Alles Blut wich sturzartig aus ihrem Gesicht. Anna wurde schwarz vor Augen und während sie hilfesuchend mit ihren Händen nach Halt an der Kommode hinter sich tastete, war Stellan aufgespruchen, hatte ihr unter einen Arm gegriffen und sie gestützt. So eine heftige Reaktion hatte er nicht erwartet. Anna keuchte und tat ihr Bestes, auf den Beinen zu bleiben, die langsam unter ihr nachgaben. Stellan zog sie mehr als das er sie führte zu ihrem alten Ohrensessel und half ihr, sich hinein zu setzen. Vorsichtig drückte er Anna in das Polster und warf dabei verstohlene und sorgenvolle Blicke in ihr Gesicht. Das schlechte Gewissen machte sich bei ihm breit, weil er Anna nicht besser auf die unverhoffte Konfrontation mit einer Geschichte über ihre Tochter vorbereitet hatte. Offenbar hatte es Zwischenfälle in der Vergangenheit gegeben, die sie so heftig hatten reagieren lassen. Zwischenfälle, die über den vollständigen Kontaktverlust hinaus gingen und von denen er nichts wusste. Da war die Recherche wohl doch nicht so gut gewesen.

Einmal mehr machten sich Wut und Widerwillen in ihm breit. Besorgt sah er zu Anna, drehte sich dann um und ging eiligen Schrittes in die Küche, um ein Glas Wasser für sie zu holen. Das hätte ihm gerade noch gefehlt, dass sie hier einen Herzinfarkt bekam und er sie ins Krankenhaus einliefern lassen musste. Bis sie wieder einigermaßen auf dem Damm war, musste er unbedingt bei ihr bleiben. Nur so konnte er sicherstellen, dass Anna sich von dem Schock wieder erholte. Wo waren nur die verfluchten Gläser?

Anna saß in ihrem Sessel und hörte das Klimpern von Geschirr und Türenschlagen der Schränke aus der Küche. Viel lauter jedoch war das Klingeln in ihrem Kopf. Sabine! Nach all den Jahren! Ein Lebenszeichen von ihrer Sabine…! Mit ihrer rechten Hand griff sie sich an ihr schmerzendes Herz und rang nach Atem. Ihr Kopf war wie leer gefegt und immer noch befürchtete sie, gleich in Ohnmacht zu fallen. Stehen hätte sie jetzt nicht mehr können. Die Nachricht hatte all ihre Kraft geraubt. Sie fühlte sich um Jahrzehnte gealtert. Als das Geklimper in der Küche endlich verstummt war und der Wasserhahn lief, bemerkte sie, dass ihr Mund schon seit einiger Zeit völlig ausgetrocknet war. Langsam hob sie ihren Kopf, die Hand noch immer auf ihr Herz gepresst, und sah in der Tür zur Küche Stellan mit einem Glas Wasser stehen.

Besorgt um Anna hatte Stellan alle Schränke durchsucht, bis er endlich auf Gläser gestoßen war. Nun schnell noch Wasser und wieder zurück zu ihr. Hoffentlich war sie in der Zwischenzeit nicht ohnmächtig geworden. Als er eilig zurück ins Wohnzimmer laufen wollte, stoppte ihr Anblick ihn abrupt in der Tür zum Wohnzimmer. Zusammengesunken saß sie in ihrem Sessel und, eine Hand auf ihr Herz gelegt, schaute sie ihm mit hilflosem Blick aus ihrem bleichen Gesicht entgegen. Sie schien um Jahre gealtert zu sein. Stellan machte sich heftige Vorwürfe und verfluchte einmal mehr den Tag, an dem er Lorentz getroffen hatte.

Zögernd näherte er sich Anna, setzte ihr das Glas an die Lippen und half ihr zu trinken. Gierig trank Anna. Sie fühlte sich wie ein ausgetrockneter Brunnen. Langsam fühlte sie wieder die Lebenskräfte fließen. Dankbar sah sie Stellan an und nickte ihm mit einer vorsichtigen Bewegung ihres Kopfes zu. Der drehte sich schnell um und ging zurück in die Küche, damit sie die Bestürzung in seinem Gesicht nicht sehen konnte. Das alles war seine Schuld und sie war auch noch dankbar. Unter größten Vorwürfen füllte er erneut das Glas mit Wasser und ging zurück ins Wohnzimmer. Anna sah bereits etwas besser aus und so ermutigte er sie, noch einmal zu trinken. Aber Anna schüttelte nur leicht den Kopf. Alles, was sie jetzt tun musste, war schlafen. Mit schwacher Stimme bat sie Stellan: „Bitte helfen Sie mir zum Sofa. Ich möchte mich etwas ausruhen.“

Ganz vorsichtig half Stellan ihr aufzustehen, die zwei Schritte zum Sofa zu gehen und sich zu setzen. Schnell räumte er die Kissen beiseite, bereitete ihr ein Bett und half ihr, sich hinzulegen. Vorsichtig bettete er ihre Beine auf dem Sofa, zog ihr die Stiefel aus und deckte sie mit der Decke, die auf dem Sofa gelegen hatte, sanft zu. Anna, zu keiner Regung mehr fähig, fiel sofort in einen erschöpften Schlaf.
Verloren stand Stellan in Anna's Wohnzimmer und fühlte sich schuldig, unglücklich und einsam.  Leise schob er den fadenscheinigen Ohrensessel so, dass er einen Blick auf das Sofa und die schlafende Anna hatte, setzte sich und stützte den Kopf in beide Hände. Blicklos starrte er auf die kleine, verlorene Gestalt vor sich und hoffte, dass sie sich wieder erholen würde. Das hatte er nicht gewollt.


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