Als Anna wieder erwachte, war längst der neue Tag angebrochen. Mit einem leisen Seufzer schlug sie ihre Augen auf und wusste erst gar nicht, wo sie sich befand. Dann erkannte sie ihr Wohnzimmer und sah sich verwundert um – bis ihr Blick an dem von Stellan hängen blieb. Voller Entsetzen realisierte sie, dass sie nicht geträumt hatte. Stellan hatte ihr tatsächlich ein Lebenzeichen von Sabine oder vielmehr deren Sohn - ihrem Enkel – gebracht. Nach all den Jahren ohne einen einzigen Hinweis auf Sabine hatte sie nun erfahren, dass sie einen Sohn allein groß gezogen hatte.


Stellan saß im Sessel und war beim ersten Geräusch von ihr aufgeschreckt. Gegen Morgen war er völlig übermüdet und erschöpft eingenickt. Er hatte die ganze Nacht über Anna gewacht, war stundenlang im Wohnzimmer auf und ab gelaufen, hatte sich mit Vorwürfen überhäuft und tausend Schwüre geleistet, so etwas nie wieder zu tun. Damit musste nun endlich Schluss sein! Sobald es Anna besser ging, würde er seine Unterstützung zu derlei Vorhaben aufkündigen und wieder seiner Wege gehen. Damit hatte er ein für allemal abgeschlossen!

Der gepeinigte Blick aus ihren Augen schmerzte ihn. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht, als ihr klar wurde, weshalb sie im Wohnzimmer auf der Couch lag und Stellan bei ihr war, sagte mehr über ihren Schmerz, als Worte in der Lage gewesen wären. Langsam versuchte Anna, sich aufzusetzen um das Sofa zu verlassen. Stellan, noch immer zu tiefst beschämte, ging zu ihr, hielt ihr fragend die Hand an den Oberarm und griff unter denselben, als sie leise nickte. Er half ihr aufzustehen und hielt sie noch solange fest, bis sie langsam und vorsichtig in Richtung Flur lief. Bislang war noch kein einziges Wort zwischen den beiden gefallen. Aber das Erkennen der Situation und ihrer beider Rollen darin bedurfte keiner Worte mehr.

Da Anna im Bad verschwunden war, ging Stellan in die Küche, suchte und fand Kaffeebohnen und die Mühle, Filtertüten und die Kaffeemaschine und machte sich ans Werk. Als der Kaffee durchlief und von Anna noch nichts zu sehen war, warf er einen Blick in den Kühlschrank und fand diesen gut bestückt. Also rührte er noch ein paar Eier zusammen, warf etwas Schinken dazu und freute sich auf die Überraschung, die er Anna damit bereiten konnte. Während die Butter in der Pfanne schmolz, machte er sich wieder Gedanken über ihren Schwächeanfall vom Vorabend. Was konnte nur vorgefallen sein, dass sie so heftig reagierte hatte? Natürlich wusste er nichts zu den Begleitumständen, sondern nur ein paar Fakten. Die aber sagten nichts darüber aus, warum Anna‘s Zustand sich in Sekundenschnelle so sehr verschlechtert hatte.

Als der Duft von frischem Kaffee, goldgelbem Toast und Rührei mit Schinken das Haus erfüllte, betrat Anna die Küche. Sie hatte ihn schon eine ganze Weile werkeln gehört, konnte sich jedoch keinen rechten Reim darauf machen. Er war offenbar die ganze Nacht über bei ihr geblieben und seinem Gesichtsausdruck bei ihrem Erwachen nach zu urteilen, hatte er sich Sorgen um sie gemacht. Warum? Anna verstand gar nichts mehr. Dieser Fremde, der in ihr Haus gegangen war, in ihrem Sessel breitgrinsend auf sie gewartet hatte und ihr dann eine Geschichte über ihren Enkel und seine Mutter aufgetischt hatte, schien sogar ein schlechtes Gewissen zu haben. Zumindest bildete sich Anna ein, auch dies heute Morgen in seinen Augen gesehen zu haben. Das und mehr. Da waren auch Wut und Entschlossenheit und ein Schmerz, der möglicherweise nicht mit ihr zu tun hatte. Jetzt jedoch sah er sie mit einem Lächeln auf den Lippen an. Dieses Lächeln tat gut und steckte an. Also ging Anna lächelnd zu ihrem Platz am Tisch, an dem bereits ein Teller mit einer großen Portion Rührei und Toast stand, nickte Stellan freundlich zu und setzte sich.

Das gemeinsame Frühstück machte Spaß. Anna, die so lange schon morgens allein war und Stellan, der eigentlich nirgends so richtig sesshaft war, genossen die stille Zweisamkeit und das gute, wenn auch einfache, Essen. Das heiße Rührei wärmte nicht nur den Magen, sondern auch die Seele und ganz unbemerkt knüpfte sich zwischen ihnen ein Band der Freundschaft und des gegenseitigen Verstehens. Es gab viele Fragen, auf die Anna Antworten erwartete. Aber noch war keiner von beiden bereit, die freundschaftlich geteilte Stille zu brechen.
Nach dem gemeinsamen Frühstück machte sich Anna über den Abwasch her. Stellans Angebot, ihr dabei zu helfen, lehnte sie ab. Sie wollte mit ihren Gedanken alleine sein und das ging nirgends besser als beim Abwaschen. Stellan verschwand unterdessen ins Wohnzimmer. Ihm war klar, dass Anna Antworten wollte. Antworten brauchte! Er konnte nicht einfach gehen und sie mit ihren Gedanken allein lassen. Er würde ihr Rede und Antwort stehen. Auch, wenn sie ihn danach hinauswerfen und nie wieder sehen wollen würde. Davon ging er fest aus. Er setzt sich aufs Sofa, völlig in Gedanken versunken und war schon nach wenigen Augenblicken eingeschlafen.

Als Anna eine halbe Stunde später ebenfalls das Wohnzimmer betrat, war er – halb sitzend und halb liegend – auf der Couch zusammengesunken und schnarchte leise. Vorsichtig hob Anna noch seine Füße auf das Sofa und deckte ihn mit der Decke zu, mit der er sie vor ein paar Stunden ebenfalls zugedeckt hatte. Dann zog sie ihre Jacke über und verließ das Haus.


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