Voller Ungeduld lief Anna nach Hause und betrat ihr Haus. Im Flur stand Stellan, der bereits auf sie gewartet hatte. Anna knöpfte ihren Mantel auf und während sie ihn über die Schulter gleiten lassen wollte, griff Stellan von hinten zu und nahm ihn ihr ab. In stillem Einvernehmen drapierte er ihn auf einem Bügel, während Anna die Nase in die Luft reckte und den verführerischen Duft aus der Küche einsog. Stellan freute sich darüber und fragte gespielt: „Haben Madam einen Tisch für zwei bestellt?“ Anna ging darauf ein und antwortete ebenso galant. „Ja, der Herr. Ein Tisch für zwei. Was können Sie mir denn empfehlen?“ Mit einer angedeuteten Verbeugung hielt er ihr seinen Arm hin und antwortete, während sie die Küche betraten: „Für heute möchte ich Ihnen die Spezialität des Hauses ans Herz legen: Spaghetti mit Tomatensoße und geriebenem Käse. Dazu den besten Rotwein des Hauses.“

Während Stellan über der Spüle die Nudeln abgoss, vergewisserte er sich mit einem Blick über die Schulter, dass seine Überraschung für Anna gelungen war. Diese saß strahlend wie ein Kind im Süßigkeitenladen am gedeckten Tisch und ließ ihren Blick über die beiden angeschlagenen Teller, dass zerkratzte Besteck und die stumpfen Weingläser schweifen. Fast schämte sie sich jetzt ein bisschen dafür, dass sie aus Nostalgiegründen nie ihr Geschirr ausgetauscht hatte. Aber eigentlich spielte das jetzt keine Rolle. Ihr erschien in diesem Augenblick selbst ihr alter Küchentisch mit dem angeschlagenen Geschirr wie eine festlich gedeckte Tafel.

Schnell waren die Nudeln auf den Tellern zu Bergen aufgeschichtet, die Soße darüber gegossen und der Käse geraspelt. Der Festschmaus wurde mit einem Glas Wein eröffnet und beide schlürften lachend die langen Spaghetti ein und beschmierten sich Münder und Gesichter mit der roten Tomatensoße. So einen Spaß bei einem gemeinsamen Essen hatte beide schon lange nicht mehr erlebt. Wie auch, wenn man immer alleine aß? Und so genossen beide die Zeit und freuten sich über das Vergnügen des anderen.

Nach dem Essen und dem Abwasch, den diesmal beide gemeinsam bestritten, gab es jedoch keine Verzögerung, kein Hinausschieben und keinen Aufschub mehr. Stellan spürte fast körperlich, wie es Anna nach dem versprochenen Gespräch verlangte und so goss er die Weingläser noch einmal voll und folgte ihr ins Wohnzimmer, wo sie schon in ihrem Ohrensessel saß und ihm erwartungsvoll und ein bisschen scheu entgegen blickte.

Bedächtig setzte sich Stellan auf das Sofa, reichte Anna das Weinglas, schloss die Augen und begann. „Ich bin Journalist. Seit vielen Jahre recherchiere ich zu kriminellen Vereinigungen und Machenschaften in Europa, decke hier und da Verbindungen auf, mache die Köpfe der Clans ausfindig und schleiche mich undercover ins Milieu ein. Ich war Mitglied in vielen Gangs und habe teilweise dumme Sachen gemacht, um an meine Stories zu kommen.“ An dieser Stelle machte er eine kurze Pause und sah Anna prüfend ins Gesicht. Die aber sah ihn immer noch eher neugierig als abweisend an und so holte er erst einmal wieder tief Luft. Aus Angst, sie könnte ihn dafür verurteilen, dass er „mit von der Partie“ war, hatte er unbemerkt die Luft angehalten und auf ihre Reaktion gewartet. Ein wenig erleichtert erzählte er weiter. „Vor einigen Jahren traf ich dabei auf einen Mann namens Matthias Selver. Sagt Ihnen der Name etwas?“ Anna versuchte sich zu erinnern. Es fiel ihr jedoch niemand diesen Namens ein und so schüttelte sie nachdenklich den Kopf. „Das wundert mich nicht. Unter seinem richtigen Familiennamen war er nur in seinem Milieu bekannt. Außerhalb bediente er sich mehrfach wechselnder Namen. Besagter Selver war Kopf einer kriminellen Bande, die weithin bekannt war und ein gewichtiger Mann im Untergrund.“ „War?“ „Ja“, antwortete Stellan, „war. Er ist seit einigen Jahren tot. Sein Tod hatte damals unter seinesgleichen große Wellen geschlagen. Er hielt recht viele Fäden in der Hand und hatte weitreichende Verbindungen. Da er nie mit einer rechten Hand oder einem Vertrauten gearbeitet hatte, hinterließ er ein großes Loch in der Hierarchie und im kriminellen Gesamtgefüge. Viele andere Ganoven versuchten nach zu rücken und seinen Platz einzunehmen, was zu einer Welle von Gewalt und Tod in der kriminellen Szene führte und für einige Zeit die „Geschäfte“ zum Erliegen brachte. Aber das ist nicht der Grund, warum ich Ihnen von Selver erzähle. Selver hatte eine Frau und einen Sohn, die beide seinen Namen trugen bzw. tragen. Sein Sohn war sein ein und alles und auch seiner Frau schien er ungewöhnlich nahe zu stehen. Dennoch wussten sie nichts von seinem Job.“ Dabei hab er die Hände und deutete die Gänsefüßchen in der Luft an. „Seine Frau dachte wohl, dass er auf Arbeit geht, wenn er frühs die Wohnung verlässt und abends davon erschlagen ist. Alles flog auf, als sein Sohn immer öfter und immer drängender darum bat, mit Papa auf Arbeit gehen zu dürfen. Da er ihm offenbar nichts abschlagen konnte, brachte er ihn eines Tages mit. Ich war zu der Zeit einer kleiner Informant in seiner Gang und machte hin wieder auch Botengänge. Deshalb war ich dabei, als er Lorentz zu ersten mal mitbrachte. Danach war sein Sohn immer öfter da und wurde bald so etwas wie das Maskottchen der Männer. Ich erinnere mich, dass der Kleine das Abbild seines Vaters war und wenn er an dessen Hand herein kam, gab es keinen Zweifel, zu wem er gehörte. Er hatte denselben Wirbel über der Stirn in seinem dunklem Haar, wie sein Vater. Nur den Zug um die Augen konnte ich nicht zuordnen. Den musste er wohl von seiner Mutter haben. Zu Hause erzählte er ihr dann, was er alles gesehen hatte und irgendwann konnte Selvers Frau eins und eins zusammen zählen. Noch am selben Tag verließ sie ihn mit ihrem Sohn und fortan lebte Selver allein.“ Anna hatte sich in Ihrem Ohrensessel zurück gelehnt und schaute Stellan nachdenklich an. „Die Frau, von der sie sprechen, ist Sabine und Lorentz mein Enkel?“ Stellan nickte.

„Vor einiger Zeit blickte ich wieder in ein Gesicht, dessen Zug um die Augen ich nicht kannte. Aber der Wirbel über der Stirn und das ähnliche Gesicht sagten mir sofort, dass ich den nun erwachsenen Lorentz vor mir hatte. Also lud ich ihn auf ein Bier ein. Den Rest unseres Zusammentreffens kennen sie bereits.“ "Sagten Sie nicht, Lorentz kannte seinen Vater nicht?" Abermals nickte Stellan. "Das sagte er mir damals so. Vielleicht wollte er ihn nicht mehr kennen. Aber ich wusste es besser."


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