Die letzten Jahre ihres Lebens haben nur aus Warten bestanden. Warten darauf, dass die Polizei ihr den entführten Sohn wieder brachten. Warten darauf, dass sie therapeutische Hilfe bekommt. Warten darauf, dass ihre Anfrage endlich stattgegeben wird und sie einen Detektiv zugeteilt bekommt. Warten darauf, dass er ihr irgendwelche wichtigen Informationen lieferte. Doch die Jahre zogen ins Land, ohne dass sie ihren Sohn wiedergesehen hatte, ohne dass nur die kleinste Information über ihrem Mann an ihre Ohren gedrungen war. Bis jetzt. Kerzengerade saß sie erneut auf dem Stuhl, ihre Tasche umklammernd, während der etwas ältere Herr vor ihr, Herr Lange, mit dem sie in den letzten Jahren vermehrt Kontakt betreffs der Übermittlung neuer Kenntnisse hatte, sie mit freundlichen aber ernsten Augen abscannte. Sie hatte jedes Mal das Gefühl, er würde jegliche Gestik und Mimik von ihr registrieren und auswerten - ihm blieb nichts verborgen. So entgingen ihm weder die überschminkten Augenringe noch die abgeknabberten Nägel. Doch er sagte nicht wie normalerweise etwas dazu, sondern nahm den Stapel Papier, klopfte ihn zurecht, bis jedes Blatt exakt über dem anderen lag und legte sie wieder hin.

"Nun Frau Sola..." "Sabine, bitte Herr Lange, das Thema hatten wir bereits.", fuhr sie freundlich dazwischen. "Nun gut. Sabine.", erwiderte er mit einem kurzen Lächeln, "Wie Sie sicher wissen, war ihr Mann nach eurem Auseinandergehen nicht mehr auffindbar. Wie schnell dieser Prozess vonstatten gegangen war, können wir natürlich nicht sagen, da sie erst Anzeige erstattet haben, als ihr Sohn entführt wurde. Dass sie ihren Mann nicht aufgrund von Drogendealerei angezeigt haben, ist eine unglückliche aber verständliche Fügung gewesen. Doch dadurch hatte er die benötigte Zeit gewonnen, um seinen damaligen Fehler zu bereinigen: Er hat seinen ursprünglichen Namen abgelegt und sich stattdessen einen neuen zugelegt, durch welchen er für den Staat unsichtbar wurde.", er schaute sie mit intensiven Blick an und versuchte zu ergründen, ob sie begriff, weshalb er an der Stelle der Geschichte ansetzte. Ihm begegneten wache, ruhige und konzentrierte Augen, so fuhr er fort.

"Nun kannten zwar die Leute aus seinem Milieu nach wie vor seinen Geburtsnamen, doch in der normalen Welt wandelte er als andere Personen umher. Seine Papiere waren dabei so gut gefälscht, dass er problemlos nach Kolumbien und Mexiko reisen und dort seine Geschäfte abwickeln konnte. Sie schienen sogar so erfolgreich zu sein, dass er Jahre später noch einmal nach Mexiko flog, ins Herz der Gewalt."

Ihr Herz schlug immer schneller, erreichte beinahe eine ebenso schnelle Geschwindigkeit wie ihre Gedanken, welche versuchten, die neuen Informationen zu verarbeiten, einzuordnen. Er konnte nicht nur ein einfacher Kleinstadt-Drogendealer gewesen sein, sonst hätte er sich nicht zu den größten Drogenkartellen der Welt begeben und dort erfolgreich Geschäfte abgewickelt. Wenn sie an all die Waffen, an die Sklaverei, die Morde dachte, die dort einen verqueren Alltag darstellten, wurde ihr speiübel. Sie konnte das groteske Bild gar nicht mit dem ihres ehemaligen Mannes in Verbindung bringen - er passte einfach nicht in diese Welt. Es wollte ihr schier nicht in den Kopf gehen. Sie hatte nie verstanden, was ihn geritten hat, dieser Mafia beizutreten. Sie konnte auch nicht sagen, wie lange er bereits dabei gewesen ist. Auch über seine Familie hatte sie nur wenig erfahren. Das hatte sie immer hingenommen, weil sie es nicht anders gehandhabt hatte.

"Doch dieses Mal gingen die Verhandlungen nicht so wie erwünscht aus. Das lag jedoch nicht daran, dass seine Geschäftspartner Desinteresse zeigten oder ein Hinterhalt auf ihn wartete, nein. Der Verrat lauerte in den eigenen Reihen. So wie es aussieht, hat ein Kumpane ihn an die mexikanische Regierung verraten, dafür aber im Gegenzug verlangt, dass davon nichts an die Öffentlichkeit dringt und dass seine Person nicht mit in die Situation hineingezogen wird. So teilte er der Regierung Selvers gefälschten Namen mit, den sie in die Datenbank eingaben, wodurch sie seine Ferienwohnungsdaten heraus bekamen. Unmittelbar darauf umzingelten sie die Wohnung und forderten Selver dazu auf, sich zu ergeben. Dieser wehrte sich allerdings mit Waffengewalt, weshalb es zu einer Schießerei kam. Am Ende, als ihm bewusst wurde, dass er den Kampf verliert, ließ er das Haus samt Mobiliar und geheimen Daten in die Luft gehen. Er selbst und diejenigen seiner Leibwächter, die noch übrigen waren, kamen bei der Explosion ums Leben. In den Nachrichten meinten sie lediglich, dass eine Gasleitung explodiert war. Mehr kam dazu nicht den Nachrichten."

Leicht besorgt blickte er sie an. Sie musste leichenblass sein, zumindest fühlte es sich so an, als wäre alles Blut aus ihren Wangen, gar aus ihrem kompletten Körper gewichen. "Und Lorentz? Lebt...", sie schluckte schwer, "Lebt er noch?" Er drehte sich um und griff nach der Kanne Tee, welcher während ihres Gesprächs auf Zimmertemperatur abgekühlt war. Dankend aber ungeduldig nahm sie die Weihnachtstasse mit Johanneskrauttee entgegen. Der Mann schien wirklich zu wissen, was er tut, schoss es ihr wieder durch den Kopf. Langsam nippte sie am Tee.

"Es ist nicht davon auszugehen, dass Lorentz dabei war. Fast all die dort anwesenden Personen konnten nach und nach identifiziert werden. Sein Name, sein Bild, seine DNA war nicht mit dabei." Sie atmete tief aus. Ihr war nicht bewusst gewesen, dass sie das Atmen eingestellt hatte. "Doch wo er sich jetzt aufhält, können wir leider nicht sagen. Er scheint nicht so leichtsinnig wie sein Vater gewesen zu sein - er lebt unter einem anderen Namen und ist im Untergrund nur als Selver 2.0 bekannt."

Sie nickte mechanisch. Es brachte sie zwar nicht physisch näher zu ihrem Sohn, doch sie fühlte wieder eine zarte Verbindung. Eine Verbindung, die zwar rostig und eingerissen, aber vorhanden war. Sie wollte sich allerdings nicht ausmalen, was er in all den Jahren angestellt hat, wie viele Leben er negativ beeinflusst hatte. Sie wusste nicht, ob sie das ertragen konnte. Um sich von diesem inneren Bild abzulenken, fragte sie Herrn Lange, wie Sie denn zu den Informationen gekommen sei. 

"Ein paar Geheimnisse sollten auch welche bleiben. Die Methoden werden wir auch in späteren Zeiten noch anwenden. Da wäre es doch zu schade, wenn sie nicht mehr funktionieren würden, da sie an die Öffentlichkeit gelangt sind. Das geht nicht gegen sie, doch Verschwiegenheit hat Vorrang. Es ist zu ihren eigenem Besten. Wir melden uns, sobald es etwas Neues gibt. Bis dahin wünsche ich Ihnen trotz allem frohe Festtage."

Sie bedankte sich, erwiderte die Wünsche und ließ seiner Frau samt Kindern freundliche Grüße ausrichten. Damit war im Moment alles gesagt, weshalb sie den Stuhl zurück schob und so schnell wie möglich aus dem Raum floh, in dem noch all die Worte in der Luft hingehen.


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