Mit gefurchter Stirn saßen die vier Männer auf der Kunstledercouch, jeweils einen Laptop auf den Knien haltend, und versuchten bereits seit Stunden, das Gesicht des Fremden wiederzufinden. Jackson schwor, dass er bei einer seiner Recherchen schon einmal auf ihn gestoßen sei. Er konnte sich nur nicht mehr daran erinnern, worum es in dem Artikel ging. Er hatte sich damals nur die Überschrift angeschaut und den Text nach Schlüsselwörtern durchsucht. Da diese jedoch ausblieben und er noch einiges für ihren damaligen Fall recherchieren musste, hatte er die Passage einfach übergangen. Er meinte sich jedoch zu entsinnen, dass es etwas mit einer Weltreise war, und Kulturen im Vergleich thematisierte, doch seine Beine würde er darauf nicht verwetten. Er konnte nicht einmal mehr sagen, ob dieser Kerl den Text selbst verfasst hatte oder ob er lediglich von ihm handelte. Selbst die Zeitung wollte ihm nicht mehr einfallen. Also staubten sie gerade alle öffentlichen Internetausgaben zusammen, von denen sie wussten, dass sie diese in den letzten zwei Jahren genutzt hatten. Sie führten zwar einen Katalog, der ihnen die Arbeit erleichterte, doch es haben sich in den letzten Wochen unbemerkt so viele Texte angesammelt, dass sie weder aus noch ein wussten. Zudem waren nicht einmal alle Ausgaben online zu finden.

Stunden zogen ins Land und verabschiedeten sich bereits wieder, die Sonne zeigte nur noch ihren Abglanz, ohne dass jemand auf einen Hinweis gestoßen war. Und wo Toni blieb, konnten sie auch nicht sagen, da er sein Handy auf stumm gestellt hatte. So kämpften sie sich mit müden Augen durch die vielen Buchstaben, welche langsam vor ihren Augen verschwammen. Normalerweise hatten sie immerhin noch Kaffee oder grünen Tee auf Vorrat – Energiedrinks waren nicht so günstig für gute Konditionen und starke Nerven – da sie in den letzten Tagen jedoch nicht einkaufen gewesen sind, ist dieser nun zur Neige gegangen. So funktionierten die Zahnräder in ihren Köpfen nicht mehr richtig, kamen langsam zum Stehen. Zumindest stellte sich Jackson den Vorgang der Müdigkeit so vor, welcher langsam sein Tribut forderte. Deshalb tat es Joel auch überhaupt nicht leid, als er sich auf den Weg begeben musste, um sein wöchentliches Boxtraining wahrzunehmen.

Als Lorentz sich langsam ernstlich Sorgen darüber zu machen begann, wo Toni nun eigentlich steckte, kam dieser vollgepackt bis oben hin in die Wohnung gestiefelt. Er schien die dampfenden Köpfe vermutlich bis zu dem Haus von Frau Sola gesehen zu haben – oder er hatte seinen eigenen knurrenden Magen vernommen, der den Tribut des langen Arbeitstages forderte. Erfreut standen die drei deshalb auf, Michael nahm Toni einen Beutel ab und Jackson begab sich nach unten, um die letzten beiden Einkaufstüten aus dem Auto zu holen. So packten sie in aller Ruhe aus, kochten sich eine Kanne Kaffee und aßen zu Abend. Nachdem alle wieder einen klaren Gedanken fassen konnten, wandte sich Lorentz schließlich Toni zu. „Wo hast du die ganze Zeit über gesteckt? So lange kann das Einkaufen ja nicht gedauert haben.“ 

„Es hat lange gedauert, bis ich überhaupt die Chance bekommen habe, ein Bild von diesem Kerl zu schießen. Ich habe geklingelt, aber niemand hat aufgemacht. Da ihr Auto unter´m Carport stand, bin ich um das Haus in den Garten geschlichen und hab´ mich in irgendeinem Busch versteckt.“ Daraufhin fragte Lorentz scharf nach, ob er an die Nachbarn gedacht hatte. „Lass ihn doch in Ruhe erzählen. Dazu wird er bestimmt noch kommen.“, meinte Michael ruhig. So fuhr Toni fort: „Von dort aus hatte ich einen halbwegs guten Blick auf Frau Sola und diesen Fremden. So entstand auch das Bild von ihm. Sie schien tief und fest zu schlafen – zumindest hat sie die Klingel nicht gehört. Und er saß träumend auf dem Sessel. Sonderlich viel gab es nicht zu sehen. Deshalb wollte ich mich wieder auf den Weg machen, um nach seinem Auto zu suchen. Da kam jedoch eines der Nachbarkinder verfrüht nach Hause. Also musste ich warten, deshalb hat es so lange gedauert.“

„Und was ist mit dem Auto? Konntest du sein Kennzeichen herausfinden?“

„Es war in der näheren Umgebung kein Auto geparkt, das nicht zu einem Hausbesitzer gehört. Da sind zwar ein paar Spaziergänger unterwegs gewesen, aber die haben ihr Auto wieder mitgenommen.“

Lorentz seufzte auf, nickte den Bericht ab und begann von ihren Recherchen zu berichten. Da sie bis jetzt noch nicht fündig geworden sind, hatte er beschlossen, morgen ins Stadtarchiv zu gehen – da bewahrten sie ja in der Regel allerlei örtliche Zeitungen auf. Mit dem Katalog sollte er doch recht schnell fündig werden. Wenn sie nur seinen vermaledeiten Namen kennen würden! Das hätte die ganze Sache um ein Vielfaches erleichtert. Doch es brachte nichts, sich jetzt darüber aufzuregen. Deshalb entließ er alle für diesen Abend und begab sich auf den Weg ins Bett.  


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