Mit den Fingerknöcheln knirschend saßen mittlerweile alle fünf Kumpane um den massiven Holztisch herum verteilt und hingen ihren Gedanken nach, was jedoch recht beschwerlich war, da ein lauter Bass ihre Fenster vibrieren ließ. Das führte allerdings am Ende meistens dazu, dass ein Nachbar entnervt an der Tür klopfte oder gar bei der Hausverwaltung anrief, weshalb sie ihre Musik herunter drehen und einmal sogar Strafe zahlen mussten, doch das war es ihnen wert. Sie besaßen zwar auch Codewörter und Verschlüsselungen für ihre öffentlichen Gespräche und „privaten“ Nachrichten, doch Zuhause wollten sie in ernsten Fällen normal miteinander reden können. Lorentz setzte sich aufrecht hin und klopfte einmal kräftig auf den Tisch, um den anderen zu verdeutlichen, dass ihr Treff nun offiziell eröffnet war. Er wurde nie von der Mehrheit gewählt oder sonst in einer Form zum Oberhaupt ihrer Gruppe ernannt und dennoch hat er sich schnell in seine Rolle eingefunden, neue Ideen hervorgebracht, wie sie an Geld kommen könnten – sie waren nicht immer in diesem Bereich tätig gewesen, sondern haben zuvor auch geschmuggelt und gestohlen -, notwendige Materialien für ihre Showeinlagen organisiert und wichtige Kontakte geknüpft. Letzteres konnte er aber nicht ganz auf seine Kappe nehmen. Wenn man so einen Vater wie er hatte, kam man nicht drumherum, allerlei Bekanntschaften zu schließen. Selbst jetzt noch konnten die Leute aus seiner Domäne etwas mit dem Namen Selver anfangen – und dabei war sein Vater bereits seit mehreren Jahren tot.

Er erinnerte sich nur noch daran, dass Tage später eine Geburtstagskarte unter seiner Wohnungstür durchgeschoben worden war, auf der stand, dass er nun, da er ein Jahr älter geworden sei, seinem Vater glatt näher war als den Kinderschuhen. Er saß wirklich lange über dem Brief, da er sich nicht im Geringsten zusammenreimen konnte, was zum Hades das sollte. Dass dies eine verschlüsselte Nachricht sein musste, war ihm klar, schließlich ließ sein Geburtstag noch auf sich warten, die Glückwünsche waren kryptisch formuliert und als Absender stand lediglich „dein alter Freund aus Collegezeiten“ da. Zudem freute sich dieser über seinen baldigen Besuch, ohne eine Adresse zu hinterlegen. Dementsprechend hat sich Lorentz sogleich seine schwarze Jacke geschnappt, seine Sneaker angezogen und ist langsam die Treppe herunter spaziert. Von der Tür aus hatte er nur die Straße runter bis zur Kreuzung laufen müssen, bis ein Ford neben ihm anhielt, welchen er mit kräftigem Winken begrüßte.

Von da an war es ein recht kurzer Trip, ehe er sich in einem kleinen Raum wiedergefunden hatte, welcher durch eine verspiegelte Scheibe von dem Nachbarraum getrennt wurde. Von dort aus hat ihm eine metallische Stimme erklärt, dass sein Vater bei einem Auftrag umgekommen war. Doch auf die Fragen, worum es bei dem Auftrag ging, wo er denn gestorben und was mit seinem Körper passiert sei, bekam er keine Antwort. Es wurde lediglich abrupt das Licht ausgeschaltet, kurz darauf wurde ihm eine Maske über das Gesicht gezogen und man hatte ihn hinausgeführt, obschon er Widerstand geleistet hatte. Doch gegen die Muskelberge hatte er nicht ankommen können. Und trotz vieler Recherchen hatte er nicht mehr darüber herausfinden können. Sein Name tauchte nicht in den Nachrichten auf, was Lorentz nach wie vor ziemlich verwunderte, und in seiner Wohnung, deren Schlüssel er erst Wochen später erhalten hatte, gab es auch keinerlei Hinweise – Oh Wunder! Doch es war sinnlos, diesen Gedanken nachzuhängen, da sie schlussendlich zu nichts führen würden. Es gab Dringlicheres zu tun.

„Wir sind auf Bewährung. Mr. W hat unsere letzte Aktion beobachtet – und er fand sie schlecht. Oder zumindest nicht gut genug. Am Ende läuft es auf´s Selbe hinaus. Wir bekommen für´s Erste keine fetten Aufträge von ihm. Ihr habt die Lage gut überwacht und die Fluchtwege kenntlich gemacht. Joel und ich wussten, an welchem Haus wir nicht vorbeirennen durften, weil uns sonst ein Kläffer angegangen hätte. Wir kannten die Arbeitszeiten und Namen der Nachbarn. Der einzige Faktor, der uns einen Strich durch die Rechnung gemacht hat, war dieser Fremde. Am liebsten würde ich ihm dafür seine Visage polieren. Doch unser Plan hat Vorrang. Und ich glaube nicht, dass er uns ein zweites Mal auf den Geist gehen wird. Also müssen wir alles daran setzen, den zweiten Teil unseres Plans so effizient wie möglich in die Tat umzusetzen. Irgendwelche Vorschläge?“, erwartungsvoll schaute er in die Runde. Jackson saß auf seine Handfläche gestützt da und schaute gedankenversunken aus dem Fenster. „Wir haben den Plan mehrfach durchgesprochen – jetzt müssen wir nur noch die letzten Vorbereitungen treffen und darauf warten, dass sie anruft. Michael und ich gehen morgen ins Lager und schauen, ob wir soweit alles haben. Ihr könnt euch in der Zeit schon ´mal überlegen, wie wir weiter machen. Und einkaufen wäre auch nicht schlecht, aber das könnten notfalls auch wir auf dem Rückweg übernehmen.“

Lorentz trommelte mit den Fingern auf dem Tisch herum. Etwas Besseres fiel ihm jedenfalls nicht ein. Das sind genau die Schritte, die noch zu gehen waren, um aus dieser fast gescheiterten Aktion noch einen Erfolg zu machen, weshalb er bestätigend nickte und sich rückwärts auf die Couch fallen ließ, was meistens bedeutete, dass die Sitzung zu Ende war. „Aber sollten wir nicht zumindest herausfinden, ob der Fremde uns gesehen und Frau Sola etwas mitgeteilt hat? Das könnt´ einen ziemlich Risikofaktor bedeuten. Das sollten wir nicht einfach ignorieren.“, meint Joel. Bevor sich noch jemand zu Wort melden konnte, stand Toni auf und erklärte sich bereit, bei ihr noch heute Nachmittag vorbei zu schauen. So könnte er vielleicht einen Blick auf den Fremden erhaschen und herausfinden, wie sie momentan gestimmt sind. „Aber wie willst du bei ihnen aufkreuzen, ohne dass es auffällt?“, fragte Lorentz vorsichtshalber. „Ich habe noch immer die Weste aus meiner Zeit als Tierparkhelfer. Ich könnte klingeln und nach einer Spende für die Tiere fragen. So bin ich erst mit dem jungen Paar ins Gespräch gekommen, falls du dich noch daran erinnern kannst.“, antwortete er sachlich und begab sich Richtung Tür. „Nimm zumindest das andere Auto!“, rief er ihm hinterher.


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