Während die anderen nicht selten die Sonne wieder am Horizont aufgehen sahen, ehe sie schlafen gingen, war er schon immer eher eine Lerche gewesen. Während die anderen gerade erst ins Land der Träume abdrifteten, lag er bereits wach im Bett und überlegte sich seinen Tagesablauf. Zudem genoss er es, ohne fremde Augen nachdenken und Pläne schmieden zu können, vollkommen ungestört von seinen Kameraden. Zwar war er bis jetzt noch nicht ansatzweise so gut mit irgendeinem Team klargekommen wie mit diesem, doch brauchte er Zeit, um ein guter Anführer zu sein. Deshalb genügte es ihm auch nicht, lediglich einen strikten Plan zu schmieden, da unzählige Faktoren zwischen sie und das Ziel treten konnten. Deshalb schuf er sich in seinen Gedanken jedes mal weitere Szenarien, die mit einbezogen wurden. Dabei nicht den Überblick zu verlieren, bereitete ihm manchmal Kopfschmerzen. Vor allem wenn er dazu noch bedachte, dass ihr Leben in der jetzigen Form bei dem kleinsten Fehltritt ein Ende finden konnte.  Aus diesem Grund war er auch nicht allzu begeistert davon, als sie an der Straße abgefangen worden. Eigentlich hatten Jackson und er das Stadtarchiv unsicher machen wollen, während Michael und Toni in Garage Nr. 3 gehen wollten, um ihre Ausrüstung nochmals zu prüfen. Nur Joel war Zuhause geblieben, um den Telefondienst zu übernehmen. Da dieser zusammen mit Lorentz die Reparatur durchführen würde, wenn denn alles gut ging, sollte er auch ans Telefon gehen, wenn Frau Sola endlich anrief. Lorentz könnte das zwar ebenfalls tun, doch fühlte er sich im Stadtarchiv besser aufgehoben. Er war schneller darin, die gesuchten Quellen zu finden und dann zu durchsuchen. Außerdem wollte er auf dem Weg ein Register erstellen, welches die Zeitungen nach der Wahrscheinlichkeit untergliedert, ob sie darin einen Artikel über Weltreisen und Kulturen im Vergleich drucken würden. Mit ein wenig Glück würden sie sich dadurch viel Arbeit einsparen.

Doch ihr ganzer Tagesablauf wurde auf den Kopf gestellt, als sie plötzlich von zwei Autos abgefangen wurden. An den Lenkrädern saßen Männer mit schwarzen Jacken, einmal geschorenen und einmal gegelten Haaren. Wenn Mr. W einmal etwas von ihnen wollte oder ihnen ein Angebot unterbreitete, was bis jetzt jedoch noch nicht häufig geschehen ist, so schickte er meistens diese beiden Gesellen, von denen Lorentz die Namen nicht kannte. Immerhin kannte er ihr äußeres Erscheinungsbild – das konnte er von Mr. W nicht behaupten. Als Mogul hätte er ihn ansonsten auch nicht ganz ernst nehmen können. Man sollte sich seiner Macht gewiss sein, doch Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste – Verrat könnte an jeder Ecke lauern.

Da sie sich ihm nur schwer widersetzen konnten, bedeutete Lorentz ihnen, einzusteigen. Es wunderte ihn allerdings, dass seine Kameraden dieses Mal ebenfalls mit zugegen sein sollten – das war bis jetzt noch nie passiert. Ob sie bereits alleine abgefangen worden sind, konnte er dabei aber nicht sagen. Möglich war es, doch er wollte keine Spekulationen aufstellen. So schwiegen sich alle die halbe Stunde Fahrt an, bis sie in einer Tiefgarage angelangten und dort das Auto abstellten. Kurz darauf verband man ihnen die Augen. Jeweils zwei von ihnen wurden von einem Wachmann eskortiert. Wer neben ihm lief, konnte er trotz aller Konzentration nicht sagen. Die Schritte schwollen zu einem simultanen Tongemenge an und er war zu weit entfernt, um das Armband an der Hand seines Kameraden zu ertasten.

Das war allerdings auch nicht notwendig. Sie hatten vor langer Zeit einmal ausgemacht, in welcher Reihenfolge sie mit dem Zählen der Abbiegungen dran seien. So würden sie den Rückweg, müssten sie sich denn in einer Krisensituation selbst zurechtfinden, selbst erschließen können. Bei dem System sind sie narrensicher vorgegangen und haben sich am normalen Alphabet orientiert. So wusste jeder, orientiert an seinem Vornamen, wann er mit dem Merken dran war. Dabei musste sich jeder fünf Abbiegungen merken, je nachdem, wann er dran war. Natürlich war es ein fragiles Konzept, schließlich barg es einige Schwierigkeiten, doch etwas besseres war Lorentz bisher nicht eingefallen. Den Faden der Ariadne konnten er wohl schwerlich nutzen.

So wurden sie die langen Flure entlang geführt, welche zunehmend immer muffiger rochen. Wo auch immer sie unterwegs waren: Freundlich roch es hier nicht. Doch sie störten sich nicht weiter daran, sondern warteten nur gebannt darauf, was sie erwartete. Als sie endlich in den kahlen Raum entlassen wurden und ihre Augenbinden abnehmen durften, erwartete sie lediglich ein Tisch, auf dem ein Zettel lag. Nichts weiter passierte. Keine Stimme erscholl, keine Personen kamen hinzu. Das ließ sie allerdings nicht glauben, dass sie nicht beobachtet wurden. Deshalb bewegte Lorentz sich langsam auf den Tisch zu und begann, der Zettel zu entfalten, den Inhalt zu lesen, während die andern auf seine Reaktion warteten.

Er versuchte ein glattes Gesicht zu wahren, was jedoch schwerfiel, da Euphorie heiß durch seine Adern rauschte, Magma gleich in ihm hoch kochte, gewillt, nach außen zu dringen. All das, worauf sie in den letzten Jahren hin gearbeitet hatten, würde hiermit und mit dem Versprechen von mehr entlohnt werden. Doch sie müssten dafür alle jetzigen Pläne aufgeben. Aus irgendeinem unerfindlichem Grund schwante Lorentz, dass damit auch die Recherchearbeit über den ominösen Fremden gemeint war.


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