Ungeduldig wippte Sie mit ihrem Fuß, zupfte an dem losen Faden ihres Pullis und knirschte ein wenig mit ihren Zähnen - eine alte Gewohnheit aus Kindheitstagen, die sie einfach nie richtig hatte ablegen können. Die beiden Umzüge über konnte sie nicht still bleiben, während ihrer Examina wurde sie mehrfach auf ihr Verhalten hingewiesen, ihre erste Berufsvorstellung knirschte sie durch und die Geburt ihres Sohnes wurde unter diesem Lied in die Wege geleitet... Ihr Sohn, den sie seit fast fünfzehn Jahren nicht gesehen hat. Obwohl sie sich schon vor ein paar Jahren mit diesem Gedanken arrangiert hatte, schmerzte er doch sehr. Sein Verschwinden hat ein riesiges Loch hinterlassen, das durch nichts gefüllt werden konnte. Und der Gedanke, dass ihr kleiner Junge noch immer irgendwo dort draußen war, ließ ihren Hunger nur immer weiter ansteigen, das Loch im Bauch anwachsen. Dabei konnte sie nach wie vor nicht glauben, dass ihr Mann ihr das angetan hatte. Matthias, den sie über alles geliebt hatte. Sie hatte damals sogar seinen Nachnamen angenommen: Selver. Ein ungewöhnlicher doch harmloser Name, wie sie immer gedacht hatte. Dass das nicht stimmte, fand sie erst Jahre später heraus.

Nachdem ihr Sohn eines Tages, Monate nach der Trennung, als sie langsam wieder entspannter wurde und nicht mehr mit Adleraugen aufpasste, nicht nach Hause kam und die Anrufe bei den Lehrern ins Nichts gingen, versuchte sie die Polizei auf ihren Mann anzusetzen. Doch wie sich herausstellte, war dieser seit Monaten von der Bildoberfläche verschwunden, als hätte es ihn nie gegeben. Ein Echo, anfangs laut und klar, war nun verhallt. Wie sich nach langen Recherchen herausgestellt hatte, gab es ihn tatsächlich nicht. Er war wie ein Traum, der sich in einen Alp verwandelt hat und sie nun, obwohl sie schon lange aufgewacht war, auf Schritt und Tritt verfolgte. Sie hatte all ihre gemeinsamen Jahre hinterfragt, jede Aussage zerfetzt und wieder neu zusammengesetzt, um den Geschehnissen einen Sinn zu geben, den sie in seinen Worten zuvor nicht gesehen hatte. Doch das konnte sie nicht. Da waren keine versteckten Hinweise, keine geheimen Botschaften, die sie auf das Kommende hätten vorbereiten können. Er war ein Meister seines Fachs - und sie die Marionette, welche nach seinen Regeln gespielt hatte, gefangen in den Fäden seines Charmes. Hatte. Nun war das nicht mehr so. Wie konnte es auch anders sein.

Manchmal vermisste sie diese Zeiten, vermisste ihn und das Gefühl, geliebt zu werden, vermisste das Gefühl, trotz allen Widrigkeiten jemanden an der Seite zu haben, mit dem sie ihr Leben ertragen, bestreiten, genießen konnte. Vor allem nachdem sie ihre Familie verlassen hatte, ihre liebenden Eltern, die ihr immer Flügel geschenkt haben.. Sie hat zu weit ausgeholt, ist zu hoch geflogen und dann abgestürzt. Und am meisten hatten wohl ihre Eltern darunter gelitten. Damals. Jetzt fühlte sie den Verlust auch, noch schmerzlicher und kälter als in allen Jahren zuvor. All das hatte sie für eine Illusion hergegeben. Und die Zeit ist grausam - sie hat ihr ihren Vater genommen, die Chance, sich wieder auszusöhnen. Die Frage, ob sie unter diesen Umständen ihrer Mutter noch unter die Augen treten konnte, wusste sie sich nicht zu beantworten.

Deshalb hatte sie sich vorgenommen, erst das eine Familienunglück zu entschlüsseln, zu richten, ehe sie das andere anging. Aus eben jenen Grund saß sie nun auf diesen unbequemen Wartestühlen und lauschte darauf, wann ihr Name aufgerufen wird. Man hatte ihr vor einem halben Monat mitgeteilt, dass es Neuigkeiten zu ihrem Fall gäbe. Daraufhin hatte sie lange auf einen Termin - und insgeheim auf Stellans Anruf gewartet. Sie war sich schon vorher fast sicher gewesen, dass er ihr trotz eines Fundes nichts berichtet hätte, ehe seine Recherchen nicht vorüber waren. Dennoch war ein kleiner Teil von ihr empört, dass er ihr so wichtige Angelegenheiten hinsichtlich ihrer Familie enthielt. Schließlich hatte sie ihm damals auch alle Fragen beantwortet, zu denen sie in der Lage war, eine Auskunft zu geben. Sie scheinen ihn zumindest vorangebracht zu haben.

"Frau Sola bitte in Raum 2, Frau Sola bitte in Raum 2. Danke."

Sie atmete einmal tief durch, nicht sicher, ob sie dazu bereit war, die neuesten Nachrichten von ihrem Detektiv zu hören.


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