Nicht lange, nachdem Anna das Haus verlassen hatte, erwachte Stellan aus seinem unruhigen, oberflächlichen Schlaf. Immer noch erschöpft von der Nacht und übermüdet, weil er nicht genug geschlafen hatte, rieb er sich die Augen und versuchte, irgend ein Geräusch von Anna auf zuschnappen. Aber im Haus war es still – keine knarrenden Dielen, kein Geklapper von Geschirr oder Besteck, nichts. Langsam stand Stellan auf, warf einen Blick in die nun wieder aufgeräumte Küche, ging zum Bad und vergewisserte sich, dass die Tür nicht verschlossen und rief schließlich nach oben, wo Anna‘s Schlafzimmer sein musste. Aber es blieb alles still und als er seine Runde durch die Zimmer noch einmal drehte, stellte er im Flur fest, dass ihr Mantel fehlte. Anna ist gar nicht zu Hause, fragte er sich? Wo ist sie hingegangen?

Währenddessen saß Anna in der städtischen Bücherei – hier war sie seit vielen Jahren Dauergast und traf sich mit anderen Damen und Herren ihres Alters, um gemeinsam zu lesen und das Gelesene zu diskutieren – und blätterte Zeitschriften durch. Sie war auf der Suche nach einem ganz bestimmten Artikel, den sie drei oder vier Wochen zuvor im Weltenbummler gemeinsam mit Alfred gelesen hatte. Alfred, ein unternehmungslustiger Rentner, war eine Bekanntschaft aus der Bücherei und auch außerhalb ihrer Lesestunden immer gern bereit, Anna zu unterstützen oder einfach einen Spaziergang im Park mit ihr zu genießen. Er saß neben ihr – Anna hatte ihn angerufen, nachdem sie ihr Haus verlassen hatte - und durchsuchte ebenfalls die Weltenbummler, die sich vor ihm und Anna auf dem Tisch stapelten.

Da! Endlich! Alfred deutete aufgeregt auf den Artikel über organisierte Kriminalität in Europa und unter dem Artikel stand der Name des Autors: Stellan Lindberg! Also hatte sich Anna richtig erinnert. Allein die Namensgleichheit sagte noch nicht, dass ihr Stellan und der Journalist die gleiche Person waren. Um das heraus zu finden, musste sie weitere Recherchen durchführen und dabei konnte sie niemand besser unterstützen als Alfred. Computer und Internet waren nichts für Anna. Aber Alfred hatte sogar einen eigenen Computer und „surfte“ - Anna glaubte sich erinnern zu können, dass er es so genannt hatte – mehrmals wöchentlich im Internet und das Internet wusste doch schließlich alles, oder? Gespannt auf das, was sie finden würden, drängte Anna Alfred zu einem freien Computerplatz, warf ein paar Münzen ein und starrte gebannt auf den Bildschirm. Alfred hatte derweil den Namen eingegeben und um das Wort Journalist ergänzt. Die Ergebnisse waren sofort sichtbar und so öffneten sie den ersten Link auf der Ergebnisseite, der zu einer geschäftlichen WebSite führte. Als erstes sprang ihnen ein Bild von Stellan entgegen!

1975 in München geboren, Vater Schwede, Mutter Deutsche, Schule und Abitur in München, Journalismus-Studium in Berlin, freiberuflich tätig. Auf seiner Website waren viele seiner Artikel auszugsweise dargestellt, daneben Preise, die er für seine Leistungen bekommen hatte und eine Liste großer Verlage und Zeitungen, für die er bislang tätig gewesen ist. Schwerpunkte seiner Arbeit sind Lebensphilosophien, Tierporträts und Untersuchungen, inwiefern der Mensch bei seinen Philosophien Gleichnisse im Tierreich findet. Große Aufmerksamkeit haben seine Veröffentlichungen zu Untersuchungen von Familienverbänden im Vergleich zum Sozialverhalten von Wölfen erregt. Aber auch Themen wie die Entstehung von Auseinandersetzungen und Kriegen oder Auswirkungen unterschiedlicher Schulsysteme auf die Kriminalitätsrate und deren Vergleiche mit der Fauna sind in seinem Repertoire.

Beeindruckt sehen sich Anna und Alfred an. „Warum interessiert dich dieser Stellan Lindberg denn eigentlich so?“ „Just im Augenblick liegt er bei mir zu Hause auf dem Sofa und schläft.“, antwortet Anna. Alfred, der ihr zunächst kein Wort glaubt, schaut sie herausfordernd an und schweigt, bis Anna endlich beginnt, ihm zu erzählen, was in den letzten beiden Tagen bei ihr vorgefallen ist. Als sie endet, starrt Alfred sie mit großen Augen sprachlos an. Das hörte sich ja an wie in einem Krimi. „Und jetzt will er dir tatsächlich Antworten auf all deine Fragen geben?“ Anna zuckt leicht mit den Schultern, nickt jedoch. „Das hat er gesagt und ich vertraue ihm – auch wenn er eigentlich ein Einbrecher ist.“ fügt sie noch augenzwinkernd hinzu und lächelt.
Alfred hätte sie gern begleitet. Er wollte Anna vor dem Fremden beschützen und war natürlich auch neugierig auf die ganze Geschichte und Stellan selbst. Wer konnte schon von sich behaupten, einen Journalisten schlafend auf seiner Couch liegen zu haben? Aber Anna lehnte sein Angebot ab. Zu persönlich war das Thema und sie befürchtete auch, dass Stellan es falsch verstehen würde, wenn sie Alfred mitbrachte. Die Vertrautheit, die sie heute beim Frühstück mit ihm gefühlt hatte, würde darunter leiden. Daran hatte sie keinen Zweifel.

Eilig, aber nicht ohne Herzlichkeit, verabschiedete sie sich von Alfred und versprach, sich bald bei ihm zu melden. Dann lief sie, so schnell es möglich war, zum Bus, erwischte sofort ihre Linie, setzte sich ungeduldig in die Nähe der Tür und stellte nach den ersten tiefen Atemzügen fest, dass sie sich freute! Die Antworten auf ihre Fragen fürchtete sie etwas. Sie bereiteten ihr ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. Worauf also freute sie sich? Und wie sie noch darüber nachdachte, ging ihr auf, dass sie schon lange nicht mehr in der Gewissheit nach Hause gegangen ist, dass dort jemand auf sie wartete.


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