Der Rotwein in ihren Gläsern war längst zur Neige gegangen, als Stellan eine Pause in seiner Erzählung machte. Beide schwiegen sie, den eigenen Gedanken nachhängend. „In der Zwischenzeit habe ich auch Sabine kennengelernt.“ Nun war die Bombe raus. Anna, schon wieder ganz bleich, sah ihn aus großen Augen ungläubig an und die Fassungslosigkeit stand ihr einmal mehr ins Gesicht geschrieben.

Stellan hoffte inständig, dass diese Eröffnung nicht wieder zu einem Schwächeanfall führte. Er machte sich auch so schon genug Sorgen um Anna. „Wie sind Sie auf Sabine gestoßen? Bei Ihren Recherchen?“ „Ja und nein“, antwortete Stellan. "Natürlich wusste ich von ihr, als ich mich noch mit Selver befasste. Kennengelernt habe ich sie damals allerdings nicht und sie war auch nicht Ziel meiner Recherchen. Als ich nach all den Jahren jedoch Lorentz wieder traf und er mir von seiner Mutter erzählte, wurde ich neugierig. Die beiden hatten ebenfalls seit einer langen Zeit keinen Kontakt mehr und ich fragte mich einfach, was aus ihr geworden ist.“

Anna sah ihn stumm an und wartete, dass er endlich weiter sprach. „Sie war oder ist also nicht kriminell. Deshalb habe ich sie nicht ausfindig gemacht. Es war einfach Neugier. Ich wollte nur wissen, was für eine Frau mit einem kriminellen Ehemann verheiratet war und wie sie damit umgeht, dass ihr Sohn dieselbe Karriere eingeschlagen hat. Sie war und ist – dass möchte ich ganz deutlich sagen – keine Story für mich. Niemals wird irgend ein Wort über Sabine in einer Zeitung stehen, dass ich geschrieben habe!“ Hörbar ließ Anna die Luft entweichen, die sie angehalten hatte. Sie war sehr erleichtert über diese Worte und hatte keinen Zweifel, dass Stellan es genau so meinte, wie er es sagte. Mittlerweile glaubte sie ihn ganz gut einschätzen zu können und traute ihm nicht mehr zu, dass er etwas im Schilde führte.

„Wie geht es Sabine und wo lebt sie jetzt?“ „Nun ja, auf den ersten Teil der Frage gibt es keine leichte Antwort. Den zweiten Teil kann ich sofort beantworten. Sabine lebt in Hardingsleben, einem Dorf in der Uckermark. Dort war sie nach ihrer Trennung von Selver mit Lorentz hingezogen. Keiner kannte diesen Ort oder wäre auf die Idee gekommen, dass sie in die Uckermark ziehen würde. Also waren alle Spuren von ihr und ihrem Sohn ausgelöscht. Zumindest dachte sie das.“

„Aber wie geht es ihr?“ fragte Anna ungeduldig und ein Knoten bildete sich langsam in ihrem Magen. „Sie lebt – mittlerweile ohne Angst vor Selver - und es geht ihr gut. Sie hat einen Job, mit dem sie ihr Leben finanzieren kann und der noch ein wenig Freiraum für Interessen und Hobbys lässt. In das Dorf ist sie wohl auch ganz gut integriert. Insofern geht es ihr also ganz gut.“ „Aber?“ fragte Anna einmal mehr und der Knoten in ihrem Magen wurde immer fester. „Sie ist einsam“, sagte Stellan, als hätte Anna von allein darauf kommen müssen und der Knoten in ihrem Magen verwandelte sich in einen Eisklumpfen. Das war genau die Antwort, die sie gefürchtet hatte.

Einsamkeit wollte sie für ihre Sabine nicht. Das wünschte sie niemandem. Nur zu gut wusste sie, wie dieses Gefühl einen aushöhlte und zu schaffen machte, bis man nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Dennoch – und bei diesem Gedanken machte sich langsam Trotz in Anna breit – hatte sich Sabine nie mehr bei ihren Eltern gemeldet. Dann kann ihre Einsamkeit wohl doch nicht so schlimm sein.

Abrupt stand Anna auf und verließ das Wohnzimmer. Stellan, der in den letzten Augenblicken eine ganze Flut von Emotionen auf ihrem Gesicht sich widerspiegeln gesehen hatte, sah ihr besorgt hinterher. Zum Schluss hatte ihr Gesicht eindeutig so ausgesehen, als wäre sie böse auf Sabine. Erschöpft ließ er sich nach hinten in das Sofa sinken, schloss die Augen und massierte sich die Schläfen mit den Mittelfingern seiner Hände. Schreiben – OK. Das konnte er und notfalls wurde noch einmal nachgearbeitet und korrigiert. Aber seinem Gesprächspartner sensible Inhalte zu vermitteln, fiel ihm nicht immer leicht. Es kam schon vor, dass er sein Gegenüber falsch einschätzte und dann wurden seine wohlüberlegten und gefälligen Worte einfach nur noch ganz anders, als von ihm beabsichtigt, interpretiert. Das schien auch bei Anna der Fall zu sein.

„Prima“, schalt er sich im Stillen. „Das hast du mal wieder gut hinbekommen, Stellan!“ Während Anna in der Küche am Fenster stand und blicklos durch die Gardine auf die Straße sah, streifte Stellan erschöpft die Schuhe von den Füßen, ließ sich seitlich in die Kissen gleiten und war in kürzester Zeit eingeschlafen. Beide brauchten jetzt Zeit für sich. Sie würden das Gespräch wieder aufnehmen müssen. Aber dafür war morgen noch Zeit.


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