mit einem breiten Strahlen auf dem Gesicht sah er Anna an, griff nach ihrer Hand, die auf dem Tisch lag und drückte sie ganz fest. Anna erwiderte den Druck und nun machte sich doch Hoffnung in ihr breit. „Dieses Weihnachten machen wir zu einem Familienfest!“, sagte Stellan feierlich und besiegelte damit ihren Pakt. Anna sah ihn erst verständlich los an, dann jedoch dämmerte es ihr und plötzlich traf sie die Erkenntnis: Es ist ja Weihnachtszeit!

Nach dem Frühstück verabschiedete sich Stellan für kurze Zeit. Er versprach Anna, sehr bald wieder da zu sein und dann mit der gemeinsamen Recherche zu beginnen. Zunächst aber musste er dringend in seine Wohnung, ein Bad nehmen und endlich in frische Sachen schlüpfen. Nach einigen Nächten in seinen Sachen auf Anna‘s Sofa hatte er das Gefühl, seine Hose könne mittlerweile von alleine laufen. Außerdem musste er dringend mit Sabine sprechen. Bei diesem Gespräch konnte Anna nicht dabei sein. Er hatte ihr jede Menge zu erzählen und würde vermutlich viel Schelte bekommen. Aber es musste sein. Dieses Weihnachten sollte für Sabine wieder ein Fest der Liebe und Familie werden und für Anna ebenfalls. Beide Frauen waren ihm sehr ans Herz gewachsen und er würde alles in seiner Macht stehende tun, um ihnen Lorentz zurück zu bringen.


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